Presseschau vom 15. November 2017

Ideen statt Macht

Künstler Johannes Bendzulla beginnt seinen Tag mit schwarzem Kaffee und der Lektüre diverser Online-Medien zur zeitgenössischen Kunst. Jede zweite Woche fasst er für art das Interessanteste daraus zusammen.
Ideen statt Macht

Autorin Maura Reilly in der Ankündigung für ihr neues Buch "Curatorial Activism: Towards an Ethics of Curating", veröfffentlicht auf artnews.com.

Das Britische Magazin "Art Review" kürt jedes Jahr die einhundert einflussreichsten Persönlichkeiten des Kunstbetriebs. Die deutsche Künstlerin Hito Steyerl wurde für das aktuelle Jahr auf den ersten Platz gewählt. Carola Padtberg begrüßt auf Spiegel Online die Entscheidung der Jury: "Bisher teilten sich auf der 'Power 100'-Liste des britischen Magazins 'Art Review' hartnäckig die Direktoren der größten Museen und Weltausstellungen sowie internationale Top-Galeristen die ersten Plätze unter sich auf. […] Nun aber sieht es so aus, als zählten nicht nur mehr Geld und kuratorische Macht in der Kunstwelt, sondern wieder Ideen."

Braucht die Kunstwelt eine "Ethik des Kuratierens"? Eindeutig ja, so die Antwort der Autorin Maura Reilly. In einer Vorschau auf ihr im kommenden Jahr erscheinendes Buch "Curatorial Activism: Towards an Ethics of Curating" beschreibt sie ihren Ansatz auf artnews.com folgendermaßen: "'Curatorial Activism' is a term I use to designate the practice of organizing art exhibitions with the principle aim of ensuring that certain constituencies of artists are no longer ghettoized or excluded from the master narratives of art. It is a practice that commits itself to counter-hegemonic initiatives that give voice to those who have been historically silenced or omitted altogether—and, as such, focuses almost exclusively on work produced by women, artists of color, non-Euro-Americans, and/or queer artists. […] It also insists that this white Western male viewpoint, which has been unconsciously accepted as the prevailing viewpoint, 'may––and does––prove to be inadequate not merely on moral and ethical grounds, or because it is elitist, but on purely intellectual ones.'"

Die vier für den Preis der Nationalgalerie Berlin nominierten Künstlerinnen haben ein gemeinsames Statement auf e-flux veröffentlicht, in dem sie Bedingungen des Wettbewerbs und die Öffentlichkeitsarbeit der Veranstalter kritisieren. Jumana Manna, Sol Calero, Iman Issa und Preisträgerin Agnieszka Polska beklagen unter anderem die Tatsache, dass der Preis ausschließlich die Organisation von Ausstellungen beinhalte und dabei weder ein Preisgeld noch Honorare fließen würden. Auch die Fixierung auf das Geschlecht und die nichtdeutsche Herkunft der Nominierten in der öffentlichen Kommunikation stößt ihnen übel auf – schließlich sei doch allein die künstlerische Qualität ausschlaggebend für die Nominierung.

Stimmen Sie ab!
Vier Kandidatinnen treten dieses Jahr für den renommierten Preis der Nationalgalerie an. Außerdem gibt es einen Publikumspreis und Sie können wieder mitwählen – in der Ausstellung oder direkt hier. Teilnehmer haben die Chance, wertvolle Preise zu gewinnen

Der Ebertplatz in der Kölner Innenstadt ist so etwas wie das Klischee eines urbanen Unortes – viel Beton, zugige Unterführungen, Drogenhandel und Alkoholismus, umtost von Hauptverkehrsstraßen. Seit vielen Jahren befinden sich hier wichtige Teile der Kölner Off-Szene. Nun droht den ansässigen Ausstellungsräumen das Aus. Vor knapp zwei Wochen sorgte die Ankündigung für Aufsehen, die Ebertplatz-Passage solle einfach zugemauert werden, den ansässigen Mietern wurde gekündigt. Bürgermeisterin Reker wurde von den Plänen ihres Stadtdirektors überrascht, sie war im Vorfeld offensichtlich nicht eingebunden worden. Bisher ist unklar, wie weiter mit den Problemen des Platzes umgegangen werden soll. Eine Petition auf openpetition.de setzt sich für den Erhalt aller ansässigen Ausstellungsräume ein und fasst außerdem den Stand der politischen Diskussion zusammen.

Die Ausstellung "Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg" im Berliner Haus der Kulturen der Welt beleuchtet die Einflussnahme des amerikanischen Geheimdienstes CIA auf die Kultur und das intellektuelle Leben der westlichen Gesellschaften seit den fünfziger Jahren. Mark Siemons fasst in seiner Besprechung für die FAZ dessen Strategien zusammen, welche im Jahre 1966 erstmals öffentlich wurden. Die Bildende Kunst der damaligen Zeit, insbesondere der amerikanische abstrakte Expressionismus, wurde zu einem wichtigen Teil der geheimdienstlichen Propaganda-Strategie: "Um 1947 wurde moderne abstrakte Kunst in der amerikanischen Öffentlichkeit und gerade von republikanischen Abgeordneten als 'unamerikanisch' und 'kommunistisch' denunziert. Damit war deren offizielle auswärtige Präsentation, wie sie das Außenministerium eigentlich geplant hatte, unmöglich geworden. Und so wurde die CIA eingeschaltet, wie sich der Agent Braden erinnert: 'Um Offenheit zu fördern, mussten wir im Geheimen arbeiten.' Der 'Kongress für kulturelle Freiheit' beauftragte das New Yorker Museum of Modern Art damit, mehrere einflussreiche Wanderausstellungen aktueller amerikanischer Kunst in Europa zu organisieren. Als exaktes Gegenbild zum ideologisch gefüllten Sozialistischen Realismus, mithin als Modellkunst der freien Welt schlechthin, entdeckten die Agenten insbesondere den abstrakten Expressionismus eines Jackson Pollock."

Trost durch Polemik
Künstler Johannes Bendzulla beginnt seinen Tag mit schwarzem Kaffee und der Lektüre diverser Online-Medien zur zeitgenössischen Kunst. Jede zweite Woche fasst er für art das Interessanteste daraus zusammen

Kunstgalerien werden schon lange als Gentrifizierungstreiber bezeichnet. Oft ziehen sie gleich nach der Künstlerscharr in bis dahin erschwingliche Stadtviertel und treiben so das Mietniveau in die Höhe, was wiederum zur schleichenden Verdrängung der angestammten Bevölkerung führt – so lautet die klassische Erzählung. In den USA machen zur Zeit Gentrifizierungsgegner besonders lautstark auf sich aufmerksam, meist durch öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen. New York und Los Angeles gehören zu den wichtigsten Zentren des organisierten Widerstandes. Auf Hyperallergic.com berichtet Benjamin Sutton über den Protest einer Aktionsgruppe während der VIP-Eröffnung der amerikanischen Künstlerin Laura Owens, deren Arbeiten in einer großen Ausstellung im Whitney Museum in New York gezeigt werden. Der Vorwurf: Ihr Galerist Gavin Brown sei mit seinen Niederlassungen in Chinatown und Harlem massiv an der Verdrängung der lokalen Bevölkerung beteiligt.

Zahlreichen wichtigen Akteuren der amerikanischen Filmbranche wurde in den vergangenen Wochen sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch vorgeworfen. Auch in der Kunstwelt meldeten sich Betroffene zu Wort. Viele der Beschuldigten wurden ihrer Ämter enthoben oder traten selbst zurück. Einige Beobachter mahnten angesichts der Konsequenz, mit der auch das künstlerische Schaffen der jeweiligen Personen aus der Öffentlichkeit verbannt wurde, zur Besonnenheit – das moralische Fehlverhalten eines Künstlers lasse keine Rückschlüsse auf sein künstlerisches Schaffen zu. Warum dies jedoch eine falsche und sogar gefährliche Annahme sei, beschreibt Amanda Hess in ihrem Essay für die New York Times.

Vor wenigen Tagen hat das von Stararchitekt Jean Nouvel entworfene Louvre Abu Dhabi eröffnet. Laura Weissmüller lobt in ihrem Bericht für die Süddeutsche Zeitung die Schönheit der Architektur, geht aber auch ausführlich auf die Probleme des kuratorischen Konzeptes ein und lässt auch nicht die katastrophalen Arbeitsbedingungen außen vor, unter denen die Arbeiter während der Konstruktion des Museums zu leiden hatten.

Und zu guter Letzt – Britney Spears hat ein von ihr angefertigtes Gemälde für einen guten Zweck versteigern lassen, wie Spiegel Online meldet.

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Bendzullas Netzschau mit den wichtigsten Artikeln und spannensten Debatten der Kunstwelt