FIAC - Paris

SCHAU DES LUXUS UND DER MODEN

Guter Geschmack verkauft sich glänzend: Triumphgeschrei bei der Eröffnung der Pariser FIAC. art-Korrespondent Heinz Peter Schwerfel berichtet.

Lange Jahre war die Pariser Kunstmesse FIAC mehr Nabelschau der französischen Szene denn kommerziell erfolgreicher Schauplatz von Neuentdeckungen. Keine konsequente künstlerische Leitung, kaum heimische Sammler, wenig international relevante französische Nachwuchskunst.

Als die FIAC wegen Umbaus ihres historischen Standorts, dem Grand Palais, dann auch noch ins lieblose Messezentrum an der Porte de Versailles umziehen musste, wäre sie 2003 um ein Haar eingegangen. Kriselnd fiel sie weit hinter die Londoner Frieze oder die New Yorker Armory Show zurück, von der Art Basel ganz zu schweigen. Die FIAC wurde zur Provinzmesse.

Dann wurde eine neue Leitung mit Vertretern der Kulturpolitik – wie in Frankreich üblich – und der Galerienszene berufen, die Messe durfte ins Stadtzentrum zurückkehren und glänzt seither Jahr um Jahr mit neuen Trümpfen: Skulpturenschau im Tuilerienpark, junge Galerien im Innenhof des Louvre, zahlreiche Gegenmessen (immer ein gutes Zeichen), und nicht zuletzt die wachsende Präsenz potenter französischer Sammler. Durch den frischen Wind von an die Seine ziehenden Großgalerien wie Marian Goodman, Galleria Continua oder Gagosian erneuerte sich die Pariser Szene, und obwohl immer noch gut 30 Prozent der teilnehmenden Galerien aus dem gastgebenden Frankreich kommen, wurde die FIAC internationaler. Heute ist die FIAC unter der riesigen Glaskuppel des Grand Palais nicht nur die eleganteste Kunstmesse der Welt, sie zeigt auch die entsprechende Kunst. Und lässt in diesem Jahr – laut einhellgem Kommentar der Fachwelt – den Londoner Konkurrenten Frieze weit hinter sich.

So stößt man auf hochpreisigen Chic, sobald man den Grand Palais betritt: einen Edelstahlturm von Wim Delvoye für 600 000 Euro bei Perrotin, einen neueres Bild von David Hockney für 500 000 Euro bei Annely Juda. Historische Highlights wie eine Skulptur von Jean Dubuffet aus dem Jahre 1973, allerdings im Neuguss von 2008, sollen bei Jeanne Bucher/Jaeger Bucher eine runde Million kosten. Aufregender ein schwarzweißer Gilbert & George von 1980, ein – guter – Damien Hirst von 1995 bei White Cube, oder eine Wandarbeit Tony Craggs mit Ziegelsteinen und Weinflaschen von 1982 bei Chantal Crousel. Gleich daneben eine luftig gehängte, überraschende Einzelschau des georgischen Senkrechstarters Andro Wekua (Jahrgang 1977). Gagosian hat seinen Stand inszeniert wie ein modernistisches Appartment, mit Picasso über dem Sofa und zwei Medizinschränken von Hirst, David Zwirner zeigt im Hauptraum Donald Judd und in einem strahlend hellen Nebenraum für 1,5 Millionen Euro eine Neoninstallation in Blauweißrot von Dan Flavin, die dieser 1989 zum 200. Geburtstag der französischen Revolution machte, die aber noch nie in Frankreich zu sehen war.

Diese Mischung ist typisch für die diesjährige FIAC: Museumsreife Meisterwerke arrivierter Zeitgenossen wechseln ab mit mutigen Einzelschauen jüngerer Künstler, dazwischen ab und an klassische Moderne von Schwitters, Picabia und Fautrier bei Michael Werner, Fontana bei Tornabuoni oder Ernst Ludwig Kirchner (das Ölgemälde "Szene aus dem ‘Sommernachtstraum’" von 1937 für 3,85 Millionen bei Henze & Ketterer). Billig ist nichts in Paris, weder vom Preis noch von der Inszenierung. Die einzige Ausnahme: der Stand der Galerie Gmuzynska, gestaltet vom Modeschöpfer Karl Lagerfeld und bespielt mit eigenen Fotos und der Sonderschau ‘Rebels’, in der sogar Warhol kitschig wirkt. Auffällig das Wiederauftauchen älterer Werke des länger nicht bemerkten AR Penck, etwa bei De Noirmont aus Paris, oder neuer Arbeiten von älteren Meistern wie Jannis Kounellis bei Lelong und Kewenig oder Robert Mangold in einer Einzelpräsentation bei Elvira Gonzales aus Madrid.

Sehr präsent neue Skulpturen von Anish Kapoor, der im Grand Palais an den Schauplatz seiner ‘Monumenta’-Installation vom letzten Mai wiederfindet, bei Lisson und Galleria Continua zu Preisen ab 1,4 Millionen Euro. Auffällig extra für die FIAC ("Foire Internationale d'Art Contemporain") produzierte Installationen des jungen Franzosen Loris Gréaud wie "The New Set of Possiblities" für 350 000 Euro auf dem Stand der New Yorker Pace Gallery, die zum ersten Mal an der FIAC teilnimmt. Und Mark Dions Schmuckvitrine mit Kunstharzstör für 55 000 Euro im eigens dafür gebauten Blockhaus auf dem Stand von In situ/Fabienne Leclerc. Vermisst wird eigentlich nur Medienkunst, Doug Aitkens "Black Mirror" bei 303 aus New York oder Bill Violas "The Lovers" (240 000 Euro bei Yvon Lambert) waren die einzigen Ausnahmen.

Anders sah das allerdings auf der ersten Etage aus, wo – deutlich beengt – in diesem Jahr die jungen Galerien untergebracht sind, und wo man auch Serigrafien von Thomas Bayrle für 4000 Euro (bei Air de Paris), kleine Skulpturen von Wilfrid Almendra für 7500 Euro (bei Bugada & Cargnel) oder neue Gemälde von Andrée Butzer für 30 000 Euro (bei Guido W. Baudach) finden kann. Um diesen neuen Standort hatte es schon im Vorfeld viel Streit gegeben, stehen doch durch den renovationsbedingten Wegfall der Cour Carrée im Louvre rund 1000 Quadratmeter Ausstellungsfläche weniger zur Verfügung. Von 194 Teilnehmern schrumpft die FIAC deshalb in diesem Jahr auf nur 168, was zu lautem Gezeter bei den Abgewiesenen führte, für die Besucher aber deutlich angenehmer ist. Und auch für die Galeristen: Friedrich Petzel etwa, zum ersten Mal dabei, war von der Qualität der Gespräche und Kontakte begeistert. Einige besonders clevere Sammler, etwa die Franzosen Pinault und Arnault, schickten ihre Berater bereits während des Aufbaus los, und bei der New Yorker Galerie Cheim & Reis amüsierte man sich, einen Basquiat bereits verkauft zu haben, als noch die Putzkolonnen wüteten.

Nachteil der geschrumpften FIAC unter einem einzigen Dach: Der Ansturm zur Eröffnung war riesig, vor dem Eingang des Grand Palais bildete sich am frühen Abend trotz Einladung eine Schlange von mehreren 100 Metern. Das sorgte bei den Wartenden für lautes Geschimpfe – während auf den Ständen längst die Champagnerkorken knallten.

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