Unser e.V. - Kunstverein Kassel

Unser e.V. – Kunstverein Kassel

In Deutschland existiert eine weltweit einmalige Landschaft von über 250 Kunstvereinen, die sich der Vermittlung zeitgenössischer Kunst verschrieben haben. Wir stellen Ihnen jede Woche einen neuen Kunstverein vor. Diesmal: zehn Fragen an Bernhard Balkenhol, den Leiter des Kasseler Kunstvereins.
Deutschlands Kunstvereine:Zehn Fragen an den Kasseler Kunstverein

Adib Frickes Werk mit dem Titel "You can dump me" in der Ausstellung "Poetische Positionen" im Kunstverein 2004

Herr Balkenhol, über welche Ausstellung wurde am meisten gestritten? Und warum?

Bernhard Balkenhol: Das Selbstverständnis des Kasseler Kunstvereins ist, dass er nicht "schöne Bilder" zeigt, sondern umstrittene, künstlerische Positionen vorstellt – mit allen Risiken, die das beinhaltet. Die Abfolge der Ausstellungen richtet sich deshalb auch nicht nach dem "Geschmack" des Vorstandes, sondern nach den offenen Fragen, die durch die vorgetragenen künstlerischen Positionen jeweils angestoßen werden. Die Gegensätzlichkeit der aufeinander folgenden Künstler und das Unverständnis sind da eher Maßstab als eine einheitliche Richtung.

10908
Strecken Teaser

So sind viele, manchmal auch leise Ausstellungen, wie die von Silvia Bächli im Jahr 2000 anstößig gewesen, und manchmal eben auch von den Bildmotiven her – wie bei Marlene Dumas oder Anton Henning, 1998, oder die erste Retrospektive der Zeichnungen von Tony Oursler, 1996/97 und die Komplexität der Installation bei Ilja Kabakov, 1990, Claude Lévêque, 1997, Daniel Spoerri, 1998, Simone Westerwinter, 1999, Franz Ackermann, 2000, Aernout Mik, 2000, Penny Yassour, 2001 und Rosa Barba, 2005 oder durch das auf die Spitze getriebene Thema bei Save/Give, 1995, Surfing Systems, 1996, Solo Mortale, 2003/4, Poetische Positionen, 2004/2006 und viele weitere.

Welche war Ihre bestbesuchte Ausstellung?

Welche der unzähligen Ausstellungen in der sehr wechselvollen Geschichte des Vereins die am besten besuchte Ausstellung war, lässt sich nicht sagen. Die Herbst- und später Frühjahrsausstellungen des ausgehenden 19. und des frühen 20. Jahrhunderts waren bereits Mammutschauen. Die "Deutsche Kunstausstellung zur Tausendjahrfeier Kassels" beispielsweise nennt 305 lebende Künstler mit über 850 Werken, davon wurden 300 verkauft, darunter Namen wie Beckmann, Corinth, Kollwitz, Liebermann, Slevogt, und viele mehr – ein Unternehmen also bereits im Documenta-Format. In jüngster Zeit verschafft die jährliche Museumsnacht außerordentlich hohe Besucherzahlen – zwischen 3000 und 6000 – die im täglichen Ausstellungsbetrieb natürlich nicht gehalten werden können. Aber der Vorteil der Arbeit des Kassler Kunstvereins ist, dass er nicht von Besucherzahlen abhängig ist, weil er nicht dem kommerziellen oder medialen Erfolg, sondern den Interessen der Mitglieder verpflichtet ist.

Wenn Sie eine eigene Sammlung haben: Wo liegt der Schwerpunkt?

Der Kasseler Kunstverein, 1835 gegründet, ist einer der ältesten in Deutschland. Er war damals und ist bis heute im wörtlichen Sinn eine Bürgerinitiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, junger internationaler bis regionaler Kunst, die sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit stellt und am aktuellen Kunstbegriff arbeitet, Raum zu geben, ein Forum der Diskussion um die Formen und Funktionen von Gegenwartskunst zu sein und schließlich Zugänge zu schaffen zum Verständnis und Gebrauch von Kunst. Das Programm bestimmt und realisiert ein ehrenamtlich arbeitender achtköpfiger Vorstand, der alle zwei Jahre von den Mitgliedern neu gewählt wird. Die Kunstvereine sind auch gegründet worden, um dem Bürgertum Besitz von hochwertiger aktueller und internationaler Kunst zu ermöglichen. Das heißt auch der Kasseler Kunstverein finanzierte sich einmal über Aktien, mit denen man Kunstwerke ankaufen und dann wieder verkaufen konnte. 1910 bereits hat der Kasseler Kunstverein seinen Bestand an die Stadt verkauft, um so die Gründung der Städtischen Galerie zu ermöglichen und sich damit vom "Kunstmarkt" verabschiedet. Seitdem fließt alles Geld in die Ausstellungen und den Betrieb des Vereins. Das wird zunehmend zum Problem, weil der Verein so ohne Kapital immer wieder seine Arbeit finanzieren muss, und als gemeinnütziger Verein nicht einmal Gewinne anhäufen kann, um größere Vorhaben realisieren zu können.

Welche Künstler würden Sie gerne einmal ausstellen?

Fast der gesamte Vorstand ist ständig unterwegs, sich über aktuelle Kunst zu informieren. Dabei fallen so viele gute Namen an, dass es immer schwierig ist auszuwählen. Zusätzlich bekommen wir regelmäßig Künstler "geschenkt", beispielsweise die Preisträger des Arnold-Bode-Preises, der aus der Initiative des Kunstvereins hervorgegangen ist, mit denen wir, wenn möglich, eine Einzelausstellung realisieren – wie zuletzt Hans Schabus, 2006 – oder die Künstlerinnen und Künstler, die für die Medienkunstausstellung "Monitoring" ausgewählt wurden, eine Kooperation mit dem jährlichen Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest.

Wohin führte Sie die letzte gemeinsame Reise?

Die "ArtTours" sind immer ein Sonderangebot im Vereinsleben und hängen stark vom Engagement der Mitglieder ab. Die nächste Reise geht nach Hamburg zur Ausstellung von Stephan Balkenhol in den Deichtorhallen.

Was war die bislang höchste Spende?

Wir versuchen, unsere Ausstellungen gezielt über Sachsponsoring zu finanzieren. Herausragendes Beispiel aus jüngster Zeit ist die äußerst aufwändige Ausstellung "Echolalia" der israelischen Künstlerin Penny Yassour, für die unter anderem die Firma Hübner in Kassel ihre gesamten Ressourcen zur Verfügung gestellt hat, von der Entwicklungsabteilung bis zur Produktion. Ohne solche Unterstützung könnten wir tatsächlich nur noch Bilder aufhängen.

Was würden Sie Ihrem Verein generell wünschen?

"Die Abschaffung der Kunst wird aus gesellschaftlichen Gründen auf unbestimmte Zeit verschoben" hieß der Ausstellungstitel der Klasse von Urs Lüthi der Kunsthochschule Kassel (1998). Dass dieser Satz stimmt – angesichts des zunehmend verschwindenden kulturell interessierten und engagierten Bürgertums –, hofft auch der Kasseler Kunstverein. Neue gesellschaftliche Schichten und junge Menschen, die Kunstvereine und damit die Diskussion um die Kunst nicht nur als kostenloses Event verstehen, sondern sich – inhaltlich wie ökonomisch – verantwortlich fühlen für das, was in ihrer Stadt "Kultur" heißt, sind die Zukunft.

Wenn Sie kein Kunstverein wären, was für ein Verein wären Sie dann?

Sollten die Wünsche in Erfüllung gehen, braucht man vielleicht gar keine Vereine mehr und man findet eine neue Form, sich diesen anstrengenden und aufregenden Luxus für alle zu leisten.

Wo sehen Sie den Verein in den nächsten zehn Jahren?

Was die nahe und ferne Zukunft des Kasseler Kunstvereins sein wird, bestimmen die Mitglieder. Richtungskämpfe im Inneren sind hier oft sehr direkt und hart, konnten aber immer mehrheitlich und ohne Mitgliederverluste konstruktiv gelöst werden. Außerhalb war das anders. Bereits vier Jahre nach seiner Gründung, 1839, bildete sich aus "Patrioten" und "vaterländischen Künstlern" der erste Gegenverein, vor zehn Jahren etwa hat sich der letzte selbst aufgelöst.

Drei Gründe, bei Ihnen Mitglied zu werden?

Der wohl wichtigste Grund, Mitglied zu sein, sollte das Interesse an Gegenwartskunst sein und sie in solchen Diskussionszusammenhängen zu fördern. Die Ausstellungen und Veranstaltungen des Vereins bieten die Möglichkeit, Kunst und künstlerischen Positionen zu begegnen, sich darüber auszutauschen und nicht zuletzt mit den Künstlern selbst ins Gespräch zu kommen. Auch finanziell rechnet sich eine Mitgliedschaft, denn neben ermäßigten Preisen für Kataloge, Editionen und ähnlichem ermöglicht sie freien Eintritt nicht nur im eigenen Verein sondern in allen Kunstvereinen Deutschlands, die dem AdKV (Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Kunstvereine) angeschlossen sind.

Zahlen, bitte: Gründungsjahr: 1835. Leitung:Bernhard Balkenhol. Mitgliederzahl: 500. Altersdurchschnitt: wird statistisch nicht erfasst. Jahresbeitrag: 50 Euro, 20 Euro (ermäßigt), 70 Euro (Paare). Ausstellungsfläche: 500 Quadratmeter. Jahresbudget: durchschnittlich 150 000 Euro. Nächste Ausstellung: "Monitoring".

"Monitoring"

Termin: ab 12. November bis 16. November, Kunstverein Kassel, Friedrichsplatz 18, Kassel. "Monitoring" ist eine Ausstellung von Medieninstallationen im Rahmen des 25. Kasseler Dokumentarfilm- und Videofestes.

http://www.kasselerkunstverein.de