Artissima 2009 - Turin

Small is beautiful

Klein, aber fein: Die Turiner Kunstmesse Artissima gewinnt an Profil. 127 Galerien, überraschend viele davon aus Berlin, präsentierten vergangenes Wochenende eine bunte Mischung zeitgenössischer Kunst in der norditalienischen Stadt am Po.
Small is beautiful:Turiner Kunstmesse Artissima

Feuer und Flamme für die Kunst: Am Artissima-Stand der Fondazione Pistoletto wird gerade die Arbeit "Flame Test" von Will Kwan installiert

Es gibt gute Gründe, Anfang November nach Turin zu reisen: Mit etwas Glück kann man seinen Cappuccino dort noch im Freien auf sonnenbeschienenen Caféterrassen trinken, auf den Speisekarten sind frisch geerntete weiße Trüffel im Angebot und im Messezentrum Lingotto, direkt neben der alten Fiat-Fertigungshallen, wird erstklassige Gegenwartskunst präsentiert.

Die Kunstmesse Artissima, die vergangenes Wochenende zu Ende ging, gibt es bereits seit 16 Jahren. Vor drei Jahren hat Andrea Bellini, vormals Chefredakteur des Kunstmagazins "Flash Art", die Leitung übernommen. Seitdem hat die Messe deutlich an Profil gewonnen. Noch immer kommen rund die Hälfte der Aussteller aus Italien. Doch eine rein italienische Angelegenheit ist die Veranstaltung längst nicht mehr. Dafür sorgt ein international besetztes Auswahlkomitee, dem neben Elizabeth Dee aus New York, Olivier Antoine (Art: Concept) aus Paris auch zwei Berliner Galeristen angehören: Isabella Bortolozzi und Ulrich Gebauer (carlier/gebauer). Darum war es wohl auch kein Zufall, dass deutsche, oder besser gesagt Berliner Galerien mit 20 Teilnehmern das zweitstärkste Kontingent stellten. Mit insgesamt 127 Galerien blieb die Messe überschaubar. Die meisten brachten eine bunte Mischung des jeweiligen Galerieprogramms mit – auch weil gerade die Messeneulinge, schwer einschätzen konnten, was beim italienischen Publikum wirklich ankommt. Die Gegend um Turin und Mailand gilt als Hochburg von Minimal und Arte Povera. Es gibt eine Reihe namhafter Sammler und erstklassige Museen für zeitgenössische Kunst. Andererseits ist man dort auch immer noch sehr der Klassik zugetan. Das größte und beliebteste Museum Turins ist das Museo Egizio mit seiner riesigen Sammlung ägyptischer Altertümer.

Alexander Schröder von der Galerie Neu hatte seine Koje gleich mit Dutzenden von Werken in Petersburger Hängung ausgestattet, darunter Arbeiten von Kai Althoff, Cosima von Bonin, Sergej Jensen, Kitty Kraus, Andreas Slominski und Francesco Vezzoli. Auch Martin Klosterfelde setzte auf Abwechselung. Neben Arbeiten von Hanne Darboven und Matt Mullican zeigte er auch ein Kabinett mit handlichen Bastelarbeiten von John Bock. Isabella Bertolozzi wiederum präsentierte neben Arbeiten des vietnamesischen Konzeptkünstlers Danh Vo erotische Zeichnungen von Carol Rama, der großen alten Dame der der Turiner Kunstszene. Auch bei den italienischen Galerien dominierte eher das breite, als das zugespitzte Angebot. Bei Tucci Russo dominierte eine große Skulptur aus aufgetürmten Glasgeschirr von Tony Cragg den Stand. Daneben zeigte der Turiner Galerist Arbeiten von Daniel Buren und Robin Rhode. Franco Noero, die andere treibende Kraft in der Turiner Galerieszene, zeigte eine ratternde Filmarbeit von Turner-Preisträger Simon Starling, die später für das städtische Museum für Gegenwartskunst angekauft wurde, und eine Assemblage mit Ziege und Autoreifen des Newcomers Mike Nelson – eine Anspielung auf Robert Rauschenbergs berühmte Combine-Skulptur. Derweil präsentierte er in seinem berühmten Galeriehaus "Polentascheibe", ein superschmales denktmalgeschütztes Haus in der Altstadt, abstrakte Rakelbilder des jungen kanadischen Malers Andrew Dadson, die zu Preisen zwischen 5000 und 20 000 Euro bereits kurz nach der Eröffnung alle verkauft waren.

Schicke "Motherfucker"-Stiefel für 2000 Euro

Gerade im unteren und mittleren Preissegment meldeten die Galeristen denn auch gute Verkäufe. Freuen konnte sich etwa Javier Peres, Galerist aus Los Angeles mit Dependance in Berlin, der eine Gouache von Dorothy Iannone (20 000 Euro) und einen Turm aus Glasvitrinen von Terence Koh (40 000 Euro) an regionale Museen vermitteln konnte. Das Ankaufskommittee der Stiftung für Moderne und Zeitgenösssiche Kunst CRT kaufte 13 Werke im Wert von 300 000 Euro für das Castello de Rivoli und die Galleria d'Arte Moderna e Contemporanea in Turin. Und auch der Kulturfonds der Region Piemont (FRAC) kaufte für 150 000 Euro ein, unter anderem ein Diptychon von Danh Vo bei Isabella Bertolozzi.

Einzelpräsentationen waren, wie derzeit auf allen Kunstmessen, auch in Turin die Ausnahme. Um so mehr fiel der Stand von Barbara Weiss ins Auge, die eine stimmige Soloshow von Thomas Bayrle präsentierte. Oder Maribel López, die einen "Life Garage Sale", minuziös aus Papier nachgebaute Alltags- und Luxusgegenstände des Künstlerteams Light Centre, veranstaltete. Die schicken "Motherfucker"-Stiefel waren als 2000-Euro-Schnäppchen sofort verkauft. Auch die Brüder Baden von der Karlsruher Galerie Ferenbalm Gurbrü Station zeigten sich zufrieden. Die Galeristen vertreten Peter Böhnisch, einen von 16 Künstler, die zur Teilnahme der Sondersektion für junge Kunst "Present Future" eingeladen war. Dessen Zeichnungen auf gefundenen Materialien, Pappdeckeln, Buchrücken, Bügelbrettern, fanden bei Preisen ab 800 Euro schnell Käufer. In Zeiten der Krise sind kleine Arbeiten offenbar wieder salonfähig – small is beautiful. Diese neue Bescheidenheit zeigte sich auch an den Messekatalogen, handlichen Bändchen im Taschenbuchformat. Der dickste Teil war eine Hommage an die Galeristen. Unter dem Titel "Everything you always wanted to know about galerists but were afraid to ask" hat Messedirektor Bellini 51 Interview mit Galerielegenden und Neulingen der Szene zusammengetragen – die meisten auch Artissima-Teilnehmer. So macht man sich Freunde.

Neben dem üblichen Kojenrummel lockte die Messe auch mit einem aufwändigen Rahmenprogramm. Auf fünf verschiedenen Bühnen der Stadt, darunter auch das von Carlo Mollino entworfene Teatro Regio, gab es Performances und Filmvorführungen. Michelangelo Pistoletto etwa ließ die gesamte Menschheitsgeschichte Revue passieren, die österreichischen Chaos-Künstler Gilitin brachten isländische Volkstanzgruppen auf die Bühne und die Künstlerin Cao Fei ließ sich für ihre Performance vom chinesischen Propaganda-Theater inspirieren. Bereits am Abend vor der Vernissage hatte Patricia Sandretto Re Rebaudengo, eine bekannte Turiner Sammlerin, zur Filmvorführung in ihr Privatmuseum geladen. Dort zeigte Chiara Clemente, Tochter des Künstlers Francesco Clemente, ihren Dokumentarfilm "Our City Dreams" über fünf New Yorker Künstlerinnen: Kiki Smith, Gadah Amer, Swoon, Nancy Spero und Marina Abramovic. Eine perfekte Einstimmung auf jede Messe, auf der ja auch immer sehr viel Kunst scheinbar zufällig nebeneinander hängt. Denn außer der Tatsache, dass alle fünf Frauen in derselben Stadt leben und arbeiten, verbindet die Künstlerinnen herzlich wenig. Dennoch sind ihre individuellen Geschichten spannend. Und wenn sich Marina Abramovic in einer frühen Performance dann die Haare rauft und dabei stöhnt: "Art must be beautiful, artist must be beautiful", könnte man das auch als heimliches Mantra für die Artissima verstehen.

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