Presseschau vom 17. Juli 2017

Nicht Performer, sondern Bürger

Künstler Johannes Bendzulla beginnt seinen Tag mit schwarzem Kaffee und der Lektüre diverser Online-Medien zur zeitgenössischen Kunst. Jeden zweiten Montag fasst er für art das Interessanteste daraus zusammen.
Nicht Performer, sondern Bürger

Wolfgang Ullrich im Streitgespräch mit Raimar Stange zur Frage, ob politische Aktionskunst der bessere Protest sei. Nachzuhören bei Deutschlandradio.

 

Der Künstler Ai Weiwei und die Schweizer Star-Architekten Herzog & de Meuron haben zusammen eine interaktive Installation entworfen, die sich um das Thema Überwachung dreht. Die aufwändige Arbeit, die für die New Yorker Park Avenue Armory entworfen wurde, soll dem Besucher ein Gefühl dafür vermitteln wie es ist, ins Visier von hochentwickelter Überwachungstechnik zu geraten. Jillian Steinhauer bemängelt in ihrem Artikel für Hyperallergic.com die Flachheit der Ausstellung: "The installation seems to have no politics, beyond a basic message of 'surveillance is bad'". Sie zeige vor allem, welche Formen Überwachung annehmen könnte, jedoch nicht, was diese tatsächlich bedeute. Echtes Unbehagen erzeuge die Installation nicht.

Unter den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg stach eine Aktion besonders hervor: der Marsch der "1000 Gestalten". Einige hundert grau gepuderte Teilnehmer liefen dabei zombieartig durch die Hamburger Innenstadt, um dann nach einiger Zeit ihre staubige Hülle abzuwerfen und in einem pathetischen Finale bunt und glücklich zu tanzen und sich gegenseitig zu umarmen. Der Blog Blitzkunst argumentiert, dass die durchaus positive Rezeption des Spektakels vor allem vor dem Hintergrund der gewalttätigen Auseinandersetzungen zu verstehen sei. "1000 Gestalten" sei so unglücklicherweise zum Sinnbild des friedlichen Protestes geworden: "Denn auch wenn die 1000 Gestalten dafür sorgten, dass es auch noch anderen Gesprächsstoff gab als die Ausschreitungen, sie lenkten genauso davon ab, wer abgesehen von den G20-Verhandlungen eigentlich am meisten Aufmerksamkeit hätte erhalten müssen: jene Menschen, die statt diffuser Bilder konkrete Anliegen auf die Straße brachten – nicht als Performer, sondern als Bürger."

123rf.com / Montage
Bendzullas Netzschau mit den wichtigsten Artikeln und spannensten Debatten der Kunstwelt

Die diesjährige Documenta bleibt auch einige Wochen nach der Eröffnung ihrer Abteilung in Kassel Gegenstand von Diskussionen. Die klare politische Positionierung der Kuratoren und die vieler ausgestellter Werke gilt manchen Kritikern als besondere Qualität, andere sehen darin wiederum eine eklatante Schwäche der Großausstellung. Kia Vahland gehört eindeutig zur zweiten Gruppe. In ihrem Bericht für die Süddeutsche Zeitung zur Ausstellung in Kassel wirft sie den Machern vor, ihr Publikum zu bevormunden. Der vordergründig antiautoritäre Gestus der Kuratoren entpuppe sich schnell als Autorität zweiter Ordnung. In den Worten der Autorin: "Das traditionelle Ausstellen von Kunst gilt ihr als problematische Kulturtechnik, 'die Bürger_innen so erziehen soll, dass sie sich freiwillig selbst beherrschen' (Tony Bennett im Katalog). Die aktuelle Schau will das anders machen, sie will das Publikum in sogenannten Chorus-Führungen ermächtigen. Dort erklärt der oder die Führende praktisch nichts, sondern fragt die Besucher nach ihren Empfindungen bei diesem oder jenem Werk. […] Man kann auch durch Nichtinformation manipulieren. Wer alle Autoritäten abschafft, inszeniert sich selbst als letzte Instanz. So funktionierte die antiautoritäre Erziehung der Siebzigerjahre. [...] Übrig blieben als einzige Orientierungsgrößen nur die antiautoritären Erzieher, deren Weltbild nun konkurrenzlos dastand."

Wolfgang Beltracchi stand vor einigen Jahren im Zentrum eines großen Kunstskandals: Er fälschte Bilder berühmter Maler und schleuste sie mithilfe seine Frau und zwei weiterer Mittelsmänner in den Kunstmarkt ein. Die Masche flog auf, Beltracchi musste einige Zeit ins Gefängnis. Das Magazin brand eins berichtet nun in einem ausführlichen Feature über das aktuelle Projekt des Meisterfälschers, welches er zusammen mit dem Unternehmer Christian Zott plant: "Mitte 2015 beschließen Christian Zott und Wolfgang Beltracchi in einem Restaurant in München-Schwabing, eine Wanderausstellung über gleich 2000 Jahre Kunstgeschichte zu schaffen. Sie soll aus mehr als 30 Bildern bestehen – die aber allesamt noch zu malen sind. […] Die Idee dahinter, sagt Zott, sei es, 'Leerstellen' im Werk berühmter Künstler (und damit der Geschichte) zu finden und zu füllen, also Bilder herzustellen, die die Meister zwar nie selbst gemalt haben, aber genau so gemalt haben könnten." Im Oktober 2018 soll die Schau in der Nationalen Markusbibliothek in Venedig zum ersten Mal zu sehen sein.

Die Kunsthalle Schirn in Frankfurt hatte im Vorfeld ihrer Ausstellung "Peace" dazu aufgerufen, ein neues Friedenszeichen zu entwerfen. Eine prominent besetzte Jury kürte aus etwa 600 Einsendungen einen schlichten blauen Punkt zum Siegesentwurf. In ihrem Artikel für den Freitag beschreibt Sarah Khan die dazugehörige Kontroverse auf der Facebook-Seite der Kunsthalle.

Die Kontroverse um identitätspolitische Fragen in der Kunst hat kürzlich neue Nahrung erhalten. Eine Ausstellung des Künstlers Jimmie Durham im amerikanischen Walker Arts Center hat Protest bei Angehörigen der ortsansässigen Cherokee Indianer ausgelöst. In einem offenen Brief erklärten sie, der Künstler habe seine Zugehörigkeit zu den Cherokee erfunden, um sich deren kulturelle Identität anzueignen und daraus Kapital zu schlagen. Catrin Lorch beleuchtete in ihrem Bericht für die Süddeutsche Zeitung die Hintergründe der Debatte.

Welch verheerende Auswirkungen die Selfie-Kultur in Kunstausstellungen haben kann, kann man sich in diesem Video ansehen. Das Sockel-Domino ereignete sich in einer Ausstellung des Künstlers Simon Birch in Los Angeles, wie Hyperallergic.com berichtet.

Zum Schluss noch eine Kunst-Empfehlung: Sebastian Schmiegs großartige Prezi-Arbeit über digitale Arbeit und politischen Hacktivismus.