Unser e.V. - Nassauischer Kunstverein

Unser e.V. – Nassauischer Kunstverein

In Deutschland existiert eine weltweit einmalige Landschaft von über 250 Kunstvereinen, die sich der Vermittlung zeitgenössischer Kunst verschrieben haben. Wir stellen Ihnen jede Woche einen neuen Kunstverein vor. Diesmal: zehn Fragen an Elke Gruhn, Leiterin des Nassauischen Kunstvereins aus Wiesbaden.
Deutschlands Kunstvereine:Zehn Fragen an den Nassauischen Kunstverein

In der Ausstellung "Russisches Roulette", die am 25. Oktober in Nassauischen Kunstverein eröffnet, zeigt Kuratorin Nadja Simakina unter anderem das Video "Le Roi des Aulnes" (2001) der russischen Künstlergruppe AES +F

Frau Gruhn, über welche Ausstellung wurde am meisten gestritten? Und warum?

Elke Gruhn: Der Verein ist 161 Jahre alt. In der jüngeren Zeit wurde inhaltlich darüber diskutiert, ob eine Ausstellung, die wir so noch nicht kennen, unsere Erwartungen erfüllt, da unsere Ausstellungen stets Eigenproduktionen und keine Übernahmen sind, beziehungsweise mit welchen Überraschungen – inhaltlich und finanziell – wir zu rechnen haben.

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Und welches war Ihre bestbesuchte Ausstellung?

In den letzten zehn Jahren waren das sicherlich die mit der meisten überregionalen Medienaufmerksamkeit, zum Beispiel "40 Jahre Fluxus – Fluxus und die Folgen" (2002) mit Michael Craig-Martin, Ceal Floyer, Mona Hatoum, Jytte Hoy, Christiane Löhr, Cildo Meireles, Olaf Metzel, Karin Sander, Endre Tot, Haegue Yang und Maria Eichhorn. Hier war der Etat so, dass auch entsprechend geworben werden konnte. Insgesamt sind es die Gruppenausstellungen, vorzugsweise ein Mix aus regionalen, nationalen und internationalen Positionen, die das meiste Publikum anlocken, zum Beispiel "slow motion- Perspektiven des Langsamen", "fast forward", oder "The Pearl River Delta". Aber auch starke Einzelpositionen wie Jun Nguyen Hatsushiba, Katharina Hinsberg, Nasan Tur, Yoshaiki Kaihatsu, Ho-Yeol Ryu oder jüngst Sven Johne, Adrian Williams und aktuell Att Poomtangon und Jorinde Voigt erfreuen sich einer großen überregionalen Aufmerksamkeit.

Wenn Sie eine eigene Sammlung haben: Wo liegt der Schwerpunkt?

Wir haben keine eigene Sammlung, allerdings verkäufliche Editionen (ehemalige Jahresgaben), mehr dazu auf der NKV-Website. Die meisten bewegen sich in der Größenordnung von zirka 300 Euro. Zurzeit verkaufen wir eine Lithografie von Jorinde Voigt für 290 Euro und eine Edition von Emily Wardill ("Follow Fluxus") für 850 Euro. Eine Jahresgabe (Lithografie-Mappe) von Alexej von Jawlenski, die bei uns vergriffen ist, taucht immer wieder im Kunsthandel im fünfstelligen Euro-Bereich auf.

Welche Künstler würden Sie gerne einmal ausstellen?

Mike Nelson, Tessa Farmer, Matt Goldin, Anna Witt, Blue Curry, Danh Vo, James Backett – sie alle überzeugen durch innovative installative Arbeiten. Aber natürlich auch die meisten von denen, die wir bereits gezeigt beziehungsweise für das nächste Programm ausgewählt haben.

Wohin führte Sie die letzte gemeinsame Reise?

Nach St. Petersburg, geleitet von unserer russischen Kulturmanagerin der Robert-Bosch-Stiftung, die ein Jahr unsere Institution tatkräftig unterstützt.

Was war die bislang höchste Spende?

Neben dem bisher regelmäßig wiederkehrenden städtischen finanziellen Zuschuss, die Überlassung der Immobilie für 66 Jahre im Erbaurecht durch die Stadt und der Finanzierung einer Stelle durch die Robert-Bosch-Stiftung, zeigen sich die Volksbank (jährlich 5000 Euro) und das Graupner-Archiv (7000 Euro) sehr großzügig. Aber auch eine Sachspende, wie die von der Sektkellerei Henkell & Söhnlein, die uns mit einer Sektspende für alle unsere Vernissagen und Feiern flüssig versorgt, sowie natürlich die Editionen, die uns die Künstler zum Verkauf zur Verfügung stellen.

Was würden Sie Ihrem Verein generell wünschen?

Mehr Menschen, die ihn aktiv tragen, und gleichzeitig größere finanzielle Sicherheit, um sinnvoll planen und arbeiten zu können. Zurzeit ist dies alles nur ehrenamtlich möglich, da ansonsten kein Etat mehr für die Ausstellungen und Publikationen bliebe.

Wenn Sie kein Kunstverein wären, was für ein Verein wären Sie dann?

Ein Förderverein einer Ausstellungshalle für zeitgenössische Kunst/Künstler – oder eben gar nicht da.

Wo sehen Sie den Verein in den nächsten zehn Jahren?

Nach 160 Jahren hat der Verein endlich ein eigenes Haus – für 66 Jahre, also werden sie den Verein örtlich genau an derselben Stelle finden: in der Wilhelmstraße 15 in Wiesbaden. Gleichzeitig sehe ich uns in der öffentlichen Wahrnehmung stärker präsent, bekannt für unser international ausgeschriebenes "Follow Fluxus"-Stipendium, gute Ausstellungen und die engagierte Teamarbeit junger Kuratoren und Kunstinteressierten sowie finanziell besser ausgestattet, um die kontinuierliche Arbeit des Nassauischen Kunstvereins zu sichern, die die einzige Institution für zeitgenössische Kunst in der hessischen Landeshauptstadt ist.

Drei Gründe, bei Ihnen Mitglied zu werden?

1. Mitglieder sind an der Quelle zur zeitgenössischen Kunst (Diskussion, Infos und Ausstellungen). Das ist spannend und macht Spaß. 2. Mitglieder fördern mit ihrem Bekenntnis und Engagement aktiv das kulturelle Geschehen der Landeshauptstadt Wiesbaden (die über keine eigene städtische Ausstellungshalle verfügt), fördern zeitgenössische Kunst und setzten sich aktiv mit ihr auseinander. 3. Viele Vergünstigungen bei allen Angeboten des Vereins.

Zahlen, bitte: Gründungsjahr: 1847. Mitgliederzahl: 452. Altersdurchschnitt: Darüber führen wir keine Statistik. Jahresbeitrag: 20 Euro ermäßigt, 50 Euro für Einzelpersonen, 70 Euro für Familien, 105 Euro für Firmen, 250 Euro für Förderer, 1000 Euro für Partner und Sponsoren. Ausstellungsfläche: 14 Räume, zirka 350 Quadratmeter. Jahresbudget: verschieden. Der institutionelle Zuschuss der Stadt beläuft sich auf 96 000 Euro, davon geht ein Drittel zurück an die Stadt für die Immobilie (Pachtzins). Die Höhe der Sponsorengelder und anderer Förderungen variieren. Nächste Ausstellung: "Russisches Roulette", 26. Oktober bis 14. Dezember 2008, kuratiert von Nadja Simakina.

"Emily Wardill: Sea Oak / The Diamond"

Termin: bis 24. Mai 2009. Außerdem: "where the east ends", bis 19. Oktober. Diese Ausstellung untersucht, wie die Kunst und die kulturellen Aktivitäten junger Künstler aus Mittel- und Osteuropa die tiefgreifenden soziopolitischen Änderungen der letzten Dekade widerspiegeln.
http://www.kunstverein-wiesbaden.de/seiten/02_0001.html

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