Off-Spaces - Nachtspeicher23

Off-Spaces: Nachtspeicher23, Hamburg

Jede Woche präsentiert art alternative Kunstorte in Deutschland. Diesmal: der Nachtspeicher23 in Hamburg.
Trainingslager der Subkultur:Off-Spaces: Nachtspeicher23, Hamburg

Pat Kramer: "Brand auf Georg", 2010, Ausstellungsansicht

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Boje Arndt Kiesiel: Die Ausstellung von Michael Rockel zum Beispiel hat viele Gäste angezogen; es kamen auch viele seiner Mitstudenten zur Vernissage. Das war klasse, da das gleich eine unserer ersten Ausstellungen war.

Und der größte Misserfolg?

Höhere Wesen befahlen mir nicht darüber zu sprechen ... Die meisten KünstlerInnen waren auch bei einer mal nicht sooo gut besuchten Ausstellung zufrieden. Und wir entwickeln den Nachtspeicher stetig weiter.

Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielt?

Seit wann spielt bei Off-Spaces Geld eine Rolle? Mehr internationale KünstlerInnen und Initiativen einzuladen wäre für uns reizvoll.

Ihre Philosophie beziehungsweise Ihr Konzept in einem Satz?

Wir haben den Nachtspeicher23 sehr bewusst als gemeinnützig anerkannten Verein gegründet, um uns unkommerziell und unkonventionell für die Kunst einsetzen zu können und diese im Kontext unterschiedlichster, zeitgenössischer Positionen zu fördern. Kunst braucht Raum.

Was ist Ihre Motivation, einen solchen Off-Space zu betreiben?

Für uns ist die Vernetzung in alle Richtungen, der künstlerische Austausch und Erfahrung zu sammeln wichtig. Wir sind selber alle Künstler und der zeitliche Aufwand, zwei Ausstellungen im Monat zu wuppen, ist manchmal schon eine ziemliche Herausforderung – die Aufgaben wachsen mit uns. Wir sind uns einig, dass sich die Mühe lohnt. Da hat jeder von uns auch noch seine ganz persönliche Motivation.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Wir sind generell offen für interessante Positionen, man kann sich sehr einfach über unsere Webseite bewerben. Wir entscheiden dann nach den Werken beziehungsweise den digitalen Abbildungen davon, und dann wird in unserem unverzichtbarem internen Forum streng demokratisch abgestimmt. Das klappt trotz aller Bedenken gegenüber digitalen Fotos von Arbeiten auch ziemlich gut. Manchmal ist es aber doch notwendig, eingehender zu reden und die Werke und Künstler persönlich kennen zu lernen. Das Bauchgefühl spielt dabei auch eine Rolle und ist dann wichtiger als die zu erwartende Besucherzahl oder gar mögliche Verkäufe.
Und: Überraschungen gibt es immer, das macht die ganze Sache ja auch so spannend!

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:

Skurril auf eine angenehme Art war sicher die authentische Ausstellung des Ateliers von Uli Pforr, dessen Arbeitsraum an der Reeperbahn mit dem Gebäude drumherum abgerissen werden sollte. Wir luden ihn daher ein, einfach sein komplettes (und total chaotisches) Atelier mit allen Utensilien mitzubringen und bei uns aufzubauen, Titel: "So kann ich nicht arbeiten". Die verwunderten Blicke der am nachtspeicher Vorbeigehenden auf über 100 an der Wand und von der Decke hängenden, sowie aneinander lehnenden teils großformatiger Bilder (es war praktisch keine Wandfläche mehr zu sehen) mit dem fleißig weitermalenden Künstler mittendrin waren auch absolut sehenswert. Während der Ausstellung fand Uli dann glücklicherweise einen neuen Raum und damit eine Atelierlösung.

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Die freien Kunstorte sind nicht nur sehr duldsam, sondern auch erfindungsreich, aufhören wird die Freiheit nicht. Aber der Druck auf die Betreiber wächst weiter, wenn immer alles noch weiter glatt gemacht, gemaßregelt und manchmal schlicht nicht anerkannt wird. Die Vergabepraxis von öffentlichen finanziellen Mitteln wird immer schwieriger nachvollziehbar. Aber die Unterstützung von freien Kunstorten hängt manchmal nur von sehr wenig ab, günstiges Raumangebot zum Beispiel, der Rest wird selbst erschaffen. Für eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Fragen nach Raum und Verortung haben wir die Gruppenausstellung "Quadratkubikmeter" ausgeschrieben. Die Resonanz war mit 111 teils internationalen Bewerbern und vielen beeindruckenden Positionen erschlagend, zudem ergaben sich inhaltlich und formal unterschiedliche Ansätze, daher wird es noch einen zweiten Ausstellungsteil im Herbst geben. Und wir freuen uns auf kommende Einzelausstellungen von KünstlerInnen, die wir zunächst nicht mehr in unserem kleinen Raum unterbringen konnten.

Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Kaum auszudenken ... Ein Klumpen Kreativcluster mit dem Namen "Neozon".

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Einfach das Projekt weiterzuentwickeln. Eine Beteiligung auf der "UND Nr. 6". Finanzielle Entlastung und eine Austauschausstellung mit einer mexikanischen Initiative wären auch nicht schlecht. Macht das jetzt Sinn?

Fakten, Fakten, Fakten:

Gründungsjahr: Ende 2008

Leitung: Tanja Hehmann und Thorsten Dittrich (auf dem Papier)

Wie viele Helfer/Mitarbeiter: Nora Chrosziewski, Werner "Titeke" Clasen, Thorsten Dittrich, Tanja Hehmann, Boje Arndt Kiesiel, Lena Oehmsen, Oliver Tan und weitere unschätzbare Wohlgesonnene ...

Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: Immer unbezahlt, aber unbezahlbar. Unschätzbare Wochenstunden pro Mitglied.

Ausstellungsfläche: Altbau, 30 qm großer Raum mit viel Wandfläche und großem Schaufenster

Altersdurchschnitt der Besucher: 20– 65, also mittleres Alter

Jahresbudget: Viel davon bringen wir selbst auf.

"Nachtspeicher23"

Nächste Ausstellung: "Let's call this the comeback", Zeichnungen von Jasper Kuch, 21. bis 30. Mai, Nachtspeicher23, Lindenstraße 23, Hamburg
http://www.nachtspeicher23.de/startseite.html
info@nachtspeicher23.de