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Die Frau aus Palmyra

Die Frau aus Palmyra

Palmyrenisches Relief aus weißem Kalkstein, 53,5 x 48 x 20cm

Vor diesem Relief einer Frau aus der 1. Hälfte des 3. Jahrhunderts n. Chr. stand ich am Sonntag im Liebieghaus in Frankfurt und unterhielt mich mit einer Freundin. Wir sinnierten über die eigentümliche Mischung, die asiatisch-buddhistische Anmutung, die eindringliche ägyptische Augenpartie, die kantigen, an mittelalterliche Holzreliefs erinnernden Hände. Es war – kurz gesagt – ein einigermaßen entrücktes Gespräch als uns eine ältere Aufseherin unterbrach: Ob wir denn auch gesehen hätten, woher das Relief käme? Aus Syrien! Aus Palmyra! Ja, genau aus dem Ort, in dem die IS erst vor ein paar Tagen den Baalschamin-Tempel gesprengt hatte. Wie ertappt fühlten wir uns jetzt in unserer losgelösten Begeisterung für das Relief und pflichteten der Hüterin dieses antiken Schmuckstücks bei. "Es ist bedrückend", seufzte sie, "so bedrückend."

Am selben Sonntag, so meldeten es gestern die Agenturen, vielleicht sogar zur selben Zeit, begann die IS mit der Zerstörung eines weiteren Tempelkomplexes, nämlich des weit größeren Baaltempels.

Worauf zielt ein mehr oder minder entrücktes Gespäch über mehr oder minder alte Gegenstände, geschützt und gerahmt von dicken, geweißten Museumsmauern? Erleichterung, Läuterung, Reflexion? Die Philosophen der Ästhetik streiten seit der Antike darüber. Und auch wenn die letztgültige Erklärung aussteht, ist doch ein großer Teil der Gesellschaft unbeirrbar von der Bedeutung solcher Gespräche und generell von der Rezeption von Kunstwerken überzeugt. Wird diese Überzeugung durch das Wissen um die immense Welle der Unmenschlichkeit und  Zerstörungswut im fernen Syrien nun erschüttert oder gefestigt? Für mich habe ich das eigentümliche Gefühl, beides geschieht zugleich. sz

Online-Redaktion
Hier ermittelt die Online-Redaktion von art ungeklärte Fälle der Kunst und ästhetische Unfälle des Alltags