DC Open 2010 - Düsseldorf / Köln

Positiv aufgeregte Stimmung

Die alte Nachbarschaft hat einen neuen Namen: "Legendary Contemporary". Mit diesem Slogan ging die Düsseldorf Cologne Open (DC Open) am Wochenende in die zweite Runde, wieder mit dem Ziel, den Kunststandort Rheinland zu stärken und die Freundschaft zu erneuern. Ein Rundgang.
"Positiv aufgeregte Stimmung":DC Open 2010 in Düsseldorf und Köln

Arbeiten von Donald Judd und Lewis Baltz in der Kölner Galerie Thomas Zander

Rund 69 Düsseldorfer und Kölner Galerien öffneten zeitgleich ihre Türen zu Ausstellungen, die es schwer in sich haben: Das Konzept DC Open hat spührbar an Fahrtwind gewonnen. "Dank neuer Sponsoren ist es möglich, die Veranstaltung jetzt professioneller aufzuziehen", erzählt Thomas Rehbein, Sprecher der Kölner Galerien. Und wer dieser Tage unterwegs ist, sieht sie in allen Händen, die Flyer und blau-orangefarbenen Galerieführer. "Der Erfolg aus dem letzten Jahr macht es viel leichter, in diesem Jahr wieder daran anzuknüpfen", sagt der Düsseldorfer Galerist Michael Cosar. Die Nickeligkeiten zwischen den konkurrierenden Städten hat ja nie jemand wirklich ernst genommen. "Wenn es hier so etwas wie eine Konkurrenz gibt, dann die, die Veranstaltung von Jahr zu Jahr zu verbessern."

Wer in diesem Jahr dabei war, hat gesehen, wie qualitätvoll und spannend die Mischung aus großen Namen und jungen Galerien war: So verbindet der Galerist Thomas Zander mit exakt 2,40 Meter Abstand zu allen Ecken die beeindruckende Form- und Bildsprache von Donald Judd mit den reduzierten Schwarz-Weiß-Fotografien von Lewis Baltz. Ein neutraler Raum und ein klares Konzept bringen die minimalistischen Arbeiten in ein strenges aber wirkungsvolles Formenspiel. Nur unweit entfernt in der seit zweieinhalb Jahren in Köln ansässigen Galerie Teapot geht es ganz anders zu: Mit der Gruppenausstellung "Brainspinebeat – works on paper" zeigt die Galerie ein ungeschliffenes, energiegeladenes und teils morbides Programm. Noch jünger in Köln: Charlotte Desaga. Neben ihren Galerieräumen, in denen sie zarte Stoffarbeiten von Nie Pastille zeigt, lädt sie in ihre fantastischen temporären Räume zu einer Gruppenausstellung, sowie einer Gastausstellung der Berliner Galerie Exile ein. Auf knarrenden Holzböden, vor alten Blumen- und Ornament-Tapeten, zeigt sich die Kunst menschlich und feingeistig, intelligent und inhaltlich stark, so dass in den rustikal-romantischen Räumen keine Wohnzimmeratmosphäre aufkommt.

Die Stimmung unter den Galeristen ist dabei "positiv aufgeregt", da sind sich die Galeristen Rehbein und Cosar einig. Dieses Jahr in die Düsseldorfer Altstadt gezogen ist die Galerie Springmann, die anlässlich der DC Open unter dem Titel "28 millimètres" großformatige Fotografien des französischen Künstlers JR zeigt. Der plakatiert beispielweise die Dächer von Slums in Kenia mit Nahaufnahmen dort lebender Menschen. Fenster oder Augen, Risse in der Fassade oder Narben, urbane Orte bekommen die Gesichter der Bewohner, die durch die Fotografie in die Welt gelangen. Fotografien und Sinnesorgane zeigt auch die Galerie Rupert Pfab. Maurizio Anzeri präsentiert sich erstmalig in Deutschland mit gefundenen Fotografien, die er in aufwendiger Handarbeit mit Garn bestickt. Die Gesichter werden zu Masken, man weiß nicht, ob sie an Clowns, exotische Vögel oder Henker erinnern, aber – und darauf kommt es an – man erinnert sich an sie. Hier und da lugen ein Auge, ein Mund oder ein Ohr hervor. In der Mitte triumphiert die aus menschlichen Haaren "gesponnene" Skulptur "Straight Jacked". "No rush", sagt der Künstler dazu. Zu viel Eile ende nur in der Zwangsjacke. Dass man als Fotograf auf das fotografische Bild auch ganz verzichten kann, zeigt der in Düsseldorf lebende Juergen Staack in der Galerie Konrad Fischer. "Transformation" lässt Bilder klingen und Klänge zu visuellen Codes werden. Der Künstler zeigt Tonaufnahmen, die Fotos beschreiben, in Sprachen, die fast kein Mensch mehr spricht, für die er in die entlegensten Ecken Japans gereist ist. Ohne ein einziges Foto zu machen.

44 000 Euro in den Schulterschluss investiert

Beinah überrollt wird man von der stillen Kraft der Installationen von Christian Boltanski. In der Kewenig Galerie in Köln führen seine Arbeiten durch Archive des Menschlichen. Gänge aus rostigen, etikettierten Blechdosen schicken den Besucher auf einen Gang durch die eigenen Erinnerungen. In der ursprünglichen Installation von 1994 archivierten die Boxen Erinnerungsstücke von Arbeitern einer geschlossenen Teppichfabrik. Für die Kölner Installation hat der Künstler sie geleert und Platz gemacht für Erinnerungen und Assoziationen der Betrachter. Eine Treppe führt die Besucher hinunter in das Kerzenlicht eines Gewölbekellers, wo makaber wirkende Schattenspiele den Sensenmann tanzen lassen.

Ein historischer Ort ist Schauplatz der Arbeit von Thomas Kilpper: Die Kantine der Stasi-Zentrale in Berlin. Der Künstler hat Porträts bekannter Persönlichkeiten sowohl aus west- als auch ostdeutscher Politik, Gesellschaft und Kultur in den PVC-Boden geschnitzt. Christian Nagel zeigt nun in Köln Drucke dieser Bodenschnitte. Hier fragen Gesichter der westdeutschen Geschichte unter dem Titel "Punk statt Stasi" nach dem Zusammenhang von Geschichte, Personen, Fakten und Erzählungen. Seine Galerieräume in der Richard-Wagner-Straße wird Nagel Ende des Jahres aufgeben. Dem Rheinland wird er aber erhalten bleiben: Für das kommende Jahr sind Ausstellungen in wechselnden Räumen mit wechselnden Künstlern geplant. Und das nicht nur in Köln, gleich mehrere Städte im Rheinland dürfen sich auf neue Konzepte freuen.

Freuen darf man sich auch auf DC Open 2011, denn das Konzept wird wohl auch im kommenden Jahr wieder vom Land gefördert, erzählt Cosar. Dieses Jahr hat das Wirtschaftsministerium bereits 44 000 Euro in den künstlerischen Schulterschluss investiert. In diesem Jahr, und auch in Zukunft geplant, boten sogar ausgewählte Kunstsammler Einblicke in ihre Schatzkammer. Die Sammler, die Städte, das Land, die Galeristen, alle sind an Bord, um an der Strahlkraft des Rheinlandes aufs internationale Kunstpublikum zu arbeiten. Ob man dafür Begriffe wie "Legendary Contemporary" braucht, sei dahin gestellt. Die Vielfalt und Qualität der Kunst sprechen für sich.

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