Off-Spaces: Kunstraum B - Kiel

Off-Spaces: Kunstraum B

In der Serie "Off-Spaces" präsentiert art alternative Kunstorte. Diesmal: "Kunstraum B" in Kiel
Trainingslager der Subkultur:Off-Spaces: Kunstraum B, Kiel

Die strassbesetzte Dornenkrone beschreibt die Schwierigkeiten, einen Off-Space zu leiten, sehr gut. Dorota Nieznalska: Aluminium Lightbox "Juwellery Part I" aus der Ausstellung "Coś polskiego, Vier Positionen polnischer Kunst", 2010

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Die bestbesuchte Ausstellung war die Neueröffnung in der Ringstraße 68. Mein Vorgänger Christof Klemmt hat unter dem Titel "Polyfocal" die Malereiklasse von Jürgen Partenheimer ausgestellt. Mit zirka 300 Besuchern allein bei der Ausstellungseröffnung haben wir bewiesen, was mit 60 Quadratmetern möglich ist.

Zum einen bestand ein fast voyeuristisches Interesse daran, dass wir nun doch wieder überlebt hatten. Zum anderen sind die Ausstellungen der Studierenden der Muthesius-Kunsthochschule traditionell gut besucht. Hinzu kam unser fünfjähriges Jubiläum.

Und der größte Misserfolg?

Der größte Misserfolg war der Rauswurf aus der städtischen Immobilie in der Bergstraße durch die Stadt Kiel, vertreten durch die Oberbürgermeisterin Volquartz. Die Stadt wollte die Immobilie verkaufen. Das hätte dem Kunstraum B fast das Genick gebrochen.

Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielt?

Am 19. Februar 2010 erfüllen wir mit zirka 200 Euro von der Muthesius-Kunsthochschule einen kleinen Traum. Wir zeigen Anya Zholud im Kieler Lessingbad mit einer Nebenausstellung von 17 lokalen Künstlern. Anya Zholud ist wohl die bedeutendste russische Nachwuchskünstlerin und war als einzige von den russischen Youngstern 2009 auf der Biennale in Venedig. Wenn man Freunde hat, braucht man nicht so viel Geld. Wir würden aber gerne den Künstlern ein anständiges Honorar in die Hand drücken, woran derzeit nicht zu denken ist.

Ihre Philosophie beziehungsweise Ihr Konzept in einem Satz?

Die Kunst aus dem Volk ziehen.

Was ist Ihre Motivation, einen solchen Off-Space zu betreiben?

Ich glaube, alle von uns spielen immer wieder mit dem Gedanken hinzuschmeißen. Viel Zeit, kein Geld, viele komplizierte Probleme; und Dankbarkeit kann man auch nicht erwarten. Wenn man aber sieht, wie es den Künstlern hier geht, versteht man, dass man nicht hinschmeißen darf, zumindest so lange wie es noch irgendwie geht. Es gibt für alle die, die keine Superstars sind, kaum Alternativen in Kiel neben dem Kunstraum B. Dabei haben wir eine anständige Kunsthochschule. Wir willigen in die Notwendigkeit ein und übernehmen Verantwortung, auch wenn es nicht einfach ist.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Unser künstlerischer Beirat Rosemarie Norda und ich wählen natürlich nach Qualitätskriterien aus. Wir stimmen unsere Auswahl darüber hinaus auf unsere drei programmatischen Säulen ab: Wir kümmern uns besonders um unsere Locals, die es wirklich schwer haben (I. Säule). Außerdem liegt uns die Partnerschaft zur Muthesius Kunsthochschule sehr am Herzen (II. Säule). Ein weiterer Schwerpunkt sind unsere Arbeitsstipendien mit anschließender Ausstellung für Russland und Polen, die wir gerne noch auf das Baltikum ausweiten würden (III. Säule). Was unsere Russlandkompetenz angeht, sind wir Spitzenklasse. Allein im letzten Jahr haben wir die Gruppe PROVMYZA, Vladislav Efimov, Sergey Denisov, Anya Zholud und Yury Vasiliev ausgestellt. Diese Kompetenz würden wir gerne auf ganz Nordosteuropa erweitern.

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:

Die Frage aus der Staatskanzlei nach dem Rezept für die auf unserer Ausstellungseröffnung servierten Salzgurken.

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Bei der Miete. Sorgen machen uns vor allem die institutionellen Kosten, weil die sich nur teilweise über den Vereinsbeitrag und Projektförderungen abdecken lassen. Hier geht es nicht ohne die Kommune oder das Land.
Das Land Schleswig-Holstein hat sich aber mit der HSH Nord Bank verzockt. Auch für Stadt Kiel wirkt sich der Wegfall der HSH Nord Bank als Gewerbesteuerzahler verheerend aus. Hamburg und Schleswig-Holstein mussten drei Milliarden Euro aufbringen, die nun überall fehlen. Für uns bedeutete dies, dass unser Landeszuschuss von 5000 Euro auf 1500 Euro gekürzt wurde. Die Stadt Kiel ist zwar mit 2000 Euro eingesprungen, wären nicht noch 700 Euro am Jahresende dazugekommen, hätten wir dennoch nicht durchgehalten. Das Absurde war, dass unser Konto fast überlief. Dies waren aber alles gebundene Projektförderungen, die es nach wie vor reichlich gibt, wenn man etwas findig ist.

Mir persönlich fehlt daher jegliches Verständnis für Kollegen und Künstler, die mit der HSH Nord Bank zusammenarbeiten. Dass viele Kollegen sich völlig selbstverständlich mit diesem Geldinstitut einlassen, schockiert mich.

Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Ganz oder gar nicht. Wir sind das, was wir sind und das ist gut so.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Wir wünschen uns einen dauerhaft finanzierten Raum.

Fakten, Fakten, Fakten:

Gründungsjahr: 2003

Leitung: Christoph Weiß, Müge Diren, Rosemarie Norda, Uwe Petersen

Wie viele Helfer/Mitarbeiter: Mal mehr, mal weniger

Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: Bis zu 10 bis 40 Stunden

Ausstellungsfläche: 60 m²

Altersdurchschnitt der Besucher: 30 bis 40

Jahresbudget: ca. 15.000 Euro

Kunstraum B

Ringstraße 68, 24103 Kiel (Eingang über den Hinterhof)
http://www.kunstraum-b.de/
kunstraum-b_kiel@email.de