Presseschau vom 1. November 2017

Wunsch und Wirklichkeit

Künstler Johannes Bendzulla beginnt seinen Tag mit schwarzem Kaffee und der Lektüre diverser Online-Medien zur zeitgenössischen Kunst. Jede zweite Woche fasst er für art das Interessanteste daraus zusammen.
Wunsch und Wirklichkeit

Überschrift eines Artikels des Wirtschaftsmagazins Bloomberg Businessweek über die Kunstmesse Frieze London, 5. Oktober 2017

Die Zeitschrift Artforum ist eine wichtige Institution in der Kunstwelt. Ihr Herausgeber Knight Landesman ist vor wenigen Tagen zurückgetreten, nachdem ihm mehrfach sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde. Auch die Führungsriege der Zeitschrift wurde scharf kritisiert – sie habe jahrelang vom Verhalten Landesmans gewusst, jedoch keine Konsequenzen gezogen. Den aktuellen Stand der Debatte fasst Sarah Cascone in ihrem Artikel für news.artnet.com zusammen.

Vorwürfe sexuelle Belästigung begleiten den Fotografen Terry Richardson schon seit Anfang der 2000er Jahre. Richard Benson beschreibt in seinem Artikel für den Guardian den Aufstieg des Fotografen zum Liebling der Mode- und Kunstwelt und geht zugleich auf die Beschwerden über Richardsons übergriffiges Verhalten ein. Angeblich war dies den meisten Verantwortlichen durchaus bekannt, wurde jedoch aus geschäftlichen Gründen lieber ignoriert.

Die Zahl der Opiat-Abhängigen in den USA steigt seit Jahren dramatisch. Viele der Betroffenen geraten durch leichtfertige Verschreibung von opiathaltigen Schmerzmitteln in ihre Sucht und steigen dann häufig auf Heroin um, welches deutlich billiger und leichter zu haben ist. Die Hintergründe der Krise erläutert Katja Ridderbusch in einem Beitrag für den Deutschlandfunk. Eine der großzügigsten Philanthropen-Familien der USA sind die Sacklers. Pikanterweise hat die Familie, die zu den reichsten der Vereinigten Staaten gehört, einen Großteil ihres Vermögens mit dem Verkauf von opiathaltigen Schmerzmitteln verdient. Viele geben dem familieneigenen Unternehmen Purdue Pharma eine Mitschuld an der grassierenden Drogenepdiemie. In einem ausführlichen Feature für die Zeitschrift New Yorker beschreibt Patrick Radden Keefe den Aufstieg des Sackler-Imperiums und geht auch auf die fragwürdigen Methoden ein, mit denen das hauseigene Schmerzmittel OxyContin in den Markt gedrückt wurde.

Die Direktorin des Stedelijk Museums in Amsterdam, Beatrix Ruf, ist vor knapp zwei Wochen zurückgetreten. Ihr wurden Interessenskonflikte im Rahmen ihrer Beratertätigkeiten vorgeworfen, denen sie neben ihrem Hauptberuf nachging. Catrin Lorch beschreibt den Fall Ruf als typisch für die gegenwärtige Museumslandschaft und deren Spagat zwischen privater und öffentlicher Finanzierung. In der Süddeutschen Zeitung schreibt sie: "Im Vergleich zu Theatern oder Orchestern, die noch weitgehend mit öffentlichen Geldern finanziert werden, gilt ein Museum als zeitgemäß, wenn es nach amerikanischem Modell geführt wird, also einen Großteil seiner Etats selbst erwirtschaftet. Die Aufsichtsräte der vielerorts in die wirtschaftliche Selbständigkeit entlassenen Museen sind mit Figuren besetzt, die als kunstverständige Förderer apostrophiert werden, die man aber auch einfach Galeristen oder Privatsammler nennen könnte. Das gilt nicht nur für das Stedelijk, sondern für alle großen amerikanischen Museen. Die schätzen es, wenn private und öffentliche Aktivitäten sich verschränken, vor allem wenn Millionenwerte ans Museum kommen. Die zur Aufsicht bestellten Politiker wiederum freuen sich vor allem über repräsentative Bauvorhaben und Blockbuster-Ausstellungen."

Hanno Rauterberg kommt in der Zeit zu ähnlichen Schlüssen. Ruf werde juristisch wohl nichts nachzuweisen sein. Dennoch: "Ganz gleich, ob sie wirklich gegen Gesetze verstieß, trägt ihre Kuratorenübermacht dazu bei, eine andere Macht, die Definitionsmacht des Museums, zu korrumpieren. Am Ende reicht der bloße Verdacht, dass es weniger um Kunst als um Selbstbereicherung gehe, schon fällt alle Autorität in sich zusammen. Und mit ihr stürzen die Kuratoren ins Bodenlose."

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Bendzullas Netzschau mit den wichtigsten Artikeln und spannensten Debatten der Kunstwelt

Unter den 1000 reichsten Deutschen Personen, beziehungsweise Familien befinden sich auch drei Bildende Künstler: Gerhard Richter, Neo Rauch und Anselm Kiefer. Nach Schätzungen des Manager Magazins liegt Richter mit etwa 700 Millionen Euro (!) deutlich vor den beiden anderen Herren, deren Vermögen mit jeweils etwa 100 Millionen Euro angegeben wird. Theartnewspaper.com hat – wenig überraschend – im vorliegenden Ranking noch weitere Personen ausgemacht, die in der Kunstwelt eine wichtige Rolle spielen, darunter die Familie von Kunstsammlerin Julia Stoschek.

Das Online-Kunstwerk "Life Sharing" von Eva und Franco Mattes, welches von 2000 bis 2003 stattfand, war ein radikales Experiment, welches die privaten Computer der beiden Initiatoren öffentlich zugänglich machte. Sämtliche Daten und Interaktionen der beiden waren für die Dauer des Experiments online zugänglich, und das live und völlig unzensiert. Im Interview mit rhizome.org sprechen Eva und Franco Mattes über jenes Experiment, welches viele der Fragen und Probleme um Privatspähre und Urheberrecht thematisierte, die in vollem Umfang erst Jahre später ihren Weg ins öffentliche Bewusstsein fanden.

Die Mechanismen des Kunstbetriebs sind für Außenstehende oft schwer zu durchschauen und mögen manchem bisweilen sogar bizarr und unverständlich erscheinen. Sich darüber lustig zu machen ist also naheliegend und gerade deshalb oft ein bisschen langweilig. Nun hat bei den Filmfestspielen in Cannes die Kunstbetriebssatire "The Square" die Goldene Palme für den besten Film gewonnen. Eine Rezension des Films hat Philipp Stadelmaier für die Süddeutsche Zeitung verfasst. Er schreibt: "[Regisseur] Östlund macht sich über jene lustig, die glauben, dass Konzeptkunst mit ihren ästhetischen Ideen und gesellschaftskritischen Ansprüchen heute noch funktioniert. Dass sie eine Aussage hat, dass sie die Leute zu besseren Menschen machen kann. Im Gegenteil: Alles ist nur noch eine Frage der Verkaufsidee, des Marketings."

Sponsoren-Soireen und anderes Unheil
Mäzene, die das Buffet nicht aus den Augen lassen, Medienvertreter, die ihr eigenes Ding drehen und die unvermeidlichen Putzkolonnen, die das Kunstwerk wegwischen. Ruben Östlunds Satire »The Square« hält der Kulturblase den Spiegel vor