Unser e.V. - ACC Galerie Weimar

UNSER E.V. – ACC Galerie Weimar

In unserer Serie "Unser e.V." stellen wir Ihnen jede Woche einen neuen Kunstverein vor. Diesmal: zehn Fragen an Frank Motz, Leiter der ACC Galerie Weimar.
Deutschlands Kunstvereine:Zehn Fragen an die ACC Galerie Weimar

Gordon Hookey: "Boxing Gloves", 2008 und Richard Bell: "Bell's Theorem", 2002, in der Ausstellung "Terra Nullius – Zeitgenössische Kunst aus Australien", 2009

Herr Motz, über welche Ausstellung wurde am meisten gestritten? Und warum?

Für den Sommer 1996 hatten wir eine erste große Überblicksschau des französischen Künstlerpaars Pierre et Gilles zusammengestellt. Auf dem Ausstellungsplakat, mit dem wir in Stadt und Land für die Retrospektive warben, war "Le Petit Jardinier" zu sehen, ein kleiner nackter Gärtner mit Strohhut und Halstüchlein, der mit seinem besten Stück genüsslich ein Blumenfeld gießt, was das gesamte Weimarer Stadtparlament und die mit der Plakatierung beauftragte Deutsche Städtereklame in Aufruhr versetzte, die sich mit der Frage befassten, ob ein solches Bild öffentlich gezeigt werden dürfe.

Bevölkerungsbefragungen und öffentliche Meinungsbekundungen aus allen Richtungen waren die Folge. Als schließlich die Stadt Weimar für die Plakatierung votierte, war bereits ein Großteil der Plakate in dem von uns beauftragten Werbeinstitut verschwunden. Besonders gefragt war das Plakat noch einmal ein Jahr darauf, als sich Münchens Oberbürgermeister Christian Ude über genau jenes Motiv für die Einladungskarte einer Ausstellung mit Pierre et Gilles im Münchner Stadtmuseum so sehr aufregte, dass die Karte wieder eingestampft und das Motiv zur Werbung verboten wurde – es sei "nichts für den Frühstückstisch", was viele Münchner anders sahen, die es dann als Plakat über unseren Kunstverein erwarben.

Und welches war Ihre bestbesuchte Ausstellung?

23 Meisterwerke des Bauhauslehrers Paul Klee kehrten 1992 nach 60 Jahren an ihren Herkunftsort zurück. 4500 begeisterte Gäste kamen in die Ausstellung "Paul Klee – Weimarer Jahre 1921-25".

Wenn Sie eine eigene Sammlung haben: Wo liegt der Schwerpunkt?

Seit 1994 veranstaltet die ACC Galerie Weimar mit der Stadt Weimar als Partnerin ein Internationales Atelierprogramm, in dessen Rahmen jährlich drei Künstler im Städtischen Atelierhaus leben und arbeiten. Es ist den aus jährlich zirka 200 Bewerbungen ausgewählten Künstlern freigestellt, ob sie dem Kunstverein eine im Rahmen des thematisch wechselnden Programms entstandene Arbeit überlassen – so entstand über die Jahre eine kleine Kunstsammlung.

Welche Künstler würden Sie gerne einmal ausstellen?

Da gibt es viele, aber sicher zählen immer wieder The Yes Men zu ihnen. Corinna Schnitt und Christian Jankowski sind Wunschkandidaten, auch Noboru Tsubaki, ein Künstler und Sozialunternehmer aus Japan. Und als wir Ende 2008 Weimar als Kulturstadt Europas während einer Tagung des Goethe-Instituts in Ghana vorstellen durften, auf den Gepäcklabels unserer Reisetaschen "ACC" (für Accra, die Hauptstadt Ghanas) erblickten, später von der noch unvernetzten, aber vitalen Kunstszene vor Ort erfuhren und die Bewegung „Accra Can“ mitinitiierten, entstand die Idee einer Ausstellung mit Gegenwartskünstlern aus Accra für 2010.

Wohin führte Sie die letzte gemeinsame Reise?

Als zum Beispiel über die Idee der "Grand Tour 2007", einer gemeinsamen Initiative der 52. Biennale Venedig, der Art 38 Basel, der Documenta 12 und der Skulptur-Projekte Münster 07, die Besucher der verschiedenen Kunstveranstaltungen im Sommer 2007 gemeinsam eingeladen wurden, über eine Webseite eine größtmögliche Unterstützung bei ihrer Reiseplanung zu erhalten, waren auch wir nicht zu zügeln. Noch wichtiger war uns jedoch unsere vorletzte Reise: ein Kurztrip nach Köln anlässlich der Verleihung des Preises für Kunstvereine, den uns die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV) in Kooperation mit der Art Cologne auf jener Kunstmesse im November 2006 überreichte.

Was war die bislang höchste Spende?

35 000 D-Mark, im Jahre 2001 von einem Architekten aus Westdeutschland.

Was würden Sie Ihrem Verein generell wünschen?

Allzeit ein neugieriges Publikum, mit zahlreichen Förderern. Ein Publikum, das sich mit der zivilisatorischen und ästhetischen Kraft des Ausgestellten arrangiert, das wiederum zur aktiven Veränderung sozialer Räume und politischer Umfelder beitragen kann. Die nachhaltige Entwicklung unseres Zentrums zum Ermöglicher und Gemeinschaftsbildner, aber auch die Einbeziehung interdisziplinärer Aspekte, künstlerischer Produktion und neuer Vermittlungsformen in den sich verändernden Kunstraum möge der ACC Galerie Weimar ebenso inhärent bleiben wie ein kritischer Zugang zu den von ihr durchdeklinierten Ausstellungsthemen und die Anwendung des Prinzips "Versuch und Irrtum". Und es stünde noch ein talentierter Allround-Techniker, der immer für den Verein da ist, sowie ein neues Beleuchtungssystem für unsere "Kleine Galerie" auf dem Wunschzettel.

Wenn Sie kein Kunstverein wären, was für ein Verein wären Sie dann?

Ein Verein zur Förderung des musikalisch-kulturellen Erbes der Alternative-Rock-Band Hans Blix and the Weapons Inspectors, nur dass es weder die Band gibt noch dass diese Option ins Zeitfenster unserer Gründungsphase gepasst hätte.

Wo sehen Sie den Verein in den nächsten zehn Jahren?

Wie heute vor Ort, im Windschatten Goethes, als ungewollt komplementäres touristisch relevantes Angebot in der "Neuen Mitte 1b" am Rande des "Kosmos Weimar" – dem Stadtschloss –, flankiert von Dalí-Museum, Erinnerungswut, Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Residenz-Café und neuem Bauhaus-Museum, alles in allem Thüringer Residenzkultur als bundesweitem Alleinstellungsmerkmal. Die ACC Galerie Weimar bleibt ein Hort der Gegenwartskunst mit internationalem Ausstellungs-, Atelier- und Veranstaltungsprogramm, Café-Restaurant und Herberge, und ob ihr in ferner Zukunft statt des berühmten "Mehr Licht!" ein „Mehr Kunst!“ über die bebenden, todgeweihten Lippen fährt, bleibt abzuwarten.

Drei Gründe, bei Ihnen Mitglied zu werden?

Um Kunst und Künstlern einen unabhängigen Ort zu geben, um das Überleben einer Einrichtung zu fördern, die sich der marktwirtschaftlichen Logik des Kunstmarkts entzieht und weil Weimar eine äußerst widersprüchliche, liebenswürdige und von Gegenwartskunst nur bedingt gesegnete Stadt ist.

Gründungsjahr: 1990. Mitgliederzahl: 73 (inkl. Fördermitglieder). Altersdurchschnitt: 48 Jahre. Jahresbeitrag: 186,62 Euro. Ausstellungsfläche: 300 qm. 200 000 bis 250 000Euro. Leitung: Frank Motz (Galerie), Alexandra Janizewski (Veranstaltungen).

"Kunstfehler – Fehlerkunst"

Eine Koproduktion mit der HALLE 14 Leipzig, co-kuratiert von Silke Bitzer (Freiburg i.Br.)
Termin: 13. Juni (Eröffnung Samstag, 20 Uhr) bis 9. August, Burgplatz 1+2, Weimar
http://www.acc-weimar.de/

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