Unser e.V. - Herforder Kunstverein

Unser e.V. – Herforder Kunstverein

In Deutschland existiert eine weltweit einmalige Landschaft von über 250 Kunstvereinen, die sich der Vermittlung zeitgenössischer Kunst verschrieben haben. Wir stellen Ihnen jede Woche einen neuen Kunstverein vor. Diesmal: zehn Fragen an Theodor Helmert-Corvey, den Ausstellungskurator des Herforder Kunstvereins.
Deutschlands Kunstvereine:Zehn Fragen an den Herforder Kunstverein

Beim Aufbau der Andy-Warhol-Ausstellung "American Pop Posters"

Herr Helmert-Corvey, über welche Ausstellung wurde am meisten gestritten? Und warum?

Corvey: Die Ausstellung "Kallfordernd – Brand- und Rußbilder" von Wolfram Odin im Jahr 1986 sorgte für einen kleinen Skandal in Herford. In sehr abgedunkelten Räumen des Daniel-Pöppelmann-Hauses bewegte sich der Künstler unbekleidet mit den Rufen "Kall, Kall" durch die Menge der Eröffnungsgäste. Die Ausstellung fiel in die Zeit des Kunstvereinsvorsitzenden Carl Hermann Sandmeier. Er, der mit seinen Einstellungen zur Kunst damals ein sehr moderner Kunstvereinsvorsitzender war, wäre heute in Herford, was seine Vorstellungen von Kunst, Kunst zu machen und Kunst zu fördern betrifft, immer noch sehr frisch und jung. Unvergessen bleibt auch, wie er – ein Suppenfabrikant – im Museum in einem großen Kochtopf eine Hühnersuppe seiner Hausmarke für alle kochte.

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Und welches war Ihre bestbesuchte Ausstellung?

Im Zentrum unserer Ausstellungspolitik steht – geprägt durch die langjährige stellvertretende Vorsitzende Johanna Ahlers – nicht etwa die zeitgenössische Kunst, sondern vorwiegend die klassische Moderne, insbesondere der deutsche Expressionismus. Unsere letzte Ausstellung "Sammlers Lust" mit Künstlern der Gruppen "Brücke", "Blauer Reiter" und "Bauhaus" war mit etwa 10 000 Besuchern die mit Abstand bestbesuchte Ausstellung in 50 Jahren, gefolgt von Chagall, Nolde, Zille usw.

Wenn Sie eine eigene Sammlung haben: Wo liegt der Schwerpunkt?

Den Anfang machte bereits im Jahr 1955 der farbige Holzschnitt "Kinderbegräbnis in Südrussland" von Peter August Böckstiegel, den der Herforder Kunstverein von Hanna Böckstiegel, der Witwe des Künstlers, übereignet bekam. Den vorläufigen Schlusspunkt setzte Josefa Baron Steinhardt, die bei der Eröffnung einer Ausstellung mit Werken ihres Vaters Jakob Steinhardt im September 2003 zwei Grafikblätter als Gastgeschenk überreichte. Die Kunstsammlung des Herforder Kunstvereins im Daniel-Pöppelmann-Haus e. V. ist durchaus ausgewogen und vielschichtig, wenn sie auch nicht mit musealen Beständen namhafter Häuser oder Privatsammler verglichen werden kann. Aber allein der Bestand an 233 signierten Plakaten von Horst Janssen spricht für sich.

Welche Künstler würden Sie gerne einmal ausstellen?

Wir planen eine Ausstellung mit Zeichnungen von Gerhard Altenbourg und Horst Janssen.

Wohin führte Sie die letzte gemeinsame Reise?

Barcelona und Girona, Figueres und Cadaques mit den Schwerpunkten Gaudí und Dalí.

Was war die bislang höchste Spende?

400 000 Mark zum Bau eines Kunsthauses 1967, 20 000 Euro von einer Herforder Stiftung für unsere letzte Ausstellung und eine kontinuierliche Förderung durch die Stiftung der Sparkasse Herford sowie die Unterstützung einer Herforder Out-of-Home-Medien-Gruppe im Gegenwert einer sechsstelligen Euro-Summe in den letzten 12 Monaten.

Was würden Sie Ihrem Verein generell wünschen?

Eine gesicherte Zukunft in einem sanierten Daniel-Pöppelmann-Haus, die Bereitschaft von deutschen und europäischen Museen, uns mit Leihgaben für unsere Ausstellungen weiterhin zu unterstützen, eine Verbreiterung des schon großen ehrenamtlichen Engagements unserer Mitglieder bei Ausstellungen, Exkursionen und Vorträgen, eine Verstärkung unserer anerkannten kunstpädagogischen Arbeit.

Wenn Sie kein Kunstverein wären, was für ein Verein wären Sie dann?

Gäbe es den Herforder Kunstverein nicht mehr, würden sich unsere Mitglieder in einem kulturell orientierten Verein oder in einer Herforder Kulturbürgerstiftung engagieren.

Wo sehen Sie den Verein in den nächsten zehn Jahren?

Heute und auch in zehn Jahren lebt der Kunstverein von ehrenamtlichem und bürgerschaftlichem Engagement, das den Verein letztlich über alle Krisen hinweg getragen hat. Die Mitgliederzahl hat sich – wohl eher behutsam – erweitert, wir haben jüngere aktive Mitglieder gewonnen, unsere Arbeit wird von Bürgerschaft und Rat anerkannt und unterstützt

Drei Gründe, bei Ihnen Mitglied zu werden?

1) Interessante Austellungen, anregende Vortragsabende und Fahrten, an die man sich ein Leben lang erinnert, 2) Gemeinschaft erleben in einer individualisierten Welt etwa bei der Einrichtung und Aufbau einer Ausstellung, 3) Förderung der Kultur in Stadt und Region.

Zahlen, bitte: Gründungsjahr: 1955. Leitung: Dr. Lore Blanke (Vorsitzende), Prof. Dr. Theodor Helmert-Corvey (stellvertr. Vorsitzender und Ausstellungskurator). Mitgliederzahl: rund 500. Altersdurchschnitt: zirka 55 Jahre. Jahresbeitrag: 60 Euro Einzelperson, 80 Euro Partnerkarte, einzelne Fördermitglieder. Ausstellungsfläche: 350 Quadratmeter. Jahresbudget: ca. 25 000 Euro Mitgliedbeiträge (zzgl. Verkaufserlöse, Eintrittsgelder und Sponsorenbeiträge). Nächste Ausstellung: ab April 2009: Keith Haring: "Short Messages. Posters."

Jochen Stücke: "Das Pariser Album". Zeichnungen und Druckgraphik

Termin: 24. Januar bis 29. März 2009, Deichtorwall 2, 32052 Herford. Katalog erscheint im Kerber-Verlag.
http://www.herforder-kunstverein.de/