Blog: Screenshots

Oh Wei

"Ich bin sicher, es war nicht sehr bequem, sich so auf die Kieselsteine zu legen." So erzählt der Fotograf Rohit Chawla von der neusten Heldentat aus dem Oeuvre des chinesischen Künstlerstars Ai Weiwei. Chawla hat ein Bild aufgenommen, das einem die Schamesröte ins Gesicht treiben kann. Einfach, weil es so unendlich peinlich und unangemessen ist: Ai auf dem Bauch liegend am Mittelmeerstrand. In exakt der Pose wie die Leiche des Flüchtlingsjungen Alan Kurdi an der türkischen Küste, dessen Bild im vergangenen Jahr um die Welt ging. Ai der Protest-Berserker; jedes Gramm seines Künstlerkörpers danach schmachtend, Bedeutung zu werden.

Oh Wei

Ai Weiwei im Januar 2016 am Strand der griechischen Insel Lesbos.

Es ist nicht die erste Aktion von Ai, die sich am Rand der Peinlichkeit bewegt. Als der chinesische Künstler etwa im Nachgang der Gagnam-Style-Welle ein ruckeliges Musikvideo im Garten seines Ateliers drehte, sah er zwischen seinen jungen Assistenten aus, wie ein trauriger alter Mann, der verzweifelt versucht, jung und lustig zu wirken. Schon hier wirkten die eingestreuten Anspielungen auf seine Haft und die chinesische Zensur eher wie ein Alibi für die etwas maßlose Selbstdarstellung eines international erfolgreichen Künstlers.

Nun waren die Arbeiten von Ai Weiwei nie wirklich bahnbrechend und innovativ. Das Originellste an seiner berühmten Documenta-Arbeit "Template", die aus aufgetürmten Türen und Fenstern bestand, war vermutlich der Wind, der sie zusammenfallen ließ. Dafür schufen seine Arbeit oft starke Bilder, meist waren sie groß und fußten auf einer einfachen und zugänglichen Symbolik. Darin waren sie gut. Und oft genug gaben sie den Vergessenen und Unterdrückten eine Stimme, verhalfen ihnen zu Aufmerksamkeit. Man erinnere sich an Arbeiten, wie die von 2008, als er die vergessenen Opfern des Erdbebens im chinesischen in Sichuan zum Thema machte. Er sammelte die Namen derjenigen, die im Schutt der ärmlicheren und unbeständigeren Gebäude dort den Tod fanden.

Auch das Thema der Flüchtlinge, die sich derzeit aus den Krisengebieten der Welt auf den Weg nach Europa machen und auf der beschwerlichen Fahrt nicht selten kentern und grausam ertrinken, hat es über Jahre kaum auf die Titelseiten der Leitmedien geschafft. Es war ein blinder Fleck im europäischen Bewusstsein, das sich damit auch mitschuldig machte an dem Tod von so vielen, die das Mittelmeer verschluckte. Nachdem die Zahl der Flüchtlinge im vergangenen Jahr aber rasant zunahm, schien es dann plötzlich, als gäbe es kein anderes Thema mehr – nicht nur in Deutschland. Dass das Problem nicht im Bewusstsein der Menschen angekommen ist, wird deshalb niemand mehr ernsthaft behaupten können. Das macht die Untätigkeit der europäischen Institutionen und die zusätzliche Erschwerung der Flucht durch immer mehr abwehrende Gesetzesmaßnahmen in einzelnen Ländern natürlich nicht besser, im Gegenteil: Es ist jetzt kein Unwissen mehr, sondern Ignoranz.

Und an diesem Punkt versagen offenbar die ästhetischen Mittel des politischen Künstlers Ai Weiwei, der sich auf laute und vereinfachende Symbole versteht. Das mahnende Bild des dreijährigen Alan Kurdi, der im letzten Jahr tot an den türkischen Strand gespült wurde, hat viele Menschen aufgewühlt, ihnen die Tragik der Flucht vor Augen geführt. Es ist schon heute eine fotografische Ikone. Dass weiterhin Menschen im Mittelmeer sterben, liegt jedoch nicht daran, dass niemand von diesem Sterben weiß, sondern dass die Mehrheit der Regierenden und der Bevölkerung Europas eine Politik der Abwehr und Abschottung derzeit offenbar gutheißt. Worauf es in dieser Phase ankäme, ist die Überzeugunsgkraft von starken Argumenten und klugen Bildern, die ihre Betrachter nicht niederbrüllen. Was es hingegen am wenigsten braucht sind die selbstverliebten Posen eines Passionsdarstellers, der noch den bestehenden Bildern zum Thema ihrer Eindringlichkeit beraubt, wenn er sie für sein eigenes Protest-Image in Anspruch nimmt. Dessen Aktionen eben nicht mehr wie einst den Opfern politischer Willkür, sondern immer mehr nur noch ihm selbst eine Stimme verleihen. Oder unterschätzen wir die Selbstironie des Künstlers an dieser Stelle und haben einfach übersehen, dass er seit geraumer Zeit schon inoffizieller Mitarbeiter der Satirezeitschrift Titanic ist? sz

Online-Redaktion
Hier ermittelt die Online-Redaktion von art ungeklärte Fälle der Kunst und ästhetische Unfälle des Alltags