Unser e.V. - WKV Stuttgart

Unser e.V. – Württembergischer Kunstverein Stuttgart

In Deutschland existiert eine weltweit einmalige Landschaft von über 250 Kunstvereinen, die sich der Vermittlung zeitgenössischer Kunst verschrieben haben. Wir stellen Ihnen jede Woche einen neuen Kunstverein vor. Diesmal: Zehn Fragen an den Württembergischen Kunstverein Stuttgart.
Deutschlands Kunstvereine:Zehn Fragen an den Württembergischen Kunstverein

Blick in die Ausstellung "Sichtung" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart

Über welche Ausstellung wurde am meisten gestritten? Und warum?


Iris Dressler und Hans D. Christ: Die beiden Ausstellungen, die die meisten Kontroversen ausgelöst haben, waren mit Sicherheit "On Difference #1" und "On Difference #2" (2005/2006), da sie weit über die Grenzen der klassischen Kunstpräsentation hinausgingen. Das Projekt, an dem 18 Kuratoren und über Hundert Künstler, Architekten, Urbanisten und Aktivisten beteiligt waren, kreiste um die Potenziale unabhängiger künstlerischer Handlungsräume in Ländern wie Korea, Indien, Iran, Serbien, Rumänien, Brasilien und Bulgarien.

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Es setzte an der Frage nach der Relevanz lokaler Realitäten für eine kritische Kunst- und Wissensproduktion an und wie sich diese Realitäten in einer Ausstellung ins Spiel bringen lassen. Beide Ausstellungen umfassten verschiedene kuratorische Ansätze, die in höchst unterschiedlichen Displays die Grenzen zwischen künstlerischen Arbeiten, Dokumentationen, Archiven, Publikationen, Architekturmodellen und anderen Formaten aufbrachen. Die Besucher mussten sich also auf ein äußerst vielstimmiges, wechselhaftes Szenario einlassen. Beide Ausstellungen, da sie weitreichende gesellschaftliche Fragen thematisierten, wurden stark frequentiert – und zwar von einem sehr heterogenen Publikum. Während die einen das Projekt und seine Herausforderungen überaus positiv aufnahmen, rieben sich die anderen daran.

Und welches war Ihre best besuchte Ausstellung?


Seit wir den Kunstverein leiten (2005) war die Ausstellung "Stan Douglas. Past Imperfect", die wir gemeinsam mit der Staatsgalerie realisierten, mit 13 200 Besuchern die Ausstellung mit dem größten Publikum. War sie damit "am besten" besucht? Und ist eine Ausstellung mit einem in Deutschland völlig unbekannten Künstler wie Noh Suntag, die bislang über 6 000 Besucher erreichte, dagegen "schlecht" besucht? Hat der schlechte, gute, beste Besuch einer Ausstellung aus der Perspektive des Besuchers mit der Statistik, zu der er beiträgt, zu tun, oder mit der Erfahrung, die er macht? Die Bewertung von Publikumszahlen erfordert eine relative Betrachtung.

Wenn Sie eine eigene Sammlung haben: Wo liegt der Schwerpunkt? Und welches ist das teuerste Exponat?


Der Württembergische Kunstverein besitzt keine Sammlung, allerdings eine Art Dauerleihgabe von Olaf Metzel. Im Rahmen einer Ausstellung hatte er 1984 im Skulpturenhof die Arbeit "Stammheim" installiert, eine der interessantesten künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Deutschen Herbst. Sie wurde nach Beendigung der Ausstellung nicht abgebaut und gehört mittlerweile zum Kunstverein wie der "goldene Hirsch" auf der Kuppel des Gebäudes.

Welche Künstler würden Sie gerne einmal ausstellen?


Die, die wir ausstellen.

Wohin führte Sie die letzte gemeinsame Reise?


Nach Kassel, zur Documenta.

Was war die bislang höchste Spende?


Der unermüdliche und involvierte Einsatz des Teams, der Künstler und anderer Mitwirkenden, sowie der Beitrag der Mitglieder in ihrer Gesamtheit.

Was würden Sie Ihrem Verein generell wünschen?


Eine bessere und kontinuierlichere finanzielle Ausstattung für dezentrale Rechercheprojekte, Workshops, die Kollaboration mit Hochschulen, die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – für das, was an partizipativer Kunst- und Wissensproduktion jenseits des Rampenlichts geschieht. Dies setzt voraus, dass Kulturpolitiker und Sponsoren es stärker anerkennen, dass ein Kunstverein sehr viel mehr als die Präsentation von Ausstellungen leistet.

Wenn Sie kein Kunstverein wären, was für ein Verein wären Sie dann?


Ein Kunstverein.

Wo sehen Sie den Verein in den nächsten zehn Jahren?


Da sich Kunstvereine in den letzten 200 Jahren immer wieder neu positioniert haben und sich zudem weiterhin neue Kunstvereine bilden, wird diese Institution auch in zehn Jahren einen wichtigen Freiraum für eine unabhängige, kritische und experimentelle Auseinandersetzung mit Kunst und ihren weitreichenden Kontexten abbilden: an manchen Orten stärker, an anderen schwächer. Dies hängt wesentlich davon ob, in wiefern Kunstvereine ihre Autonomie in Anspruch nehmen, das heißt die realen wie gefühlten Abhängigkeiten zu relativieren wissen. Statt sich etwa einem immer irrationaler werdenden Quotendruck auszusetzen, ist es weitaus konstruktiver, sich für nachhaltige Vermittlungsformen und die Partizipation heterogener Öffentlichkeiten einzusetzen. Die nicht-kommerzielle Struktur erlaubt es, sich kritisch und souverän gegenüber "Trends" zu positionieren, statt an der marktkonformen Ideologie des Trend-Setzens festzuhalten.

Die Stärke eines Kunstvereins ergibt sich langfristig aus seinen lokalen wie internationalen Netzwerken, aus seiner Nähe zu KünstlerInnen und Öffentlichkeiten und aus dem Vermögen, seine eigenen Grenzen und Strukturen immer wieder neu zu befragen. Wenn es gelingt, die gesellschaftliche Relevanz offener, querdenkender und nicht-kommerzieller Handlungsräume der Kunst auch in Zukunft kulturpolitisch zu verankern, behält der Kunstverein seinen besonderen Stellenwert: als Ort, der an den Schnittstellen von Präsentation, Produktion, Forschung und Vermittlung agiert, der divergierende, anstelle von eindeutigen Lesweisen auf Kunst zulässt, der ästhetische Erfahrung nicht an Überwältigung, sondern an kritische Distanz koppelt, der nicht unterhält, sondern kommuniziert.

Auf dem Weg in die nächsten zehn Jahre gilt es vor allem, sich der Komplexität der Kunst sowie der gesellschaftlichen Realitäten hinzuwenden. Kunstvereine werden sich dabei weiterhin kritischen Fragen und Problemen widmen, die an anderen Stellen vernachlässigt werden: Ob es um Ansätze des Ausstellens, gesellschaftliche Konfliktfelder, Formen der Partizipation oder ungewöhnliche künstlerische Praktiken geht.

10. Drei Gründe, bei Ihnen Mitglied zu werden?


1. Die Lust an der Auseinandersetzung mit der Komplexität von Kunst und ihren weitläufigen Kontexten. 2. Die vielschichtigen und vielfältigen Angebote an Kommunikation und Partizipation. 3. Die Nähe zur Kunst, zu Künstlern und zur Institution.

Zahlen, bitte: Gründungsjahr: 1827. Mitgliederzahl: 3 000. Altersdurchschnitt: 50 Jahre. Jahresbeitrag: 50 Euro (25 Euro ermäßigt). Ausstellungsfläche: 3 000 Quadratmeter. Jahresbudget: ca. 850 000 Euro (exklusive Drittmittel und Einnahmen aus Eintritten und Katalogverkäufen).

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