Presseschau vom 12.12.2016

Bedürfnis nach Radical Chic

Künstler Johannes Bendzulla beginnt seinen Tag mit schwarzem Kaffee und der Lektüre diverser Online-Medien zur zeitgenössischen Kunst. Jeden zweiten Montag fasst er für art das Interessanteste daraus zusammen.
Bedürfnis nach Radical Chic

Fabian Wolff in einem Artikel für den Freitag, 05.12.2016

Die Wahl Donald Trumps zum Präsident der Vereinigten Staaten sei eine große Chance für die Kunst, so lautet die These einiger Zeitgenossen, darunter Kunstkritiker Jerry Saltz (siehe Artikel auf art) und Musiker Bela B, bekannt als Drummer der Band Die Ärzte. In einem Artikel für den Freitag nimmt Fabian Wolff diese These auseinander und arbeitet sich dabei vor allem an Bela B's scheinbarer Naivität ab: "Musik soll das Konsum- und Genussbedürfnis nach radical chic stillen: 'Das wird super für die Plattensammlung', sagte Bela B bei Böhmermann. Was da 'super' für die Kreativität sein soll, das ist die Explosion von Rassismus, Ausgrenzung und Gewalt, die in den Tagen direkt nach der Präsidentenwahl ausbrach und mindestens geduldet wurde. Alles gerechtfertigt – wenn die Beats fett genug sind und der halbtote Punk-Ethos nun noch einmal einen letzten Frühling erleben darf, 40 Jahre nach seiner offiziellen Geburtsstunde."

Der Direktor des Kolumba-Museums in Köln, Stefan Kraus, hat in einem Interview mit der Rheinischen Post zum Rundumschlag ausgeholt gegen die Art, mit der Museen in Deutschland geführt werden. Sein Vorwurf: zu viel Quote, zu viel Kommerz. Beispiel "Nacht der Museen": "Der Erfolg solcher Nächte rechnet sich über die Masse und ist programmiert, weil sie die örtlichen Medien als Mitveranstalter dementsprechend hypen. Aber abgesehen davon, dass sich die Konservatoren die Haare raufen, wenn tausende Menschen in einer einzigen Regennacht mit nassen Klamotten durch die Säle laufen, sind sie in höchstem Maße kontraproduktiv", so Kraus im Gespräch mit Redakteurin Annette Bosetti. Die Finanzierung des Kolumbas durch die katholische Kirche dürfte es Kraus leicht machen, seinem Haus ebensolche Massenveranstaltungen ersparen zu können. 

Kunst kann und soll Grenzen überschreiten dürfen – diese Vorstellung deckt sich mit der westlichen Idee von Kunstfreiheit und dürfte auch in der akademischen Ausbildung von Künstlern absoluter Konsens sein. Was passiert, wenn eben jene Idee von Freiheit auf das Recht des Einzelnen stößt, vor etwaigen Verletzungen der eigenen Gefühle im Hochschulalltag geschützt zu werden, beschreibt Daniel Grant für den Observer. Grant bezieht sich dabei vor allem auf den amerikanischen Universitätsbetrieb, in dem vielerorts der Schutz vor sogenannten Mikroaggressionen sehr ernst genommen werde. Der Autor beschreibt in vielen Beispielen die Konflikte, die durch diesen institutionellen Widerspruch hervorgerufen werden und lässt außerdem zahlreiche Lehrkräfte zu Wort kommen. Witzig liest sich der Regelkatalog des Maryland Institute College of Art in Baltimore, welcher sich dem Autor zufolge an die Studenten richte: "Animals must be treated 'in a humane manner when used in/as art work,' no setting off fireworks, displaying or using weapons, possession or use of illegal drugs or alcohol, no exposing others to 'blood, urine, feces, chemicals or other hazardous materials.' [Also] students are reminded that graffiti art on public property is 'vandalism'." So solle auch die körperliche Unversehrtheit der Studenten gewährleistet werden.

Kopf frei für’s Wesentliche
Bilder erzählen die besten Geschichten. Antje Stahl schreibt sie auf. Diesmal meditiert sie in der Berliner U-Bahn über den Zusammenhang von Beziehungslosigkeit, Möblierung und Designerklamotten

Die Dezember-Ausgabe der Zeitschrift Texte Zur Kunst enthält ein Interview mit dem jungen Kunststar Alex Israel, dessen Arbeit nicht nur Kunstwerke umfasst, sondern auch Produkte für andere Märkte bzw. Kontexte. Seine affirmative Grundhaltung und sein freudiger Einsatz kommerzieller Strategien stoßen vielen Kritikern übel auf (siehe Jerry Saltz' Abrechnung hier auf art). Israel selbst kann in einer kritischen Haltung keine sinnvolle künstlerische Strategie mehr erkennen. Im Gespräch mit Caroline Busta gibt er zu Protokoll: "Ich habe [...] nicht das Gefühl, dass es ein 'Außen' noch gibt. Ich versuche, unsere heutigen Kommunikationsformen und -techniken einzusetzen, so gut ich kann. Ich sehe keinen Wert darin, ein kritisches Verständnis von Malerei oder Hollywood oder der Unterhaltungskultur zu vermitteln, weil ich glaube, dass wir mittlerweile alle wissen, wie diese Dinge funktionieren."

Kommen wir zum geschäftlichen Teil: Auf artspace.com ist ein äußerst aufschlussreiche Interviews mit Ed Winkleman erschienen, seines Zeichens Buchautor, ehemaliger Galeriebetreiber und Kunstmessendirektor. Winkleman hat zwei Bücher über den Betrieb von Kunstgalerien verfasst und so dreht sich der größte Teil des Gesprächs auch um die veränderten Bedingungen, unter denen Galerien für zeitgenössische Kunst heute operieren müssen. Die wichtigsten Eckpunkte: die immer kürzer werdende Bindung zwischen Galerien und Künstlern; die schwindende Gatekeeper-Funktion von Galerien, ausgelöst durch die Informationsmöglichkeiten des Internets; extreme Kosten durch den Zwang, an Kunstmessen auf der ganzen Welt teilzunehmen; hohe Mietkosten bei gleichzeitig steigender Virtualisierung des Geschäfts; etc

Die Photo-Sharing-Plattform Instagram hat für die Kunstwelt innerhalb kürzester Zeit massiv an Bedeutung gewonnen. Künstler vermarkten dort ihre Arbeiten, Galerien bahnen Geschäfte an. Der folgende Artikel beschäftigt sich nicht direkt mit dem Kunstbusiness auf Instagram, allerdings gibt er einen äußerst interessanten Einblick in die Strategien, mit denen dort üblicherweise Geld verdient wird – Stichwort Influencer Marketing. BloombergBusinessweek-Redakteur Max Chafkin startete dafür ein Experiment – mit Hilfe aller zur Verfügung stehenden legalen Hilfsmittel wollte er seinen privaten Account innerhalb eines Monats zu einem professionellen Influencer-Account machen, dessen Posts tatsächlich Geld einbringen. Nach der Lektüre seines Artikel wird man die sozialen Interaktionen auf Instagram auf jeden Fall mit anderen Augen sehen.

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Bendzullas Netzschau mit den wichtigsten Artikeln und spannensten Debatten der Kunstwelt