Off-Spaces: Quartier 7 - Münster

Off-Spaces: Quartier 7

In der Serie "Off-Spaces" präsentiert art alternative Kunstorte. Diesmal: Quartier 7 in Münster
Trainingslager der Subkultur:Off-Spaces: Quartier 7, Münster

Im Quartier 7 ist vieles möglich, man hat sogar schon pinke Ponys kotzen gesehen! Marit Stöckelmann: "Pony"

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung? Und warum?

Im Quartier 7 war es 2010 die Präsentation zweier Animationsfilme und Graphik-Editionen von Daniel P. Dwyer. Die Schau war gleichzeitig eine Station des geführten Besucherprogramms bei der Münsteraner Nacht der Galerien und Museen. Bei unseren "Auswärtsspielen" war es die Ausstellung zum Jahresempfang bei der Karl-Hofer-Gesellschaft in Berlin, 2009. Das war für uns auch deshalb besonders erfreulich, weil wir in der Folge bereits sieben unserer Studierenden in das internationale artist-in-residence-Programm der KHG vermitteln konnten.

Und der größte Misserfolg?

Das ist schwer zu beurteilen. Die Ausstellungen sollen einen Überblick verschaffen und sind nicht auf Erfolg angelegt. Sie hatten natürlich unterschiedliche Resonanzen, aber extreme Ausreißer waren nicht dabei.

Welche Ausstellung würden Sie gerne einmal realisieren, wenn Geld keine Rolle spielte?

Eigentlich habe wir das realisiert, was wir uns vorgenommen haben. Wenn wir uns darüber hinaus etwas wünschen dürften, wäre es die Teilnahme an einer Kunstmesse – das muss aber nicht sein.

Ihre Philosophie beziehungsweise Ihr Konzept in einem Satz?

Das geht nur in zwei Sätzen: Das Quartier 7 ist ein Ort, der von Studierenden der Kunstakademie Münster eigenständig organisiert und bespielt wird – es gibt keine Kuratierung und keine Jurierung. Der aktive und unterstützende Freundeskreis kommt ausschließlich aus dem Profisport, und hat keinerlei Ambitionen, Einfluss auf Inhalte zu nehmen.

Wer sind die Freunde des Quartier 7?

Mit Dirk Bauermann, Yves Eigenrauch, Henning Harnisch und Carlo Thränhardt sind es bekannte Vertreter aus dem Profisport, die bereits in der Vergangenheit regelmäßig aktiv bei beim Projekt `art goes sports´ beteiligt waren. Sie haben das neue Projekt angeregt und unterstützen es persönlich. Neben der Ausstellungsreihe werden im Atelier an der Kreuzkirche mit Yves Eigenrauch und den Studierenden die Illustrationen eines Maltechnik-Lehrbuches komplettiert.

Was ist Ihre Motivation, einen solchen Off-Space zu betreiben?

Zum Zeitpunkt des Entstehens gab es bei vielen Studierenden, besonders bei denen aus der Malerei, den Wunsch, ihre Arbeiten über das ganze Kalenderjahr hinweg präsentieren zu können, auch ohne die gängigen Akademieinternen Auswahlverfahren durchlaufen zu müssen. Einfach nur zeigen. Gleichzeitig war eine Studentengenration
im "besten Alter", die von Beginn an außergewöhnlich gut und eigenständig zusammenarbeitete und nun neugierig darauf war, selbst einmal die andere Seite des Systems kennen zu lernen. Das zu ermöglichen war mein erster Antrieb. Das Ganze ist in der Folge zwar etwas eskaliert, als in den ersten zwei Jahren ein vierzehntägiger Wechsel der Ausstellungen nötig wurde. Das war schon etwas heftig. Ein zweiter Motivationsschub kam, als kulturelle und städtische Einrichtungen Teammitglieder aus dem Quartier 7 mit größeren und längerfristigen kuratorischen Aufgaben beauftragten. Auch die Unterstützung und der Rückhalt durch die Kulturredaktion der Westfälischen Nachrichten hatten großen Anteil daran.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Künstler aus?

Das Quartier 7 ist keine Galerie und bezieht seine Identität daher nicht aus Kriterien wie Verkäuflichkeit oder Gefälligkeit der gezeigten Arbeiten. Die Ausstellungsreihe unterliegt auch keinem ausgefallenen kuratorischem Konzept.

Die Kriterien für die Bewerber sind die Bereitschaft, eine Ausstellung aufzubauen, welche die Entwicklung der eigenen Arbeit nachvollziehbar zeigt und nicht nur deren Highlights, und den Einsatz, an allen Abläufen selbst mitzuwirken.

Bitte eine abenteuerliche oder skurrile Anekdote aus Ihrem Off-Space:

Gibt es, von skurril über absurd bis abstrus. Alles dabei.

Wo und wann hört die Freiheit alternativer Kunstorte auf?

Dort wo es die Akteure zulassen. Dann.

Wenn Sie kein Off-Space wären, was für ein Raum wären Sie dann?

Atelier und Homebase für gemeinsame Unternehmungen im Ausstellungsbereich und für weitere Crossover von Kunst und Sport. Das ist gleichzeitig auch das, wo wir herkommen und woran wir arbeiten.

Was wäre Ihr größter Wunsch für die Zukunft?

An die Kunst und deren Ausbildungsstätten: Hier würde ich gerne das Credo vom Basketballbundestrainer Dirk Bauermann auf die Kunst übertragen: "Weg von statischen Systemen. Mehr Optionen, weniger Korsett, das Fördern individueller Stärken, nicht das 'passend machen'."

Eduard Beaucamp beklagte schon zur documenta 9 eine zunehmende Aufführungskunst, für das Ereignis gedacht, für das Ereignis gemacht. Die Entwicklung geht hin zu einer Kunst, die sich an die Vorgaben ihrer neuen Freunde von Stadttouristik und Eventmarketing orientiert. Das hinterlässt natürlich auch Spuren in den Hochschulen.

Für die Akademien selbst empfinde ich die Idee, deren Leitung externen Führungskräften zu übertragen, die Integrität und Führungsqualitäten bei ihren früheren Tätigkeiten unter Beweis gestellt haben, zunehmend überdenkenswert. Bei einer Rekrutierung aus dem eigenen Lehrkörper sollte es meiner Ansicht nach jemand sein, der seine persönlichen Ziele bereits aus eigener Kraft erreicht hat.

An die nächste Künstlergeneration:
Unser Alt-Bundespräsident Roman Herzog hat es einmal so umrissen: Die Jugend soll sich nicht ihre Träume, ihre Absichten und Pläne von denen ausreden lassen, die von vornherein wissen, worum es nicht geht. Ich finde, das trifft es. Kunst war lange auch ein kreativer Gegenentwurf zur Gesellschaft, momentan ist die Tendenz eher, dass sie in einer me-too- Mentalität zu deren Spiegelbild wird. Die nächste Generation sollte die Kunst und deren Ausbildungsstätten zurückerobern und nicht deren Funktionären überlassen.

Die Fragen beantwortete: Josef Thiesen, Leiter der Maltechnik an der Kunstakademie Münster und Gründungsmitglied von Quartier 7

Fakten, Fakten, Fakten:

Gründungsjahr: 2007

Leitung: Ein 8-köpfiges Gründungsteam von sieben Studierenden und mir

Wie viele Helfer/Mitarbeiter: In den ersten zwei Jahren der Entwicklungsphase das gesamte Team plus die jeweiligen Aussteller. Nachdem sich die Abläufe eingespielt haben, waren es die Aussteller mit ihren Freunden und mir, oder einem Mitglied aus dem Gründungsteam

Unbezahlter Arbeitsaufwand pro Woche: In den ersten zwei Jahren im Durchschnitt ca. 40 Stunden, auf Aussteller, Team und mich verteilt. Danach ca. 15 Stunden

Ausstellungsfläche: 42 qm

Altersdurchschnitt der Besucher: Zwei Gruppen: eine im Alter von 20-30, eine von 50-75

Jahresbudget: Exakt 10 000 € (ohne Kommunikations- und Reisekosten. Keine öffentlichen Mittel)

Quartier 7

Hoyastraße 7
48147 Münster
http://www.quartier-7.de/
info@quartier-7.de