Frieze Art Fair - London

Frieze gibt den Ton an

Aggressive Verkaufsmethoden, vorsichtiger Optimismus, eine eigene Gegenmesse und Kunstveranstaltungen in ganz London. Die Frieze ist eröffnet

Schon bevor der Besucher das Messezelt betritt, wird er darauf eingestimmt, was ihn erwartet: aggressives Verkaufen. Die Kasse, durch die jeder muss, gleicht in diesem Jahr einem Handy-Shop der Firma T-Mobile, alles pink und laut und schreiend - der Besucher als Teil einer Performance.

Eine wirklich schlaue Kunstmesse muss ja bereit sein, sich von der Kunst und den Künstlern sanft unterminieren und auf den Arm nehmen zu lassen. Anders als die etwas biedere in Basel und die bunte in Miami kann die Londoner Frieze Art Fair das ganz besonders gut. Und hat sich zu diesem Zweck etwa die Frieze Projects zugelegt. Matthew Darbyshires Installation "Everything Everywhere: A Ticketing Experience for Frieze 2010", die den Besucher begrüßt, ist eines von neun, in diesem Jahr von Sarah McCrory kuratierten Projekten, die eine Art ironisches Gegengewicht gegen den Kommerz bieten sollen.
Am eindrucksvollsten und witzigsten macht das der japanisch-britische Jungstar Simon Fujiwara mit seiner Installation "Frozen", für die er den diesjährigen Cartier Preis erhielt. Er hat sich eine römische Stadt ausgedacht, deren Überreste unter dem Frieze-Zelt entdeckt und freigelegt wurden. Überall stößt man auf in den Boden eingelassene Glasscheiben, unter denen ausgegrabene Räume sichtbar werden: ein Künstleratelier, eine Grabstätte, ein Bordell, ein Café für Fleischfresser. Fujiwaras Fantasiewelt spielt schmunzelnd mit der Fetischisierung von Objekten, auf der Frieze beruht. Nicht wenige Besucher fallen zumindest vorübergehend auf seinen Schwindel herein.

Und die Messe selbst? 173 Galerien aus 29 Ländern zeigen Arbeiten von mehr als 1 000 Künstlern, und alle geben sich vorsichtig optimistisch. Noch sind wir nach dem kürzlichen Einbruch nicht ganz aus dem Schneider, so ist der Tenor, doch wir sind auf dem besten Weg dazu. Die Verkaufszahlen, wenn man sie nun kennen würde – Frieze gibt sie nie bekannt – würden das wohl bestätigen, und auch die Massen von Sammlern, Kuratoren, Stars und anderen, nach der neuesten Mode Gekleideten, die sich am VIP-Tag durch das Zelt wälzten, zeigten, dass Kunst nach wie vor und wieder zieht. Wie auch im Vorjahr werden 60 000 Besucher erwartet.
Viel Neues lässt sich auf Kunstmessen ja eigentlich nie entdecken. Auch bei Frieze nicht. Höchstens kann man den einen oder anderen Trend ausmachen, der sich schon zu verfestigen beginnt. In diesem Jahr etwa sprechen viele von der Kunst Lateinamerikas. Sieben Galerien aus Brasilien, Argentinien und anderen Ländern zeigen ihre Ware, und lateinamerikanische Künstler tauchen auf vielen Ständen auf. Nicht nur etablierte wie Gabriel Orozco, den Barbara Gladstone aus New York vorstellt, und der auch in der Lounge des Hauptsponsors Deutsche Bank gezeigt wird. Auch Unbekanntere sind zu sehen, wie Tunga aus Brasilien bei der Londoner Galerie Pilar Corrias.
In diesem Jahr leistet sich Frieze auch wieder seine eigene Gegenmesse "Frame". 25 Galerien, die jünger als sechs Jahre sind, zeigen jeweils einen ihrer ebenfalls jungen Künstler. Sie sind bunt unter die großen und etablierten Häuser gemischt, gegen die sich behaupten müssen, mit unterschiedlichem Erfolg.
Die Einrichtung von "Frame" als Teil der Messe war ein geschickter Schachzug, denn deren Erfolg hat der quirligen echten Gegenmesse der letzten Jahre den Garaus gemacht. "Zoo" hatte in Gebäuden des dem Park gegenüberliegenden Zoos begonnen, war dann in ein leerstehendes Lagerhaus im East End umgezogen, und hat in diesem Jahr leider die Waffen gestreckt.

Dafür sind andere nachgerückt: das Auktionshaus Christie’s richtet "Multiplied" aus, eine Messe für Gafik und Multiples, die "Moniker International Art Fair", auf der sich mehr der Graffitikunst zugeneigte Galerien tummeln, hat ebenfalls ein altes Lagerhaus angemietet, und in den unterirdischen Galerieräumen Ambika P3 macht sich die "Sunday Fair" breit, in der unter anderem der Künstler Ryan Gander eine Bar eingerichtet hat, an der man kostenlos Cocktails trinken kann, solange man das Glas mit einem Boxhandschuh zu halten versteht. Barmixerin ist Fiona Banner, die gerade zwei Kampfflugzeuge von der Decke der Tate Britain baumeln lässt.
Der wahre Erfolg von Frieze lässt sich aber daran ablesen, dass sich heute die gesamte Kunstszene der Hauptstadt an ihr orientiert. Nicht nur machen die Galerien, ob groß oder klein, jung oder alt, rechtzeitig zur Messeeröffnung neue Ausstellungen auf, nicht nur haben die drei großen Auktionshäuser ihre Versteigerungen zeitgenössischer Kunst auf die Messewoche Mitte Oktober verlegt, sondern sogar die Tate Modern und die National Gallery haben sich inzwischen auf den Termin eingestellt: Sowohl Ai Wei Weis Installation mit 10 Millionen Sonnenblumenkernen in der Turbinenhalle der Tate als auch eine Schau mit Werken des Venezianers Canaletto in der NG wurden eröffnet. Nicht schlecht für eine Messe, die es erst seit acht Jahren gibt.

Frieze Art Fair

Termin: bis 17. Oktober, Regents Park, London
http://www.frieze.com