Saisoneröffnung - Zürich

Eine Stadt meldet sich zurück

Zürich feiert am Galerienwochenende nicht nur den Start in die Kunstsaison, sondern auch die Eröffnung des während zwei Jahren erweiterten Kunstzentrums in der ehemaligen Löwenbräu-Brauerei.

Es ist Nacht über der Stadt, die Autos leuchten wie Sterne im Dunkeln, und die Menschen singen. Im Auto, im Studio, beim Wurstbraten im Diner, beim Kartenspielen und in der Tiefgarage.

Auf drei nebeneinander laufenden Projektionen präsentiert Dough Aitken die Indoor-Version seiner neuen Videoarbeit "Song 1", die er im Frühjahr auf der Fassade des Hirshhorn Museums in New York zeigte. Die Welt ist Bild und Klang, also pure Oberfläche und Vibration, immateriell, so greifbar sie uns auch erscheinen mag. Und der Ohrwurm "I only have Eyes for You" von Harry Warren und Al Dubin tröstet über die größte Einsamkeit hinweg. Kein Wunder, dass er seit 1934 über fünfhundertmal gecovert wurde. Mit diesem fulminanten Werk und ein paar skulpturalen Zutaten des Amerikaners startet Eva Presenhuber in die neue Saison. Die Zürcher Galeristin ist während des Umbaus des Löwenbräu-Areals, dem Motor der Gegenwartskunst in Zürich, in ein historisch renoviertes Fabrikgebäude umgezogen, das ein paar hundert Meter entfernt liegt. Dort hat sich auch Peter Kilchmann, der Förderer lateinamerikanischer Gegenwartskunst und eigenwilliger politischer Künstler wie Willie Doherty, eingerichtet, der zum Start unter anderem Werke von Erika Verzutti und Fabian Marti zeigt. Die beiden Galeristen zogen es vor, in den neuen Räumen mit Kunsthallen-Dimension zu bleiben. Der Ort liegt im Herzen der Boomtown von Zürich West. Gleich nebenan steht das derzeit höchste Gebäude der Schweiz, der Prime Tower der Architekten Gigon Guyer mit seiner grün changierenden Glasfassade. Hotels und Bürogebäude schließen sich an.

Nur wenige Schritte entfernt haben sich Beat Raeber und Matthias von Stenglin mit Künstlern wie Saâdane Afif, Karsten Födinger sowie Taiyo Onorato & Nico Krebs in einer alten Garage eingerichtet. Sie zählen zu einer jungen Generation von Galerien, die im Schatten der international etablierten Zürcher Händler entstanden sind und während der zweijährigen Umbaupause des Löwenbräu Kunstzentrums erhöhte Aufmerksamkeit gefunden haben. Der junge Galerist Jean-Claude Freymond-Gut hat sich nun direkt in dem Brauerei-Areal niedergelassen und zeigt zur Eröffnung Videoarbeiten des israelischen Künstlers Dani Gal. Gregor Staiger und Francesca Pia werden dort in ein paar Wochen nach letzten Umbaumaßnahmen ihr Ausstellungsprogramm eröffnen und die Plattform für eine jüngere Künstlergeneration erweitern. Unweit der ehemaligen Löwenbrauerei hat sich eine Reihe von weiterer junger Galerien niedergelassen.

Anna Bolte und Chaja Lang haben den Typus der Ladengalerie wiederbelebt und überraschten zum Saison-Auftakt mit einer Gesamtinstallation der Künstlerinnen Claudia Comte, Athene Galiciadis und Melodie Mousset: Matratzen mit bunten Bettdecken sind an die Wände montiert und beanspruchen Bildcharakter; Neonröhren am Boden wurden prompt zertreten, während draußen Würste auf dem Grill brutzelten. Gleich nebenan stellten Etienne Lullin und Corrado Ferrari Plastiken von Alexander Heim aus, die eine neue Sprödigkeit verkünden. "Wir können damit natürlich nicht mit den großen Galerien im Löwenbräu mithalten", sagte Etienne Lullin fast entschuldigend. Aber der frische Wind tut der Zürcher Szene gut. Sie ist vielfältiger geworden. Sie hat im Löwenbräu weiterhin ein kräftig pulsierendes Herz, aber sie breitet sich weiter über die Stadt aus. Galerien wie Bruno Bischofberger, Annemarie Verna und Mai 36, die seit vielen Jahren in Gehdistanz zum Kunsthaus internationale Topkünstler in die Stadt tragen, haben von Grider Contemporary und Römerapotheke Unterstützung bekommen. Und im ehemaligen Milieu des Kreis vier, nicht allzu weit vom Haus Konstruktiv entfernt, macht die Galerie Rotwand ein spannendes Programm.

"Art & the City" ist weit besser als der neckische Titel androht

"Der Kunsthandel erlebt gerade eine spannende Phase", sagt Mark Spiegler an diesem regnerischen Abend. "Die Bedeutung der einzelnen Kunstmessen wechselt. Man muss sehen, ob die Auktionshäuser ihre Rolle behalten, und viele Galerien orientieren sich neu. Wir erleben eine stark wachsende Nachfrage, mit der das Angebot an Kunst von höchster Qualität nicht unbedingt mithalten kann." Der Ko-Direktor der Art Basel zählt zur Prominenz der Kunstszene, die an diesem Abend zahlreich nach Zürich gepilgert ist. Er hat natürlich den asiatischen Markt im Blick. Nächsten Mai eröffnet die Messe ihre erste Art Basel Hong Kong. Demnächst gehen die Bewerbungsunterlagen für die Galeristen heraus. Aber die Bewegung des Marktes lässt sich nicht nur im globalen Maßstab beobachten. Wer bei diesem Saisonauftakt durch Zürich streift, spürt, dass es den Akteuren um mehr geht als darum, die lokalen Sammler mit einer guten Ausstellung darauf aufmerksam zu machen, dass nach der Sommerpause wieder gekauft werden kann. Die etablierten Händler stellen klar, dass sie ihre Interessen verteidigen, die jungen stecken ihre Claims ab. Und alle wollen sie zeigen, dass Zürich wieder da ist. Mit der Eröffnung des Löwenbräu-Areals mit Kunsthalle, Migros Museum und den etablierten Händlern Hauser & Wirth und Bob van Orsow erhält die Szene wieder ein Zentrum, das auch globale Aufmerksamkeit erweckt.

Zürich zeigt denn in diesen Eröffnungstagen auch, dass es mit aller Kraft wieder zurück will auf die Landkarte der Topdestinationen der Gegenwartskunst. Selbst die Stadt hat sich für diesen Sommer gerüstet und zusammen mit Galerien, Institutionen und einem eigenen Organisationsbüro ein weltweit wohl einmaliges Programm für die Präsentation von Kunst im öffentlichen Raum entwickelt. "Art & the City" ist weit besser als der neckische Titel androht. Dass Maurizio Cattelan auf dem Plakat zu einer fingierten Toilettenwerbung einer schönen Nackten eine Spielkarte zwischen die Pobacken steckt und den Zürchern sozusagen die Arschkarte zeigt, sollte man durchaus als sympathischen Wink an die Schweizer Metropole verstehen. 42 Künstlerinnen und Künstler wurden eingeladen, Skulpturen, Interventionen, Performances, Videoarbeiten in der Stadt zu präsentieren. Ai Weiwei hat zwei Marmorsessel auf den Bankenplatz gestellt, in denen Passanten und Manager an Sonnentagen eine Ruhepause einlegen können. Paul McCarthys über fünf Meter hohe Gartenzwerge stehen drohend über einer Schrebergartenanlage. Und Hamish Fulton hat mit Hunderten von Beteiligten einen Trampelpfad entlang des Limmatflusses angelegt.

Natürlich ist das auch City Marketing: Der Großteil der Arbeiten ist im Trendviertel Zürich West platziert, mit seinen Bars, Kinos, Büros und Kulturanbietern. Das Quartier, das sich in den letzten zehn Jahren stark verändert hat, sucht noch nach seiner visuellen Identität. Von den Bauten, die hier so schnell hochgezogen werden, dass man die Kräne kaum noch zuordnen kann, ist das so schnell nicht zu erwarten. Da ist die Kunst als Geburtshelferin für den optischen Auftritt erprobt.
Aber man sollte das nicht allzu kritisch sehen. Eine solche Chance zu einer international erstklassigen Freiluftausstellung mitten in einer Stadt gibt es nur selten. Künstler machen Orte sichtbar, und Orte profilieren die Kunst. Das gilt ebenso für die aus Backstein gemauerten Schraubenzieher von Los Carpinteros vor einem der Backsteinbauten der Maschinenfabrik Sulzer wie für die hoch oben auf einem zum Fußweg umfunktionierten Bahnviadukt positionierte Liegende des vor zwei Wochen verstorbenen 92-jährigen Plastikers Hans Josephsohn. Und die Veranstalter haben dafür gesorgt, dass man Entdeckungen machen kann: Wer weiß schon, dass Richard Tuttle seit ein paar Jahren große Skulpturen entwirft? In Zürich hat der 1941 geborene Artists’ Artist ein offenes fragiles Gebilde aus Ringformen vor ein paar Silos gestellt. Und wer von den Kunst-Jettern kennt den 55-jährigen Alex Hanimann, der in St. Gallen lebt und in Zürich an der Kunstakademie lehrt? Der Schweizer, der sich mit visuellen Ordnungssystemen auseinandersetzt, hat eine der eindrücklichsten Skulpturen geschaffen: Aus vielen Schülerinnen hat er einen Typ entwickelt und in glänzenden Chromstahl gießen lassen. Mit hochgebundenen Haaren und knallengen Jeans, lässig und selbstbewusst, steht die junge Frau auf einem kleinen Platz neben einer Hochstraße. Eine Feier der Jugend.

"Wolfgang Tillmans ist eine wirkliche moralische Instanz"

Wo so viel Aufbruch ist, lässt auch ein Schlachtschiff des internationalen Kunstmarkts wie Hauser & Wirth die Muskeln spielen. In Zürich hat man angefangen, der Schweizer Standort ist immer noch wichtig, auch wenn die Galerien in London und New York näher am Kunst Jet Set dran sind und vermutlich auch mehr Umsatz generieren. Man will zeigen, wer man ist. Mit dem Umbau des Löwenbräu wurde das Backoffice verkleinert und das Lager verlegt. Die hinzugewonnenen Räume, unter anderem ein beträchtliches Untergeschoss, werden als erweiterte Ausstellungsfläche genutzt. Damit lässt sich trefflich spielen: Paul McCarthy füllt das Erdgeschoss mit Rahmen an Rahmen gehängten Großaufnahmen von verdreckten, verlebten, verschmuddelten Alltagsgegenständen. Und eine Etage tiefer ist das zu sehen, was der Westküstenkünstler nicht müde wird, als die dunkle Seele Amerikas zu zelebrieren: Eine Kotwurst mit benutzter Damenbinde in einem verwitterten Karton, Nackte, Stripper mit schwankender sexueller Identität und Gesten, die nicht zum puritanischen Saubermannsimage des Landes passen.

Dass Gegenwartskunst sich auf Kunstgeschichte bezieht, ist Bob van Orsow entschlossen zu betonen. Er zeigt zur Eröffnung nicht nur die luftigen Formen von Hannah Greely, er hat durch den Umbau ein Kabinett hinzugewonnen und präsentiert vor Sichtbetonwänden alte Kunst aus verschiedenen Weltregionen. Hier kann man auf einer Couchgarnitur aus den fünfziger Jahren Platz nehmen und überlegen, ob die Gegenwart der Tradition standhält. Eine Herausforderung nicht nur für die Besucher.

Eine Trübung des fulminanten Saisonstarts gab es allerdings: Das Migros-Museum musste nach der Vorvernissage vor der Art Basel im Juni Bauschäden feststellen und umfangreiche Sanierungsarbeiten einleiten, die den eigentlichen Ausstellungsbeginn verzögern. Das erlaubte es der Kunsthalle, ungeteilte Aufmerksamkeit für zwei Großauftritte zu finden: Helen Marten erhielt in den bisherigen Ausstellungsräumen ihre erste institutionelle Einzelpräsentation. Von Minimal Art gleichermaßen beeinflusst wie von der Formenwelt des Pop, zeigt die 1985 geborene Londonerin eine große Brandbreite von Gemälden bis zu Skulpturen und Möbeln. Mischformen gehören wohl zum Lebensgefühl einer Generation, die ohne die Leitplanken der großen Erzählungen aufgewachsen ist. Da wächst ein skulpturales Gebilde aus einer Vase, dort passt sich eine Schnitzerei in eine Paravent-Form, und an sauber miteinander verbundenen Holzflächen verschiedenen Charakters hängt ein Plastiksäckchen mit alten Zahnbürsten, Zellophan und anderem Abfall.

Die Zufälligkeit des Alltags, der liebevolle Blick aufs noch so unscheinbare Detail sind natürlich die Domäne von Wolfgang Tillmans. Der 44-jährige Fotograf wird mit seiner Ausstellung "Neue Welt" regelrecht gefeiert. In zwei Sälen der Kunsthalle und einer der Hallen der Luma-Kulturstiftung reihen sich in überraschend klassischer Hängung Aufnahmen im Großformat, die der Künstler in den letzten drei Jahren gemacht hat. Nach seinen Experimenten mit Papier und Farbe in der Dunkelkammer, nach diesen abstrakten Askesen, zog es ihn erneut hinaus in die Welt. Er bereiste eine stattliche Zahl von Ländern und fotografierte erstmals mit einer digitalen Kamera, die Beweglichkeit bot und doch gestochen scharfe Vergrößerungen erlaubt. Straßenszenen in Afrika, Hotellobbys des Jet Set, der Staub und das Glitzern von Autos, der Kilimandscharo unterm Sternenhimmel, die unabsehbare Fülle der Erscheinungen, die Menschen und Dinge dem aufmerksamen Auge bieten, finden hier in der größten Beiläufigkeit zusammen. "Wolfgang Tillmans ist für mich eine wirkliche moralische Instanz in unserer Zeit", sagte Sam Keller. "Seine Bilder haben eine tiefe Humanität, ohne technikfeindlich zu sein. Eine Sorgfalt gegenüber Menschen und Dingen." Der Direktor der Fondation Beyeler gönnte sich einen Besuch der Ausstellung noch kurz bevor er zur Biennale nach Sao Paulo flog.

Da liegt bereits Nacht über Zürich. Wolfgang Tillmans’ Fotografien spiegeln sich in den raumhohen Verglasungen, und die Menschen, die sich davor bewegen, scheinen wie bunte Schattenbilder nach draußen zu laufen, dorthin, wo Bäume sich im Regenwind biegen und die Eröffnungsgäste mit Wurst und Bier dem misslichen Wetter trotzen.

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