Neues Galeriehaus - Berlin

Unkonventionell und elegant

Das neue Berliner Atelier- und Galeriehaus in der Brunnenstraße Nr. 9 wird euphorisch gefeiert. Ein Besuch bei den ersten Mietern – dem Galeristentrio Alexander Koch, Nikolaus Oberhuber und Jocelyn Wolff.
Unkonventionell und elegant:Neue Berliner Atelier- und Galeriehaus

Beton für die Kunst: Bau der Architekten: Brandlhuber + ERA, Emde, Schneider

Abgerockt oder ganz weit vorn? Auf eine griffige Formel ließ sich der widersprüchliche Charakter der Brunnenstraße im soziogeografischen Gefüge von Berlin-Mitte noch nie bringen. Wer sie wegen ihrer Tattoo-Studios, Spätverkaufstellen, Falafel-Läden oder dem anarchistischen Umsonst-Geschäft als Trashmeile abschreibt, der gilt als Ignorant.

Schließlich, so lautet das Gegenargument, sind der versteckte Guerilla-Store von Comme des Garçons, die unzähligen Künstlerateliers in den Hinterhöfen oder die vielen längst dem Off-Status entwachsenen Galerien wie Klemm's, Birgit Ostermeier oder Nice&Fit ebenso Teil der Straße. Und in Zukunft werden es die Verächter der Brunnenstraße es noch schwerer haben: Denn mit der verwirrend-einfachen wie dezent-spektakulären Glas- und Polykarbonat-Fassade des Atelier- und Galeriehauses in der Brunnenstraße Nr. 9 tritt die Gegend in eine neue Phase ein. Der Bau des Architekturbüros "b&k+, Arno Brandluber & Markus Emde" bietet – freilich heruntergebrochen auf Berliner Verhältnisse – ähnlich viel Kontrastpotenzial zu seiner baulichen Umgebung wie das New Museum von SANAA in der New Yorker Bowery.

Doch so sehr sich die Architektur mit ihrer alien-artigen milchig-weißen Außenhaut vom Grau der übrigen Fassaden abhebt: Effekthascherei – so kann Thomas Schneider, einer der beteiligten Architekten, glaubhaft versichern – spielte in den gestalterischen Entscheidungen keine Rolle. Stattdessen sei die konzeptuelle Arbeit von einer Art "komplexen Pragmatismus" bestimmt: "Wir haben versucht, den Bau möglichst flexibel zu halten." Wie in einem riesigen Tetris-
Spiel orientierten sich die Architekten etwa bei der Planung der Stockwerke an der Struktur der Nachbarhäuser: Gelenkartig werden die unterschiedlichen Stockwerkhöhen der angrenzenden Häuser im Bau miteinander vermittelt, der wiederum paradoxerweise gerade aus dieser nachbarschaftlichen Anschmiegung seinen eigenen starken Charakter entwickelt.

Exzentrische Räume sogar für Berliner Verhältnisse

Die Geburt der Idee aus der pragmatischen Reaktion auf das, was ist, zeigt sich nicht nur in der stufigen Struktur der Decken und Böden, sondern auch in der Integration zweier bereits vor Baubeginn vorhandener Fundamente, die ursprünglich Teil einer Neunzigerjahre-Investmentruine waren. Die paraboloid-kristalline Form des Daches schließlich verdankt sich den räumlichen Erfordernissen eines Fahrstuhls im Gebäude sowie dem Einfallswinkel der Sonnenstrahlen über dem Haus, um auch den rückwärtigen Gebäuden einen gewissen Grad an direktem Tageslicht zu bewahren. Statt einen dunklen Treppenhausschacht durch den ohnehin nicht sehr voluminösen Baukörper zu ziehen, verbindet eine Außentreppe an der hinteren Fasade die einzelnen Stockwerke.

Dass die ersten, in die beiden unteren Etagen bereits eingezogenen Nutzer des Hauses, die Galerie Koch Oberhuber Wolff (KOW), aufgrund von ausgelassenen Decken mit einer Raumhöhe von siebeneinhalb Metern selbst für Berliner Verhältnisse über exzentrische Räume verfügen, ist als Kann- und nicht als Muss-Zustand gedacht. Falls sich die
Anforderungen ändern, kann der modularangelegte Bau also räumlich auch verdichtet werden. Doch im Moment sind die Erstmieter, das KOW-Galeristen-Trio, bestehend aus dem Berliner Kurator Alexander Koch, dem ehemaligen Direktor der Wiener Galerie Nächst St-Stephan, Nikolaus Oberhuber, und dem Pariser Galeristen Jocelyn Wolff, ganz
zufrieden: Sie waren frühzeitig in die Planungen mit einbezogen.

"Wir arbeiten lieber in einer Öffentlichkeit"

Wenn sie möchten, können sie etwa die Ausstellungsräume über ein fünf Meter mal 4,5 Meter messendes Tor zur Straße hin komplett öffnen, was der Philosophie der Galeristen sehr entgegenkommt. "Das Interesse am öffentlichen Raum ist charakteristisch für unsere Arbeit", sagt Alexander Koch. "Anstatt einer exklusiven Kommunikation von Privat zu
Privat arbeiten wir lieber in einer Öffentlichkeit." Den Einstand in der Hauptstadt bestreitet die Galerie mit einer thematischen Gruppenausstellung, die erfolgreich mit den Klischees bricht, wie zeitgenössische Kunst aus Leipzig heute aussieht – also kein einziges Gemälde, dafür eine imposante Rauminstallation der Künstlergruppe Ramon Haze ("Der Schrank", 1997/2009), Projektionen der Filme von Clemens von Wedemeyer und des Fotografen Tobias Zielony, eine philosophische Raumteiler-Skulptur von Tilo Schulz oder Skulpturen von Tina Schulz, welche die Formensprache der Minimal Art ohne falsche Ehrfurcht zitieren.

Dass die Notwendigkeit der Revision von sicher geltenden Gewissheiten nicht nur Thema der Ausstellung ist sondern auch des Hauses selbst ist, zeigt die große Aufmerksamkeit, die dem Neubau in der Brunnenstraße, der im Winter endgültig fertiggestellt sein wird, in Berlin entgegengebracht wird. Die Euphorie zeigt auch das Ausmaß des architektonischen Traumas, in dem die Stadt auch noch drei Jahre nach dem Abtreten des ehemaligen Senatsbaudirektors Hans Stimmann gefangen ist: Weil über Jahre jede Brache hastig mit mittelmäßiger Investorenarchitektur mit streng gerasterten Sandsteinfasaden zugekleistert wurde, ist der handfeste Beweis, dass es auch anders, unkonventionell und elegant geht, um so schockierender. Dazu passt, dass direkt gegenüber, in der Sentatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten, dem Amtssitz von Kulturstaatssekretär André Schmitz, mancher Beamte das Haus Nr. 9 tatsächlich für ein neues Parkhaus halten soll. Die Stadt jedoch weiß es besser.

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