Presseschau vom 4. Oktober 2017

Trost durch Polemik

Künstler Johannes Bendzulla beginnt seinen Tag mit schwarzem Kaffee und der Lektüre diverser Online-Medien zur zeitgenössischen Kunst. Jede zweite Woche fasst er für art das Interessanteste daraus zusammen.
Trost durch Polemik

Maler Neo Rauch im Interview mit der Zeit, 13. September 2017

Man möchte wirklich nicht in der Haut von Chris Dercon stecken, dem neuen Intendanten der Berliner Volksbühne. Seit seiner Berufung im Jahre 2015 gab es ständig Streit sowohl um die Personalie selbst als auch um die Pläne Dercons. Eine Übersicht der wichtigsten Punkte kann man auf nachtkritik.de finden.

Nun ist sein Programm endlich gestartet und die Kritik reißt nicht ab. Einen fast schon bösartigen Artikel hat Richard Rixdorfer für die linke Zeitung Junge Welt verfasst. Er berichtet über die Auftaktveranstaltung auf dem Tempelhofer Feld und mischt dabei Kritik an der Veranstaltung mit einer polemischen Verteufelung der angeblichen Gentrifizierungstreiber der internationalen kreativen Klasse – Jens Spahn lässt grüßen.

Für die Welt hat Manuel Brug die Tanzveranstaltung besichtigt und seine Eindrücke in einen äußerst amüsanten und ebenfalls leicht polemischen Bericht verpackt, der vor allem die seiner Meinung nach fragwürdigen Qualitäten des Choreografen Boris Charmatz in den Blick nimmt.

Das Gebäude der Volksbühne wurde vergangene Woche von einer Gruppe namens "From Dust to Glitter" besetzt, ist inzwischen aber polizeilich geräumt worden. Kate Brown fast in ihrem Artikel für news.artnet.com die Hintergründe zusammen.

Polizei in besetzter Volksbühne
Zuspitzung im verfahrenen Konflikt um die Berliner Volksbühne. Die Polizei betritt das Theater - verhandelt aber erstmal mit den Besetzern.

Fotograf Wolfgang Tillmans hatte sich politisch bereits gegen den Brexit engagiert, nun schaltete er sich auch in den vergangenen Bundestagswahlkampf ein. Sein Ziel: Die AFD so klein wie möglich zu halten und potentielle Nichtwähler zu mobilisieren. Im Interview mit dem Spiegel spricht er über die aktuelle Ausstellung in Hamburg und seine politischen Anliegen.

In Peking hat die Ausstellung "Deutschland 8" eröffnet, die 319 Werke von 55 deutschen Künstlerinnen und Künstlern präsentiert. Die Mammutshow, deren erster Teil zeitgenössische Kunst chinesischer Künstler in acht verschiedenen Museen im Ruhrgebiet zeigte, wurde vom deutschen Kunstmanager Walter Smerling organisiert. Silke Müller kritisiert in ihrer ausführlichen Besprechung für den Stern unter anderem das Label "deutsche Kunst". Dieses sei schon lange nicht mehr relevant: "Was soll das sein? Kunst von Menschen, die in x-ter Generation in Deutschland leben? Vielleicht schon eher Kunst, die in Deutschland erdacht wurde? Nein, es geht um 'deutsch' als Qualitätssiegel: für Kunst, aber auch für Autos, Waschmaschinen, Finanzprodukte, Technologien."

Dass sich unter den zahlreichen Sponsoren des Projekts auch der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall befindet, veranlasste eine Reihe Künstler dazu, ihre Teilnahme an der Ausstellung abzusagen. Benjamin Sutton berichtet auf hyperallergic.com über die Hintergründe.

Die Wichtigkeit der Photosharing-Plattform Instagram für die Kunstwelt wird immer wieder gerne behauptet. Dass die Facebook-Tochter für Künstler die Möglichkeit bietet, ohne die Hilfe von Galerien ihre Bilder zu verkaufen, beschreibt Zara Stone in ihrem Artikel für das Wirtschaftsmagazin Forbes.

Ein neuer Kunststar ist geboren. Tim Bengel heißt der junge Mann, der Leon Löwentraut den Rang ablaufen könnte. Der 26-jährige Deutsche hat jetzt in New York seine erste Soloshow eröffnet. News.artnet.com bespricht seine Arbeit und verweist auf den gewaltigen Anteil, den seine Social-Media-Aktivitäten an seinem Erfolg haben dürften. Unbedingt die verlinkten Videos anschauen!

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Bendzullas Netzschau mit den wichtigsten Artikeln und spannensten Debatten der Kunstwelt