Off-Spaces - Künstlerresidenz *blumen*

Off-Spaces: Künstlerresidenz *blumen* in Leipzig

Jede Woche präsentiert art alternative Kunstorte in Deutschland. Diesmal: Künstlerresidenz *blumen* in Leipzig.
Trainingslager der Subkultur:Off-Spaces: Künstlerresidenz *blumen* in Leipzig

Filmstill aus dem Making-Of zu Aleksej Grischtschenkos "Dices", 2006

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Christine Rahn: Ausgesprochen gut besucht sind bei uns immer wieder Ausstellungen mit einem direkten Ortsbezug, wie bei Julia Mensch, die mit ihrem Projekt "Rafaels Reise" den historischen Spuren ihres Großvaters nachging. Oder die Ausstellungen von Esther Manas und Arash Moori aus Spanien, mit denen wir auch in den öffentlichen Raum gingen und zusammen mit dem Kunstverein Leipzig in ein Festival vor Ort integrierten.

Die permanente Installation "To the Unknown Artists" des Mexikaners Diego Pérez ist mittlerweile ein Dauerbrenner: Vor einigen Jahren postierten wir seine Skulptur im öffentlichen Raum, mitten im Wohnviertel auf einem ungenutzten Podest, auf dem mal eine Kanonenkugel gethront haben soll. Daran sind bis heute Unmengen an Passanten vorbeigekommen, und der ein oder andere hat sogar kleine künstlerische Veränderungen daran vorgenommen.

Und der größte Misserfolg?

Den hatten wir natürlich noch nicht! Vielleicht der einzige kleine, dass sich bislang noch keiner unserer eingeladenen Künstler entschieden hat, für immer in Leipzig zu bleiben.

Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielt?

Ein regelmäßig stattfindendes Festival etablieren, in dessen Rahmen wir mit unseren eingeladenen Künstlern an verschiedene Orte gehen. Oder eine Ausstellung, die parallel zu unserem Programm in den Herkunftsländern unserer Künstler stattfindet. Wir möchten damit die Entwicklungsläufe unserer Künstler im internationalen Kunstkontext langfristig präsentieren und deren Ideen weitertragen.

Ihre Philosophie beziehungsweise Ihr Konzept in einem Satz?

Wir geben internationalen Nachwuchskünstlern sowohl die Chance, ihre Arbeit hier in Leipzig zu präsentieren und zu diskutieren, als auch den Freiraum, ein neues Projekt zu realisieren – um damit letztlich noch wenig bekannte Talente in der ersten Stunde zu unterstützen, denn: "All art has been contemporary".

Was ist Ihre Motivation, einen solchen Off-Space zu betreiben?

Purer Enthusiasmus! Wir lieben es, mit jungen Künstlern aus den unterschiedlichen kulturellen Kontexten zusammenzuarbeiten und die Entdeckung künstlerischer Positionen zu ermöglichen. Wir wollen damit eine Vielfalt in die Stadt bringen, also den künstlerischen Austausch auf ein internationales Niveau stellen und nicht zuletzt die Leipziger Kunstszene mit internationalen Positionen bereichern. Zum Zeitpunkt unserer Gründung gab es in Leipzig noch kein Artists-in-Residence-Programm in Leipzig und kaum Off-Spaces, die Künstler von außerhalb einluden – da hat sich allerdings in den letzten Jahren schon einiges bewegt.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Bewerben kann sich bei uns prinzipiell jeder Künstler, ganz direkt. Wir freuen uns besonders über Bewerbungen mit konkreten Projektideen, die einen neuen Blick auf unser Umfeld werfen, wodurch sich Verbindungslinien zum hiesigen Geschehen ergeben können.

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:

Oh, da ereignen sich immer wieder neue. Die abenteuerlichste Episode gab es gleich mit unserem ersten Künstler, Aleksej Grischtschenko, mit dem wir einen Film drehten, in dem ein Pferd an unterschiedliche Orte gebracht werden musste. Es war nicht leicht, unserem Künstler zu erklären, dass auch der glänzendste Schimmel bestimmte Pirouetten nicht dreht, nicht sprechen oder fliegen kann. Ganz abgesehen davon, dass Grischtschenko so gut wie ohne Koffer aus Moskau anreiste und wir zuallererst das Nötigste an Klamotten für ihn sammelten. Einen großen Moment voller Emotionen erlebten wir mit unserer Künstlerin Julia Mensch aus Buenos Aires, als sie plötzlich bei ihren Recherchen in Leipzig ein altes handschriftliches Dokument ihres Großvaters fand. Eine Zeit lang war auch immer wieder der Besuch von unserem Straßenlandstreicher ein Erlebnis der besonderen Art. Immer mit einem feuchtfröhlichen Spruch auf den Lippen und Taucherbrille auf dem Kopf, überraschte er unsere Künstler mit kleinen Präsenten: einem Tuschkasten, einem Strauß Blumen oder einem Stapel Holz – alles, was ein Künstler eben braucht!

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Wenn die Offenheit für ein vielschichtiges Publikum verloren geht, die Lust am Experimentieren und die Möglichkeit fürs Ausprobieren neuer Ideen nicht mehr gegeben sind und finanzielle Zwänge in die Knie zwingen, wenn also konkret bei unserem Artists-in-Residence-Programm der Freiraum verloren geht, Künstler unabhängig von ihren gewinnbringenden Aspekten einzuladen und zu fördern.

Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Natürlich ein Blumenladen! Einer, aus dem es lautstark schallt: "Lauf und hol Wasser für die Blumen der Liebe, denn sie dürfen nicht verwelken, sonst ist alles vorbei..."

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Keine finanziellen Abstriche gegenüber unseren eingeladenen Künstlern mehr machen zu müssen und im günstigsten Fall unseren Arbeitsaufwand honorieren zu können. Und natürlich gleichzeitig, dass sich die Leute aus den umliegenden Häusern noch mehr zu uns hineintrauen und dass vielleicht sogar die Jungs vom Thomaner-Chor, die immer vorbeilaufen, auch bei uns Vereinsmitglied werden. Längerfristig planen wir auch den Ausbau unseres Künstleraustausch-Programms in anderen Städten und Ländern, sozusagen ein international agierendes Blumen-Netzwerk.

Fakten, Fakten, Fakten:

Gründungsjahr: 2006, seit 2009 enge Zusammenarbeit mit dem benachbarten Kunstverein Leipzig

Leitung: Christine Rahn

Wie viele Helfer/Mitarbeiter: 5

Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: unser Herz schlägt dafür 24 Stunden nonstop, selbstverständlich, aber praktisch in Zahlen vermutlich zehn bis 30 Stunden bei jedem von uns

Ausstellungsfläche: rund 30 qm

Altersdurchschnitt der Besucher: 40 Jahre

Jahresbudget: zwischen 8000 Euro und 12.000 Euro (variiert entsprechend der Spenden, Fördermittel und unseren Kunstgriffen zum Notgroschen)

"Künstlerresidenz *blumen*"

Kolonnadenstr. 20, Leipzig. Aktuelle Künstlerin (bis August 2010): Michelle Phelan, Dublin, Irland. Abschlußpräsentation ASTRAY 19.08. - 5.09. im Kunstverein Leipzig, Vorschau: Gilad Ben Ari, Israel (September bis Dezember 2010)

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