Presseschau vom 16.01.2017

»This is fake art«

Künstler Johannes Bendzulla beginnt seinen Tag mit schwarzem Kaffee und der Lektüre diverser Online-Medien zur zeitgenössischen Kunst. Jeden zweiten Montag fasst er für art das Interessanteste daraus zusammen.
»This is fake art«

Künstler Richard Prince zieht per Twitter die Autorschaft eines Bildes zurück, welches Ivanka Trump, eine Tochter Donald Trumps, 2014 von ihm gekauft hatte.

Ende vergangenen Jahres wurde in Ankara der Botschafter Russlands in der Türkei von einem islamistischen Terroristen ermordet, just als er auf einer Ausstellungseröffnung eine Rede hielt. Die von einem der anwesenden Pressefotografen gemachten Aufnahmen der Szene wirkten durch das sterile Setting des White Cubes merkwürdig entrückt, beinahe inszeniert. Eben jenes artifizielle Moment faszinierte den populären Kunstkritiker Jerry Saltz so sehr, dass er die Pressefotos in einem Essay für vulture.com mit Historienmalerei verglich.

Für manche hatte Saltz damit die Grenzen des guten Geschmacks überschritten. Eine exemplarische Abrechnung mit dem dessen kunstkritischen bzw. publizistischen Ansatz hat Micah Mattix für den Weekly Standard verfasst. Über Saltz' Sicht auf die Tatort-Fotos schreibt er: "It's an opportunity to show his icy intelligence and originality. It's part of his brand, and it's why people can't get enough of 'Jerry,' as his followers affectionately call him." Provokation um jeden Preis sei seine Strategie, um seine zahlreichen Follower bei Laune zu halten.

Soziale Netzwerke nutzt Jerry Saltz ausgiebig und ist dabei nie um einen Streit verlegen. Dass er gut austeilen, aber eher weniger gut einstecken kann, das behauptet der Blog Blitzkunst in einem Post vom vergangenen Wochenende. Äußere man in einer Diskussion eine unliebsame Meinung, so werde man gleich geblockt – eine eher unsouveräne Reaktion des vermutlich bekanntesten Kunstkritikers der Welt und zudem nicht gerade förderlich für den konstruktiven Streit über Kunst.

Belgiens Hauptstadt Brüssel erfreut sich seit Jahren steigender Beliebtheit bei Künstlern. Auch die Anzahl an Galerien und Kunstmessen ist in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Manch einer zeigte sich gar überzeugt dass Brüssel Berlin den Rang ablaufen könnte. Warum das nicht passieren wird, hat Katerina Gregos für The Art Newspaper beschrieben.

Der zweite Tod
Bilder erzählen die besten Geschichten. Antje Stahl schreibt sie auf. Eine Freundschaftsanfrage auf Facebook führt die Kolumnistin diesmal in den morbiden Abgrund digitaler Bildarchive

Galerist und Künstler Joel Mesler schließt seine mit seinem Partner Zach Feuer betriebene New Yorker Galerie Ende Februar – ein weiterer Abgang einer eigentlich seit Jahren erfolgreichen Galerie aus der immer teurer werdenden New Yorker Innenstadt. Für Artnews.com schrieb er seit 2014 über sein Leben und seine Arbeit und zwar äußerst witzig und aufschlussreich. In seinem aktuellen Post schreibt er über seine überwundenen Drogenprobleme, Business in New York und die Gründe für seinen Wegzug von der Lower East Side.

Die klassische Galerie und ihr Geschäftsmodell geraten immer mehr in die Krise. Neue Akteure drängen auf den Markt für zeitgenössische Kunst und machen den traditionellen Galerien mit alternativen Geschäftsmodellen Konkurrenz. Einer der prominentesten Untergangspropheten ist Stefan Simchowitz, umstrittener Kunsthändler, Künstler-Manager und Art-Advisor aus Los Angeles. In einem ausführlichen Interview mit Artspace-Redakteur Andrew M. Goldstein beschreibt er seine Vorbehalte gegen das Galerie-System und erläutert seine eigene Geschäftsphilosophie. Die Schlagfertigkeit Simchowitz' macht die Lektüre zu einem großen Vergnügen; zugleich bekommt man einen sehr guten Eindruck von den Umbrüchen, mit denen das klassische Galerie-Konzept gerade zu kämpfen hat.

Zahlreiche berühmte amerikanische Künstler haben gemeinsam dazu aufgerufen, am Tag der Ernennung Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten in einen "Kunst-Streik" zu treten, um ein Zeichen gegen die "Normalisierung des Trumpismus" zu demonstrieren. Jonathan Jones vom Britischen Guardian hält ein solches Vorgehen für sinnlos: "Such a protest can only help the participants feel good about themselves. […] Let’s face it: art and serious culture are completely marginal to American life. Trump’s victory proves that. Closing museums is not likely to have any impact on those who support him."

Künstler Richard Prince hat kürzlich die Autorschaft eines Bildes zurückgezogen, welches Trumps Tochter Ivanka 2014 von ihm gekauft hatte. Zusätzlich hat er nach eigenen Angaben die Kaufsumme zurückerstattet. Prince beschäftigt sich seit Jahren vor allem mit Fragen von Autorschaft und der Aneignung fremden Bildmaterials – ist seine Aktion also nun politischer Protest oder eher eine weitere absurde Wendung seiner künstlerischen Arbeit? Annekathrin Kohout sucht auf ihrem Blog sofrischsogut.com nach einer Erklärung.

Der Künstler als prinzipieller Gegner gesellschaftlicher Konventionen scheint als Rollenmodell für die Gegenwart immer weniger zu taugen. Sebastian Späth hat sich für die Welt mit dem Maler Henning Strassburger getroffen, der dem Autor zufolge ein eher affirmatives Image pflegt: jung, gutaussehend, körperbewusst, erfolgreich. Der daraus entstandene Artikel gibt einen guten Einblick in die veränderten Bedingungen, unter denen künstlerische Selbstdefinition heute stattfindet.

123rf.com / Montage
Bendzullas Netzschau mit den wichtigsten Artikeln und spannensten Debatten der Kunstwelt