Presseschau vom 3. Juli 2017

»Es grassiert die Angst«

Künstler Johannes Bendzulla beginnt seinen Tag mit schwarzem Kaffee und der Lektüre diverser Online-Medien zur zeitgenössischen Kunst. Jeden zweiten Montag fasst er für art das Interessanteste daraus zusammen.
»Es grassiert die Angst«

Beobachtung zur Kunstmesse Art Basel und zur Documenta 14 von Max Glauner in seinem Artikel für den Freitag, 27.06.2017

Eine Arbeit des Künstlers Sam Durant, welche im Skulpturengarten des Walker Art Museums aufgestellt wurde, provozierte kürzlich starken Protest von Seiten der ansässigen Ureinwohner. Die Skulptur, welche unter anderem an die Massenhinrichtung von 38 Angehörigen des Dakota-Stammes vor knapp 150 Jahren erinnert, wird nun nach einem Mediationsgespräch mit allen Beteiligten abgebaut. Im Interview mit der Los Angeles Times spricht Durant über den Ablauf der Kontroverse und über den Vorwurf, er habe sich zensieren lassen. Letzteres weist er weit von sich: "Censorship is when a more powerful group or individual removes speech or images from a less powerful party. That wasn’t the case. […] I chose to do what I did freely. For me, it was that the work no longer fulfilled my intentions. I always hope my work would be in support of Native American struggle and justice. To hear that it was harming them, I felt terrible. I had to change it."

Auf den Fall Durant geht auch Kenan Malik in seinem Artikel für die New York Times ein. Er nimmt die zahlreichen politischen Kontoversen, die sich in den letzten Monaten an Kunstwerken entzündet haben, zum Anlass, den Vorwurf der Cultural Appropriation (Kulturelle Aneignung) in Frage zu stellen. Das Machtgefälle, welches der Ausgangspunkt der Kritik an der Cultural Appropriation darstellt, lasse sich im Bereich der Kunst bzw. Kultur nicht klar definieren: "Appropriation suggests theft, and a process analogous to the seizure of land or artifacts. In the case of culture, however, what is called appropriation is not theft but messy interaction. Writers and artists necessarily engage with the experiences of others. Nobody owns a culture, but everyone inhabits one, and in inhabiting a culture, one finds the tools for reaching out to other cultures."

Eine der kontroversesten Arbeiten der diesjährigen Whitney Biennale in New York war – neben der Malerei von Dana Schutz – ein Virtual Reality Video des Künstlers Jordan Wolfson. Darin sah man, wie ein Avatar des Künstlers eine weitere Person auf brutalste Art mit einem Baseball-Schläger tötet. Jordan ist dafür bekannt, jede politische Interpretation seiner Arbeiten von sich zu weisen. Bei einer Podiumsdiskussion mit dem Künstler Mitte Juni wurde dieser mehrfach darauf angesprochen. Autorin Mengna Da war vor Ort und beschreibt auf hyperallergic.com, wie problematisch Teile des Publikums Jordans Haltung fanden. Sein mangelndes Bewusstsein für sein Weiß-Sein und die damit verbundenen Privilegien stoßen auch bei der Autorin selbst auf Kritik: "It is a privilege to make violence into art without being threatened by real violence. It is a privilege to imagine white men as neutral characters that could supposedly avoid political interpretations."

Über die Intensität als eines wichtigsten gegenwärtigen Ideale schreibt Felix Stephan in seinem Essay für die Welt. "Niemand, wirklich niemand will sich am Sterbebett vorwerfen lassen müssen, er habe nicht intensiv gelebt", so der Autor. In der Sphäre der Kunst sei der Hang zur Intensität allerdings eher als Rückschritt zu verstehen: "Ästhetisch gesehen ist das, was sich hier abspielt, eine konservative Revolution. In der Moderne ist es bislang ja gerade darum gegangen, das Geheimnisvolle, Erhabene, Schöne der Kunst in seine Bestandteile zu zerlegen und dann festzustellen, dass nicht viel übrig bleibt, wenn man die Metaphysik abzieht." Einschränkend fügt Stephan hinzu: "Andererseits geht es in der Kunst eben auch darum, ästhetische Konventionen abzustreifen. Und in diesem Sinne ist die Rennaissance der Intensität ultimativ zeitgenössisch: Jeder Baumarkt-Werbespot sendet heute Selbstdistanzierungssignale, jeder Trucker weiß, dass Erzählungen nicht zu trauen ist."

Kunsterziehung
Keine Documenta hatte so große Ambitionen wie diese. Und keine hat für den Besucher so hohe Hürden errichtet. Warum die Documenta 14 gründlich danebengegangen ist – und es sich trotzdem lohnt, nach Kassel zu fahren

Die Skulptur Projekte Münster und die Documenta in Kassel sorgen weiterhin für Gesprächsstoff:

Niklas Maak hat für die FAZ einen ausführlichen und differenzierten Artikel zur Documenta in Kassel geschrieben. In seinem Bericht hebt er sowohl die aus seiner Sicht gelungenen als auch weniger gelungenen Aspekte der Großausstellung hervor. "So interessant es ist, wie bei dieser Documenta versucht wird, die Kunstgeschichte um außereuropäische, indigene und übersehene Künstler zu ergänzen und gleichzeitig auf Themen wie Migration und den Körper in der marktökonomisch rationalisierten Welt zu reagieren, so entnervend ist oft die Art, wie da Künstler mit einem enormen, manufactumhaften Aufwand politische Allgemeinplätze illustrieren."

Adam Szymczyk, Chefkurator der Documenta 14, hat den in diesem Jahr ausgestellten Arbeiten eine Menge Theorie zur Seite gestellt. Wie sehr die Gesamtkonzeption einer Ausstellung die einzelnen Arbeiten überlagern darf oder soll, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Alexander Forbes bezieht auf artsy.com eindeutig Stellung - Szymczyk habe Verrat an seinen Künstlern begangen: "To the extent that a show does include the work of artists, however—and documenta 14 includes over 300 of them—a curator should never privilege their own message and aim, no matter how worthy, over a most basic requirement of curation: to be a respectful custodian for the art that they select for the show, and to the artists who created the work."

Susanne Schreiber, Redakteurin des Handelsblatts, scheint insgesamt begeistert von der politischen und existenziellen Aufladung der Kasseler Documenta. Bemerkenswert findet sie die Marktferne der diesjährigen Ausgabe: "Die glitzernde, astronomisch teure Kunstmarkt-Kunst, die allenfalls Dekorationswert hat, ist offenbar nicht für alle im 'Betriebssystem Kunst' das Kennzeichen unserer Zeit."

Ein durchweg positives Fazit zieht Holland Cotter in seinem Bericht für die New York Times. Die Kasseler Ausgabe der D14 sei keine einfache Unterhaltung. Die starke Fixierung auf inhaltliche Fragen unter Vernachlässigung klassisch ästhetischer Erfahrungsmöglichkeiten wertet er positiv: "Many of [the] artists, like this Documenta as a whole, use art instrumentally, sociologically, to political ends. If you’re looking for a soak in speaks-for-itself beauty, you might as well stay home. Is that a problem? Not for me, and apparently not for them." Cotter rät den Besuchern Geduld mitzubrigen, denn: "[...] In the end, it’s as good as the time and attention you’re willing to give to it."

Raimar Stange war in Münster unterwegs und kann der Großausstellung nur wenig gutes abgewinnen. Wenig innovativ seien die meisten Arbeiten, von einzelnen gelungenen Beispielen abgesehen. So konzept- und belanglos wie diese Ausgabe sei keine der vorherigen gewesen, so der Autor in seinem Artikel für artmagazine.cc. Kritisch sieht er die Berichterstattung über Münster in den großen deutschen Tageszeitungen: "Dass die 'Skulptur Projekte' von breiten Kreisen der Medien, insbesondere der 'Welt', der 'Zeit' und der 'FAZ' eben deswegen, also einerseits wegen des musterschülerhaften Erfüllens konventioneller Kunststandards und andererseits wegen ihres, von den Kuratoren bewusst inszenierten, artigen Unkritischseins, als Bashing an der documenta 14 eingesetzt werden, das ist nur noch peinlich."

Das Internet bietet Künstlern großartige Möglichkeiten, ihre Kunst an den Mann oder die Frau zu bringen, ohne auf traditionelle Distributionskanäle angewiesen zu sein. Zu verhältnismäßig niedrigen Kosten lässt sich ein quasi globales Publikum ansprechen, und das ohne Galerie. Warum das den allermeisten Künstlern dennoch nicht helfen wird, beschreibt Tim Schneider auf news.artnet.com. Die Qualität von Kunst sei völlig subjektiv; die meisten Käufer seien deshalb dankbar für Gatekeeper, die quasi als Bürgen für die von ihnen vertretenen Künstler wahrgenommen werden würden. Fehle eine solche Instanz, würden potenzielle Käufer abgeschreckt: "Yes, an open-access market for creative works of any kind is vastly more democratic than the traditional gatekeeper-controlled one. But such a marketplace also becomes vastly more difficult for the average buyer to navigate. The reason being that the gatekeepers – be they record labels, Hollywood studios, or gallerists – still double as their medium’s most reliable signals of quality."

Unter was für einem mitunter grotesken Kostendruck man in der Werbebranche steht, schildert Agenturinhaber Nicolai Goschin in seinem wütenden Artikel für das Magazin brand eins. Die beschriebenen Dreistigkeiten mancher Auftraggeber lassen einem wirklich den Atem stocken. Goschins Gegenrezept: nicht mehr jeden Auftrag annehmen, Preise nicht mehr verhandeln, nicht mehr an unterbezahlten Pitches teilnehmen. So werde man auch von Kundenseite ernster genommen.

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