Off-Spaces: Oberwelt - Stuttgart

Off-Spaces: Oberwelt

In der Serie "Off-Spaces" präsentiert art alternative Kunstorte. Diesmal: Oberwelt in Stuttgart, die sich in fast 100 Prozent aller Fälle mit den Grenzbereichen der Kunst befassen.

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

"Die Schwarze Madonna" – der Beitrag von Oberwelt zur ersten Stuttgarter Nacht der Museen. Zwischen Absperrgittern wurden die enormen Publikumsmengen durch die Galerie geschleust, um im ehemaligen Abstellraum einen Blick auf das Kunstwerk werfen zu können: eine Porträt-Collage bestehend aus 2-DM-Münzen mit Franz-Joseph-Strauß-Prägung.

Und der größte Misserfolg?

Einen Negativ-Rekord an Besuchern gab es bei der Ausstellung "I.R.A.S.C." von Filo Art. Die Präsentation löste im Nachfeld allerdings massenhafte Zugriffe auf die Oberwelt-Webseite aus, was uns an den Rand des Serverzusammenbruchs brachte. I.R.A.S.C steht für "infra-redlight against surveillance camera", also "Infrarotlicht gegen Überwachungskameras". In Verbindung mit dem Überwachungswahn war das Anfang 2008 ein relativ großes Thema in den Medien. Filo Art hat in der besagten Ausstellung ein Gerät mit dazugehöriger Bauanleitung vorgestellt, das gegen Überwachungskameras schützt. Dieses Gerät besteht aus einem Stirnband, in dem ein Infrarotlicht eingebaut ist. Trifft man auf eine Überwachungskamera, wird sie von dem Infrarotlicht geblendet und die eigene Identität bleibt geschützt. Das ist natürlich eine phänomenale Idee, auf die sich erst die Bloggerszene und dann sogar Journalisten aus dem Ausland gestürzt haben. Als Quelle haben sie in der Berichterstattung immer unsere Webseite angegeben – so kam es zu den hohen Klickraten.

Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielte?

Wir würden wie bisher unser Jahresprogramm realisieren, aber dann mit angemessenem Honorar für die Künstler.

Ihre Philosophie beziehungsweise Ihr Konzept in einem Satz?

Es muss aus Liebe geschehen.

Was ist Ihre Motivation, einen solchen Off-Space zu betreiben?

Frei von Hierarchien und unbeeinflusst von Marktmechanismen arbeiten zu können.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Wenn ein Vereinsmitglied eine Leidenschaft für eine künstlerische Position zum Ausdruck bringt und die anderen diese Leidenschaft teilen oder zumindest nachvollziehen können, ist das oft der Beginn eines Ausstellungsprojektes.

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:

Das ist eine längere Geschichte: Oberwelt lud zur Fußball-WM 2006 die Kampagnen-Künstler "randgruppe" ein, einen Kommentar zur damals allgemeinen Anbiederung von Künstlern und Kunstvermittlungsinstitutionen, aber auch von Geschäftsleuten zum medialen Sportfieber-Hype zu entwickeln. Offiziell kündigten wir für die Dauer der WM, mit dem Ziel, auch am Geschäft mit dem Sport teilzuhaben, eine Unterbrechung des Programms zugunsten einer kommerziellen Vermietung unserer Räume an. Und zwar an das Reisebüro "hooltours – MEHR ALS REISEN", das sich um die touristische Erschließung der Hooligan-Hochburg Stuttgart bemühen wolle. Die "Stuttgarter Nachrichten", eine der beiden großen Tageszeitungen Stuttgarts, die sich im Vorfeld der WM mit reißerischer Berichterstattung über drohende Hooligan-Anstürme und ihre polizeiliche Bewältigung produziert hatte, startete nun ihrerseits eine Kampagne, in der sie unsere öffentlichen und privaten Förderer telefonisch, über mehrere Artikel und das Einschalten vorgesetzter Ministerien und Politiker nach einigen Tagen auf allen Ebenen zu öffentlichen Distanzierungen zwang, auch gegen deren eigentliche und sogar öffentlich artikulierte Überzeugung. Das Fussball-Regime ließ im WM-Vorfeld alle Nerven blank liegen. In Erwartung etwaiger Schlachten um das satirische Projekt stand selbst ein Privatfernseh-Übertragungswagen vor unserem Ladenraum. Das war vielleicht ein Spuk.

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Die Freiheit alternativer Kunstorte sollte nie und nirgendwo aufhören.

Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Wenn wir kein Off-Space wären, hätte unser Vermieter den Raum schon lange mit mehr finanziellem Gewinn vermarktet. Nur durch geduldiges Verhandeln und Eigenleistungen bei der Instandhaltung konnten wir beabsichtigte Mieterhöhungen in eine Förderpartnerschaft umwandeln.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

Unser Budget von 1985 - inflationsbereinigt.

Die Fragen wurden gemeinschaftlich von den Oberwelt-Mitgliedern beantwortet.


Fakten, Fakten, Fakten:

Gründungsjahr: 1978

Leitung: alle Mitglieder

Wie viele Helfer/Mitarbeiter: 10- 20 aktive Mitglieder

Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: ca. 10 Stunden

Ausstellungsfläche: 40 Quadratmeter

Altersdurchschnitt der Besucher: 36 Jahre

Jahresbudget: 11 000 Euro

Oberwelt e.V.

Reinsburgstrasse 93
70197 Stuttgart
Tel.: +49 711 6150013
http://www.oberwelt.de/
kontakt@oberwelt.de

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