Lieblink - UbuWeb

Lieblink: UbuWeb

Jeden Dienstag präsentieren wir Ihnen einen neuen Klicktipp. Diesmal: das digitale Avantgarden-Archiv UbuWeb. art sprach mit dem Gründer Kenneth Goldsmith über Dadaismus, geistiges Eigentum und eine Kultur des Schenkens im Internet.
Lieblink der Woche:UbuWeb - digitales Archiv der Avantgarden

UbuWeb ist eine unglaublich umfangreiche Webseite. Man kann sowohl Künstlervideos anschauen, MP3s anhören als auch in alten Magazinen stöbern und Gedichte lesen. Herr Goldsmith, in einem Satz: Was ist UbuWeb?

Kenneth Goldsmith: UbuWeb ist ein Internet-Archiv, das avantgardistischer Kunst eine Plattform bietet und diese der Öffentlichkeit zugänglich macht.

"Ubu" – das klingt ein bisschen dadaistisch. Nomen est omen?

Der Name ist dem Theaterstück "Ubu Roi" (zu deutsch: König Ubu) des französischen Schriftstellers Alfred Jarry entlehnt. "Ubu Roi" war seinerzeit unter Surrealisten und Dadaisten sehr populär.

Diesen November kann UbuWeb sein zwölfjähriges Bestehen feiern. Wie hat alles angefangen?

Als wir 1996 mit UbuWeb begonnen haben, war das noch eine Seite, die schwerpunktmäßig konkreter und visualisierter Poesie gewidmet war. Mit dem Aufkommen des Web-Browsers, der außer Text auch Grafiken anzeigen konnte, haben wir uns alte konkrete Gedichte angeschaut und waren erstaunt, wie frisch und zeitgenössisch diese auf dem Computerbildschirm aussahen. Kurz danach, als auch Audiodaten in die Seiten integriert werden konnten, war es natürlich sinnvoll, dass wir unser Spektrum auf Lautpoesie ausdehnen. Als die Bandbreite sich vergrößert hat, haben wir dann auch MP3s und Videos hinzugefügt.

Wer steht hinter UbuWeb?

Die Herausgeber der unterschiedlichen Sparten sind Experten auf ihrem Gebiet. Eine detaillierte Auflistung findet sich im Impressum auf der Seite. Ubu wird fortwährend erneuert, aber unsere Mission unterscheidet sich vom angesammelten Strandgut eines persönlichen Blogs. Wir bevorzugen den Vergleich zu einer Bibliothek, die sich immer weiter ausdehnt, manchmal auch in Richtungen, die sich anfangs nicht kategorisieren lassen.

Die Webseite ist im Stil überraschend schlicht und simpel. Möchte man sich dadurch von anderen Seiten wie MySpace abgrenzen?

MySpace ist hässlich, mit Werbung überfüllt, schmettert einem Musik entgegen und bei neun von zehn Zugriffen stürzt der Browser ab. Wirklich, es ist das absolute Gegenteil von UbuWeb. Unsere Seite ist sauber, ohne Werbung, ohne Müll. Im Meatspace (dem wirklichen Leben im Gegensatz zum Cyberspace, Anm. d. Red.) gibt es bestimmte Straßen, die man nicht betritt, und so gibt es auch im Cyberspace Orte wie MySpace, die wir lieber meiden.

Alle Angebote auf UbuWeb sind kostenlos. Wie wird dieses gigantische Projekt am Laufen gehalten? Woher kommen all die Dateien?

UbuWeb funktioniert ohne Geld. Die ganze Arbeit wird von Freiwilligen geleistet. Serverraum und Bandbreite bekommen wir von mehreren Universitäten gespendet. Die nutzen UbuWeb im Gegenzug als Forschungsobjekt für Ideen, die mit radikaler Verbreitung und der Kultur des Schenkens im Internet zu tun haben. Nach zwölf Jahren finden sich nun über 5000 Künstler und mehrere Tausend Arbeiten auf UbuWeb, doch man wird nie eine Werbeanzeige, ein Logo oder eine Spendenbox finden. UbuWeb war immer und wird immer frei und offen für alle sein.

Viele der Dateien sind eigentlich urheberrechtlich geschütztes Material – hatten Sie je Probleme deshalb? Was ist Ihre Meinung zu Urheberrecht und geistigem Eigentum?

In Bezug auf die Avantgarde ist Urheberrecht eine Illusion. Wir ignorieren es.

Womit sind die Grenzen des Archivs erreicht? Wo sehen Sie UbuWeb in zehn Jahren?

Es gibt keine Grenzen. Jedoch war UbuWeb nicht als permanentes Archiv gedacht und könnte aus einer Reihe von Gründen auch schnell wieder verschwinden. Wir haben nicht die stabilsten und leistungsfähigsten Server, regelmäßig stürzt mal etwas ab, manchmal auch die ganze Seite, oder die Armee der Freiwilligen reduziert sich auf ein einköpfiges Team. Aber genau das macht es so reizvoll: UbuWeb ist entschieden antiinstitutionell, besonders wandlungsfähig und muss sich keinen anderen Anforderungen beugen als denen, die wir stellen. Versucht alle so viel wie möglich heute herunterzuladen, es ist höchstwahrscheinlich morgen nicht mehr da! Heute in zehn Jahren wird sich niemand mehr daran erinnern, dass es UbuWeb jemals gab.

Was ist ihr persönliches Highlight auf UbuWeb?

Louis Farrakhan, der afroamerikanische Führer der Bewegung "Nation of Islam", wie er Calypso-Lieder singt. Das findet man unter der Sparte 365 Day Project auf UbuWeb.

Man könnte natürlich den ganzen Tag damit verbringen, auf UbuWeb zu surfen, aber haben Sie noch einen anderen Lieblink?

Mit der Ausnahme unserer Partner PennSound, Grey Lodge und Art Torrents gibt es keine Konkurrenz für uns – eine Tatsache über die wir nicht sehr glücklich sind. Warum gibt es nicht Tausende Seiten wie UbuWeb? Wenn man sich die Kunstwelt anschaut, besteht das Problem anscheinend aus der Kombination eines Festhaltens an der alten Ökonomie (eine, die bei einem boomenden Markt sehr gut funktioniert) und einer Zögerlichkeit, besonders in akademischen Zirkeln, wo das Arbeiten mit dem Internet oft als nicht wertgeschätzt wird. So lange wie die Kunstwelt weiter Ökonomien der Verknappung solchen der Fülle und des Überflusses vorzieht, wird der Wandel lange auf sich warten lassen.

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