Tops und Flops - New York

Jahrmarkt-Rummel

Welche Neueröffnungen muss man sehen, welche Künstler haben wichtige Arbeiten geliefert – art-Korrespondentin Claudia Bodin trennt die Spreu vom Weizen im New Yorker Kunstherbst.

Die Neueröffnungen

Zwei neue Galerien im selben Haus, zwei bekannte Kunsthändler und zwei New-York-Auftritte, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Dominique Lévy und Emmanuel Perrotin.

Zum Auftakt der Herbstsaison eröffnete die in der Schweiz geborene Dominique Lévy, die bis vor kurzem in Partnerschaft mit Robert Mnuchin in New York L&M Arts betrieben hatte, ihre eigene Galerie in einem eleganten Townhouse an der Madison Avenue auf der Upper East Side. Lévy setzte mit Werken von Lucio Fontana, Yves Klein und Cy Twombly auf poetische Momente und lud in einer Kirche auf der Madison Avenue zu Yves Kleins ”Monotone-Silence Symphony” ein. Für 20 Minuten hielten Orchester und Chor einen Akkord, dem 20 Minuten der absoluten Stille folgten.

Der Franzose und Showman Emmanuel Perrotin, der für seine New-York-Filiale die beiden unteren Etagen von 909 Madison Avenue belegt, entschied sich natürlich für das genaue Gegenteil. Durch die im Vergleich zu anderen Groß-Galeristen bescheidenen Galerieräume des Townhouses rollen mit bunten Federn besetzte Bären der italienischen Künstlerin Paola Pivi. Zur Eröffnung liefen ein mit Damenhut herausgeputzter Pharrell Williams, sein Hip-Hop-Kollege Swizz Beatz, der mit einem T-Shirt mit Yves-Saint-Laurent-Logo Markenbewusstsein demonstrierte, und der Street-Artist J.R. auf. Ebenso wie Sammler Peter Brant, Simon de Pury, Michael Ovitz oder Modedesigner Olivier Theyskens. Auch der wesentlich entspannter aussehende Jeffrey Deitch, der in der Leila Heller Galerie in Chelsea beratend bei der Neuauflage seiner interessanten Ausstellung zum Thema Kalligraphie von 1984 und mit der Deitch-Spezialität Street Art tätig war, befand sich unter den Gästen. Ob sich Deitch nach seiner glücklosen LA-Episode als Direktor des MOCA zu Größerem berufen fühlt, bleibt abzuwarten. Über seine Zukunftspläne schweigt sich der frühere Kunsthändler bislang aus.

Im unteren Geschoss von Perrotins Galerie spuckte eine Box von Pivi Dollarnoten aus. Anschließend zog man zu einer dekadenten Karneval-Party mit Champagner, Hummer und Kaviar weiter, bei der die 1000 geladenen Gäste an Jahrmarkt-Spielchen teilnahmen, um Kunst-Nippes von Takashi Murakami, dem Designer KAWS und Daniel Arsham zu gewinnen. Kurzfristig hatte man das Gefühl, nicht mehr in Manhattan, sondern in Miami Beach zur Messezeit zu sein. Der New Yorker Herbst machte wieder einmal klar, dass das Understatement in der Kunstwelt der Vergangenheit angehört. Die reiche Kundschaft will unterhalten und animiert werden, damit die Dollars weiter rollen.

Tops und Flops

Zu den Höhepunkten des Herbstes zählen die neuen Arbeiten der deutschen, in New York lebenden Malerin Charline von Heyl in den neuen Galerien-Räumen von Friedrich Petzel. T.J. Wilcox Hommage an New York in Form von Filmpostern, mit denen die zweite Etage bei Metro Pictures tapeziert wurde und die Wilcox brillante Film-Installation im Whitney Museum (“In the Air”) begleiten. Carol Boves Installationen bei Maccarone, bei denen sie feinfühlig mit Form, Komposition und den Gegensätzen von Materialen spielt. Und Phil Collins deutscher Shopping-Kanal, der bei Tanya Bonakdar auf den Fernsehern in zwei alten Campingwagen läuft und in dem eine junge Frau bekennt: ”Mein Fernsehen, meine einzige wahre Liebe.”

Den Tiefpunkt bietet eine Horde von Schafen des gestorbenen französischen Künstlers François-Xavier Lalanne, die Paul Kasmin auf der stillgelegten Getty-Tankstelle in Chelsea samt Grashügeln aufstellen ließ. Das geschmacklose Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem früheren Superstar-Makler und heutigen Bauunternehmer Michael Shvo, der das Grundstück für 23 Millionen Dollar gekauft hat, um dort noch mehr Luxusapartments bauen zu lassen. Shvo steuerte die Hälfte der Schafe bei und plant, mit seinem neuen “art-themed” Gebäude ein Zuhause für Sammler zu schaffen. ”Ich liebe Chelsea”, sagte Dominique Lévy bei der Eröffnung ihrer Uptown-Galerie, in der sie nur vier bis fünf Ausstellungen im Jahr plant. ”Aber manchmal hat es keine Seele.”

Große Gesten

Downtown geht es mit großen Gesten weiter: Bei Hauser & Wirth bekam der junge, in Brooklyn arbeitende, aus Kalifornien stammende Künstler Matthew Day Jackson die Chance, die gigantische Halle in Chelsea zu bespielen. Der wahllose Titel “Something Ancient, Something New, Something Stolen, Something Blue” spiegelte sich dann auch in der Ausstellung wieder, die niemals zueinanderfinden will. Ein Rennwagen der Familie, das Thema Mond-Eroberung, finstere Landschaftskompositionen aus Stahl, Sägemehl und Holz, der menschliche, verästelte Körper, der eigene Tod. Was die mithilfe des Smartphones und berühmten Vorlagen (unter anderem Auguste Rodins ”Les Bourgeois de Calais”) kreierten Skulpturen mit den anderen Arbeiten, die Kunstklischees wie Mondlandschaften und Skeletts in Glasvitrinen bedienen, zu tun haben sollen, lässt sich nicht erschließen. In erster Linie sind die Arbeiten groß und sehr männlich.

Beim Kollegen David Zwirner auf der 19th Street bleiben die Porträtstudien von Strichjungen, die Philip-Lorca diCorcia vor 20 Jahren am Santa Monica Boulevard fotografiert hat, durch ihr gekünsteltes Licht seltsam leblos. In den Galerieräumen nebenan hat sich Raymond Pettibon mit Collagen, Zeichnungen und Kommentaren, die er direkt auf die Wände schrieb, ausgelebt. “Ihr kauft mehr als meine Arbeiten – Ihr kauft mir Lunch” steht da in all seiner Banalität geschrieben.

Große Namen

In der Gladstone Gallery lädt der mexikanische Künstler Damián Ortega mit von der Decke hängenden Stahlskulpturen zum Schlangentanz. Bei Paula Cooper wurde eine Wandmalerei von Sol LeWitt, die seit der Biennale von Venedig 1988 nicht mehr zu sehen war, installiert. Bei Pace füllen die grinsenden Blumengesichter des chinesischen Künstlers Zhang Huan einen der Ausstellungsräume. Bei Gagosian in Chelsea bleiben die Türen noch bis Ende des Monats geschlossen, weil Richard Serra nach seinem kurzen Gastspiel bei David Zwirner in beiden Galerien neue Arbeiten vorführen wird.

Der Burnout

In der Galerie C24 liefert der in London lebende Künstler Robert Montgomery triviale, dekorative Textbotschaften in Neon, deren Vorlagen er auf Werbetafeln in Berlin, London und Paris fand. Andrew Kreps stellt die deutsche Künstlerin Annette Kelm vor, die in der Gruppenausstellung “New Photography 2013” im Museum of Modern Art vertreten ist. Der Düsseldorfer Künstler Martin Honert zeigt die grauen Gestalten seiner Vergangenheit. Es sind die Lehrer des Internats, das Honert als Kind besucht hatte.

Für jugendliche Revolte sind Greg Haberny mit alberner Trash-Kunst (eine Ratte hinter Glas, eine McDonald´s-Fritten-Packung mit Bleistift-Bouquet) in der Lyons Wier Gallery und eine Truppe von Künstlern zuständig, die Nick Lawrence für den zweiten Teil seiner Gruppenshow “The Decline and Fall of the Art World: The Other 99 Percent” in seiner Galerie Freight + Volume zusammentrommelte. Sie machen sich auf Post-it-Stickern, in Form von Malereien oder Illustrationen über die Mechanismen in der Kunstwelt und ihre Stars lustig. Bei Gavin Brown im West Village zeigt der Norweger Bjarne Melgaard mit Hilfte seines Alter Egos, dem rosaroten Panther, wie sich das Künstlerleben in späteren Jahren anfühlt: einsam, konsumgetrieben und ausgebrannt.

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