abc - Berlin

Das verbotene M-Wort

Viel Ärger und Diskussionen im Vorfeld, nun wurde die abc eröffnet: mit 130 Künstlern, einem kuratorischen Prinzip und Bratenduft in der Halle.
Sag nicht Messe:kuratierte Ausstellung mit Verkauf von Kunstwerken

Begrüßung von Kay Rosen: Kay Rosen: “Hi”, Installationsansicht abc 2011 "about painting",

Man möchte sich gerne ein Augenzwinkern im Angesicht des Malers vorstellen, der die Besucher des Kunsthybrids abc begrüßt: Hans-Peter Feldmann hat einem klassischen Selbstporträt eines Künstlers im Biedermeier-Stil (Farbpalette, Leinwand, Staffelei) einen grauen Zensurbalken über die Augen gelegt.

Wahrscheinlich hat der Maler, dessen Bild Feldmann in einem Antiquariat gekauft hat, sich ganz traditionell mit ruhigem Blick dargestellt. Aber das Augenzwinkern würde ganz gut zu dem leicht ironischen Gestus passen, mit dem das Thema "About Painting" der abc 2011 präsentiert wird.

Denn es gibt auf dieser abc ein Tabu: das M-Wort. Nein, nicht "Malerei" ist gemeint. Unter keinen Umständen darf man die Veranstaltung als "Messe" bezeichnen. Offiziell sei es eine kuratierte Ausstellung, wird nicht nur auf der Pressekonferenz immer wieder betont. Der äußerste Begriff, der noch nicht mit bösen Blicken oder Gesprächsabbruch geahndet wird, ist "Verkaufsausstellung".

Eine kuratierte Ausstellung, die keine Messe ist, auf der die Bilder aber verkauft werden, sieht dann so aus: Ein labyrinthartiges Gewebe von Stellwänden durchzieht das ehemalige Post-Depot am Gleisdreieck. Die Wände stehen schräg, und man kann sich verlaufen wie in einem geschickt konstruierten Supermarkt, wo man immer auf die Waren trifft, die man eigentlich nicht gesucht hat. Jeder Galerist hat eine Wand bekommen, maximal drei Bilder passen da hin, viele Galeristen zeigen nur ein Werk, wie Judy Lybke von Eigen + Art mit einem bemalten Paravent von Matthias Weischer.

Die Galeristen stehen vor den Werken und halten sich an ihren iPads fest, es gibt auch kleine Bänke als Verbindungsstücke zwischen den Stellwänden. Beengte Verhältnisse, in jeder Hinsicht: Verkaufsgespräche werden eher zögerlich und diskret geführt; es soll ja hier nicht ums Geld gehen. Lauter als Sub-Kuratoren getarnte Galerie-Assistenten zur Erläuterung einzelner Werke braucht aber eigentlich auch niemand so recht. Denn natürlich werden die Bilder verkauft, aber dürfen diese dann auch abgehängt werden? In diesem Punkt herrscht Unsicherheit: "Wenn man innerhalb desselben Künstlers bleibt, müsste das doch erlaubt sein, oder nicht?" fragt sich ein Dresdner Galerist.
Keine Wunder, dass sich die Galeristen schwer tun mit diesem Messe-Ausstellungs-Zwitter: Sie wirken wie Verkäufer, die zwangsweise unter Prohibition gestellt wurden. Man fühlt sich an die neueste Folge der amerikanischen Sitcom "Curb Your Enthusiasm" erinnert, bei der ein Viagra-Dealer im Anzug auf der Parkbank seine Waren in großer Diskretion verkauft.

Die ehemalige Düsseldorfer Kunstvereinschefin Rita Kersting zeichnet verantwortlich für das "kuratorische" Konzept. "About Painting" kann demzufolge nahezu alles umfassen: Zwar sieht man überwiegend Öl auf großen Bildformaten, aber es gibt zum Beispiel bei Sies + Höke auch eine Skulptur von Florian Slotawa zu sehen. Sie besteht aus mehreren farbgleichen Motorrädern, die im Raum verteilt wurden. Malerei? Malerisch? Sich auf malerische Ansätze beziehend? Dem Malerischen auf ambivalente Weise verbunden? Der kuratorische Diskurs kann alles eingemeinden, das ist nicht das Problem. Ein roter Faden oder eine Struktur, die über diesen kleinsten gemeinsamen Nenner hinausgingen, sind aber nirgends zu erkennen.

Dem Publikum scheint es sowieso recht zu sein: Wie jedes große Berliner Kunstevent ist auch dieses extrem gut besucht, am Eröffnungsabend stürmen junge Jeans tragende Menschenmassen geradezu die Location. Graumelierte Herren in Nadelstreifen werden auch gesehen, aber nur sehr wenige davon sprachen englisch. Warum sollten amerikanische Sammler auch anreisen für eine Off-Show, die sich nicht traut, eine Messe zu sein? Komplettiert wurde der disparate Gesamteindruck noch vom Bratereigeruch, der vom Cateringstand des "Grill Royal" in die Halle wehte. Bratwurst, Bier, und ein bisschen Weltklasse: Berlin war ganz bei sich an diesem Abend. Auf improvisierten Veranstaltungen in Industrieruinen fühlen sich alle doch am wohlsten; die hochoffizielle Messe war den Berlinern einfach auch zu wenig cool gewesen.

Die Frage Messe oder Ausstellung wird am zweiten Tag dann schon etwas entspannter beantwortet. Galerist Mehdi Chouakri spricht von einem "neuen Format". Es sei sowieso fraglich, ob im deutschsprachigen Raum neben der Art Basel genügend Finanzkraft für eine weitere Messe vorhanden sei. Auch für die Art Cologne werde das weiterhin schwer sein. Chouakri selbst ist zufrieden, der zensierte Maler von Hans-Peter Feldmann wurde gleich am Eröffnungsabend verkauft. Bei der New Yorker Nachwuchsgalerie Zachary Alexander redete man nicht lange um den Brei herum: "Natürlich ist es eine Messe. Und eine gute Entschuldigung um mal wieder nach Berlin zu kommen – ganz offiziell mit unserer Galerie", sagte Peter Currie. Auch Amelie von Wulffens Zeichnungen belebter Obstwesen und Zähne habe man gut verkauft. Am Abend nahm dann auch Mitorganisator Martin Klosterfelde das M-Wort in den Mund: "Ich sage jetzt gerade zum ersten Mal Messe." Für ihn war klar: Berlin brauche ein Ereignis, und man werde auch im nächsten Jahr experimentell bleiben. Aber genaue Pläne würden erst nach dem Ende der abc 2011 beschlossen.

Noch bis Sonntag kann man also sehen, wie alle Vorteile gegenüber dem verstorbenen Art Forum auch gleichzeitig die Nachteile der abc sind: Es gibt keine vollgepackten Kojen mit finnischen Nachwuchskünstlern mehr, sondern Konzentration auf 130 Künstler; kein Mitropa-Catering der Messegesellschaft mehr, sondern Grillgeruch.
Bei den Werken findet sich dennoch eine gute Mischung von Klassikern in jung und alt: Günther Förgs Bilder des IG-Farben-Hauses und Elizabeth Peytons Zeichnungen zu Wagners Ring, abstrakte Großformate von Georg Kahl Pfahler. Man kann Wiederentdeckungen machen, wenn man den Humor von Lucie Stahls Postern verpasst hat oder die Lackhäute von Andre Thomkins noch nie gesehen hat.

Im Vorfeld hatte man von der "Kälte" gelesen, mit der Berliner Großgaleristen wie Neu und Neugerriemschneider die Messe Art Forum Berlin an mangelnder Unterstützung scheitern ließen. Das war sicherlich nur die Hälfte der Geschichte, schließlich scheiterte das Art Forum vor allem am fehlenden Verständnis und knappen Ressourcen der Messegesellschaft Berlin für den Kunsthandel. Und nun stehen eben die Großgaleristen in der Verantwortung, am Berliner Kunststandort ein passendes Handelsereignis im Herbst zu etablieren. Die abc ist auch in ihrem vierten Jahr für sich allein genommen kein zukunftsfähiges Modell: Es braucht mehr als Coolness.

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