Art Cologne 2010 - Messebericht

Gelähmter Messestart

Mit seiner zweiten Ausgabe der Art Cologne setzt Direktor Daniel Hug erfolgreich den Messereformkurs fort. Unübersehbar litt die Preview an den Folgen des Flugverbots. Trotz rar auftretender Großsammler gaben sich viele Galeristen nach guten Verkäufen erleichtert. Und die junge Kunst tritt auf der Kölner Messe vitaler denn je auf.
Gelähmter Messestart:Die 44. Art Cologne im Zeichen des Flugverbots

Acryl mit Diamantenstaub: Bei der Kölner Galerie Heinz Holtmann gibt es das Werk "Cologne Cathedral" von Andy Warhol zu sehen, das bisher in Privatbesitz war und noch nie öffentlich gezeigt wurde

Seit gestern ist die Kunstwelt um eine Erkenntnis reicher: Naturgewalten können selbst der ambitioniertesten Messe gehörig zusetzen. Ein Zustand der Lähmung hat die Preview der 44. Art Cologne befallen, nachdem klar war, dass das Flugverbot wegen der isländischen Vulkanstaubwolke erst einmal nicht aufgehoben wird.

Bedrückend licht nimmt sich die Art Cologne in jenen ersten beiden Preview-Stunden aus. Wertvolle Zeit, die sonst den professionellen Sammlern, Kuratoren und Ankaufskommissionen gehört. Nach einiger Zeit scheint sich die Schockstarre etwas zu legen. Und neben den angestammten deutschen und belgischen Kunden werden wie durch ein Wunder auch Sammler aus den USA gesichtet. Die berühmte Rubell-Familie aus Miami hat es zwar nicht über den großen Teich geschafft, dafür geistern die als sehr ernsthaft geschätzten Sammler Susan und Michael Hort aus New York durch die Messehallen. Judy Lybke von Eigen + Art konnte einen in Helldunkel gehaltenen Amazonen-Akt von Martin Eder (60 000 Euro) an einen amerikanischen Sammler verkaufen. Das in seiner Dimension kolossale Gemälde von Neo Rauch für 600 000 Euro war gegen Ende des 1. Messetags immerhin reserviert.

"Ich will der Welt beweisen, dass Deutschland ein riesiges Interesse an Kunst hat", sagt der für seinen brillanten Neustart der Art Cologne 2009 bewunderte Messeleiter Daniel Hug. "Und die Art Cologne sieht doch noch besser aus als im letzten Jahr", beschwört er sich gewissermaßen selbst. Soviel Kraft, Aufwand, Präsentationsgeschick - und dann bleiben viele der erwarteten potenziellen Käufer in den Startlöchern hängen. Unabhängig von der Flugmisere, für die Hug nun wirklich nichts kann, ist es ihm nicht richtig gelungen, maßgebliche neue Galerien außerhalb des deutschsprachigen Raums dazuzugewinnen. Die Art Cologne hebt weiterhin auf den westeuropäischen Markt ab, konnte den Radius an internationalen Messeteilnehmern allerdings kaum erweitern. Neben Studio La Città aus Verona, die mit den textilen "Soundsuits" des Afroamerikaners Nick Cave (72 000 Euro) aufwarten, liefert Annely Juda Fine Art aus London etwas kosmopolitischen Messeglamour.

Highlight: eine Rauminstallation von Jesus Rafael Soto

Die Art Cologne ist und bleibt ein wichtiger Umschlagplatz für die Klassische Moderne und Nachkriegskunst. Das teuerste Bild der Messe würde manchem Museum gut zu Gesicht stehen: Edvard Munchs Porträt einer lilablassblau gekleideten Freundin (1916), dessen Provenienz bis zum Städel Museum zurückreicht, wird bei Galerie Thomas für 9, 5 Millionen Euro angeboten. Ein Highlight der ohnehin im Moment sehr marktgängigen Op Art ist dem auch neu angetreten Hans Mayer aus Düsseldorf zu verdanken: Er hat eine Rauminstallation von Jesus Rafael Soto (600 000 Euro) rekonstruiert, die er bereits 1967 in Krefeld zeigte und die aus einem irrlichternden Vorhang von Stäben besteht.

Nach wie vor fehlen der Kölner Messe im Contemporary Bereich etwas die klingenden internationalen Künstlernamen. Mit Sprüth Magers, Rüdiger Schöttle und Jörg Johnen sind dieses Jahr immerhin drei deutsche Top-Galerien nach Köln zurückgekehrt. Sprüth Magers hat einen Teil ihrer Koje den Bildern und Skulpturen von Thomas Scheibitz (45 000 bis 80 000 Euro) eingeräumt, der zweite Part ist futuristisch sezierten Flugzeugteilen des Trockel-Schülers Michail Pirgelis vorbehalten. Man habe von beiden Künstlern bereits etwas verkauft, heißt es am späten Nachmittag. Johnen zeigt auf vorderster Front ein gemaltes Menetekel von Wilhelm Sasnal: Bedrohliche Schattenfiguren wie aus dem "Herr der Ringe" formieren sich darauf zu einem Clan (70 000 Euro). Der Berliner Aussteller Ben Kaufmann sorgt für Aufsehen, weil er aufrührerisch seine eigenen Produktionen aus den anfänglichen Künstlerjahren in einem mit Theke ausgestatteten Kabinett präsentiert. Er verlange Nachlasspreise, behauptet Kaufmann ketzerisch, kommt aber mit seiner performativ gedachten Doppelrolle als Künstler und Galerist etwas in Schleudern.

Nicht verdrängen können die Macher das Flugdebakel

Immer mehr verschränken sich auf der Art Cologne die Formate für junge Kunst, also Open Space, New Positions und New Contemporaries, wodurch sich schöne Synergieeffekte ergeben. In einem Gemeinschaftskompartiment präsentieren Karin Guenther und Giti Nourbakhsch in Sprühfarben schillernde Wandobjekte aus Plexiglas (2000 bis 15 000 Euro) von Berta Fischer: Deren Nähe zu Anselm Reyle erklärt sich aus einer früheren Ateliergemeinschaft in Berlin. Kilchmann aus Zürich hat den gerade in der Schweiz enorm umworbenen Fabian Marti im Gepäck: Gipsmasken und Fotomontagen von pseudoarchaischer Gestalt. Der junge Schwede Bo Christian Larsson trumpft bei Steinle Contemporary als Heavy-Metal-Vertreter der bildenden Kunst auf. Und in den für 50 000 Euro angebotenen Vitrinen von Josephine Meckseper bei Reinhard Hauff spiegeln sich kokett Messestände wie Besucher.

Ein ungelüftetes Geheimnis bleibt, warum so viele aus den Angeln gehebelte, abgewrackte Türen im Open Space, aber auch hier und da in oder vor Galerien auftauchen. Die Künstlernamen zu dem skulpturalen Türenverhau hat man schnell vergessen. Nicht verdrängen können Messemacher wie -teilnehmer das Flugdebakel. Hug hofft, dass bis Freitag einige Sammler nachträglich aus Übersee anreisen werden. Es sei ihm zu wünschen. Denn an Profil hat diese klug aufgebaute und gerade im jungen Bereich erstaunlich mutige 44. Art Cologne weiter gewonnen.

"Art Cologne 2010"

Termin: bis 25. April, Köln
http://www.artcologne.com/