Armory Show - New York

Dollars statt Glamour

Auf der 13. Ausgabe der Armory Show präsentieren sich 274 Galerien aus 31 Ländern. Dieses Jahr dreht sich weniger um Sex und Glamour, dafür spielen Dollarnoten eine große Rolle.

Am Times Square lässt ein Brooklyner Künstler anlässlich der Messetage eine Horde Schafe aus Pappmaschee aufmarschieren, und Terence Koh, ein Kind der alten Boomzeiten, scheint für vergangene Sünden Buße tun zu wollen. Über die Dauer von fünf Wochen rutscht der New Yorker Künstler täglich acht Stunden auf Knien um einen Haufen schneeweißer Steine in der Mary Boone Gallery herum und setzt sich in aller Stille so weit wie nur irgendwie möglich vom regen Kunsthandel in der Stadt ab.

Die Armory Show tritt in der 13. Ausgabe mit 274 Galerien aus 31 Ländern, darunter 22 deutsche Vertreter, an. Die Messe erscheint kleinteiliger, die Erkundungstouren durch die Gänge mit Endlosreihen von Mini-Kojen noch mühseliger als in den Vorjahren. Mit David Zwirner und der Pace Gallery, die sich zur Teilnahme an der Messe der Art Dealers Association of America Uptown entschlossen hatten, erteilten zwei der großen New Yorker Häuser der Armory eine Absage. Das Powerhouse von Larry Gagosian ist sowieso nicht dabei, Showman Jeffrey Deitch nach Los Angeles abgewandert. Kritiker Jerry Saltz empfindet den Bühnenwechsel auf den Piers als positiv. "Neue, unbekanntere Galerien bekommen die Chance, sich zu präsentieren", meint Saltz. "Was es für Besucher nicht einfacher, aber interessanter macht." Für viele andere hat die Armory den Charme eines riesigen Supermarktes. Man weiß, in welchem Regal die Butter und in welchem der Lachs zu finden ist, meint eine New Yorker Kunstberaterin.

Auffällig wenig Sex und Glamour sind dieses Jahr im Angebot – und es fehlen die großen Auftritte. Bei Susanne Vielmetter empfängt ein bedrohlich schwarzes Loch von Rodney McMillian (Preis: 65 000 Dollar) die Besucher. Finanzbetrüger Bernie Madoff tobt sich als Dick Rich Man in den Videos von Federico Solmi bei Conner Contemporary Art aus Washington aus. Bei Leo König schmierte Tony Matelli im Staub auf Spiegeln herum. Sam Van Aken verwandelte die Koje von Ronald Feldman Fine Arts mit Kirschbäumen in einen Garten. Die New Yorkerin Phoebe Washburn legte bei Zach Feuer für 6000 Dollar pro Glas Gurken ein. Die Licht-Installation des Briten Peter Liversidge in der Edinburgher Ingleby Gallery läuft mit Energiesparbirnen. So dass der Paul Kasmin Gallery mit ihrem Neon-Zaun von Ivan Navarro (Preis: 40 000 Dollar für zwei Meter), der die leere Koje umschließt und vor dem das Kasmin-Team mit einer Bank kampiert, die große Show gelang.

Ansonsten setzte man lieber auf das Geschäft, das bei vielen Galerien solide gut läuft, so die Galerie Arndt aus Berlin. Lehman Maupin hat die Postkarten-Serie von Gilbert & George mit Preisen von 26 000 Dollar pro Bild im Angebot. In den ersten Stunden waren mehr als 20 Varianten verkauft. Sieben malträtierte Kopfskulpturen aus der "Heads"-Serie des verstorbenen David Wojnarowicz, der durch den Zensurskandal am Washingtoner Smithsonian Institute zu neuem Ruhm kam, gingen bei Andrew Kreps für 300 000 Dollar an einen Sammler. Judy Lybke von Eigen & Art brachte die Schadenfreude-Serie des Schweizer Künstlers Rémy Markowitsch, dessen aus dem Pelz seiner Mutter gefertigte Lämmchen den Messestand bevölkerten, mit und freute sich zum Auftakt über den Verkauf des Bullenkopfes aus den Lederstiefeln des Künstlers (Preis: 38 000 Dollar). Andrew Hahn und das WPA Kollektiv aus Los Angeles lieferten Siebdrucke, auf denen mit Sprüchen wie "Kuratoren haben Visionen" die Kraft der Kunst heraufbeschworen wurde. Bei einem Preis von 2000 Dollar fanden die Drucke schnell Käufer. Den Fußboden hatte die von Künstlern betriebene Galerie "Untitled" mit Pennies von Ry Rocklen im Wert von 576 Dollar ausgelegt, die bei einem Preis von 800 Dollar pro Fliese zu kaufen sind. Beim Art Production Fund gibt es mit Badehandtüchern und Motiven von Künstlern wie Kehinde Wiley oder Tracey Emin und Preisen von 95 Dollar Kunst für das Taschengeld. Gleich neben der VIP-Lounge und dem auf US-Kunstmessen inzwischen obligatorischen Werbestand für Autos kann man wie in einer Boutique zwischen Farbvarianten von Damian Hirsts Schmetterlings-Drucken für 4850 Dollar wählen.

Während sich die 76 Galerien der Modern-Art-Sektion auf dem zweiten Pier der Armory bei einem langsamen Start abmühten, legte die 23. Auflage der von der Art Dealers Association of America organisierten "Art Show" schwungvoll los. Vergleicht man die Armory mit einem Supermarkt, so ist die Grau in Grau gehaltene "Art Show" an der Park Avenue mit 70 Teilnehmern ein Feinkostenladen. David Zwirner, der unübersehbar am Eingang residiert, widmete seine Koje Alice Neel. Von den sieben Arbeiten hatten sich am Eröffnungstag zwei verkauft, darunter "Nancy" von 1980 für 850 000 Dollar. Die Pace Gallery zeigt Arbeiten des chinesischen Künstlers Zhang Huan und war bei Preisen von 50 000 bis 100 000 Dollar schnell ausverkauft. Die New Yorker Galerie Nicole Klagsbrun hatte sich erneut zum Doppelauftritt bei der "Art Show" und der Armory entschlossen. "Die Messen sprechen ein jeweils anderes Publikum an", meint Direktorin Ruth Phaneuf.

Zehn weitere Messen laufen auf Nebenschauplätzen ab. Am beliebtesten bei Kunsthändlern und Besuchern ist die zweite Ausgabe der von Elizabeth Dee gestarteten "Independent" in Chelsea. Auf herkömmliche Kojen wurde wieder verzichtet, die Ausstellungen fließen ineinander. Zwischen Kabeln, Installationen und Tischen, die sich die Galeristen inmitten der Kunst aufbauten, wurden gute Geschäfte getätigt. Zum Erfolgskonzept gehört, dass die Veranstaltung viel mehr an einen Insider-Club als eine Messe erinnert. "Es ist ein anderes Sammler-Publikum als auf der Armory", bestätigte eine zufriedene Philomene Magers, die mit Sprüht Magers das erste Mal dabei ist. "Pulse" verließ die düsteren Pierhallen und quartierte sich unter neuer Leitung in Chelsea ein. Christian Seyde von der Galerie Kleindienst aus Leipzig hatte nach dem Erfolg in Miami wieder seinen Künstler Jens Schubert dabei und importierte mit einem Fußbodenbelag aus Linolschnittplatten (für 15 000 Dollar) ein echtes Stück deutsche Kulturgeschichte. Zufriedene Gesichter auch bei "Volta" auf der 34th Street, die sich mit Einzelshows und nett gemachten Broschüren zu den Künstlern als publikumsfreundlichste Show etablierte. Die Wilde Gallery aus Berlin hatte am ersten Tag fast alle Plattenbau-Arbeiten des deutschen Street Artist Evol verkauft, dessen triste Berlin-Collagen auf Pappkartons mit Preisen von 4500 Dollar starten. Auffällig viele Künstler setzen Geldnoten, mit Vorliebe Dollarscheine, in ihren Arbeiten ein, so dass die Macht des Geldes niemals in Vergessenheit gerät

Auch der Künstler Reed Seifer, der die Armory-Besucher 2010 mit einem Duft-Spray beglückt hatte, ist dieses Mal mit Ein-Dollar-Noten vertreten, auf die er den banalen Slogan "New York Is A Lot Of Work" drucken ließ. Die signierten Noten in einer Auflage von 1000 Stück kosten bei Seifer 25 Dollar. Die Besucher schlugen zu. Und Seifer verwandelt eine Investition von 1000 in 25 000 Dollar. Ein wahres New Yorker Messe-Kunststück.

Armory Show

3. bis 06. März 2011
http://www.thearmoryshow.com/cgi-local/content.cgi

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