VIP Art Fair - Messe

Leise gurgelt der Computer

art-Korrespondentin Claudia Bodin hat die zweite "VIP Art Fair", eine virtuelle Kunstmesse, besucht. Anders als im letzten Jahr stürzt diesmal (fast) nichts ab, und die Galeristen sind zufrieden mit der Art, neue Käufer zu gewinnen.

Das Schöne an einer Online-Messe ist ja, dass man sie auch mit Grippe vom Bett aus besuchen kann. Und so begab ich mich auf Tour. Die erste Ausgabe der ”VIP Art Fair” im vergangenen Jahr ging als einer der größten Flops des Kunstmarktes in die Geschichte ein. Dementsprechend bemüht waren die beiden Mitbegründer, das New Yorker Galeristen-Paar Jane und James Cohan, bei der zweiten Ausgabe. Journalisten, die 2011 über die Pannen-Veranstaltung berichtet hatten, wurden persönlich angeschrieben und zu Online-Touren eingeladen.

Der Auftakt war dröge. Galeristen wie der sonst unterhaltsame Leo Koenig stellten in Videos artig ihr Programm vor. Ausgerechnet Sammler Adam Lindemann, der sich zuletzt mit einer Absage an die ”Art Basel Miami Beach“ in seiner Kolumne im ”New York Observer“ hervorgetan und darin erklärt hatte ”ich weigere mich, eine Arbeit zu kaufen, die ich nicht persönlich gesehen habe“, wurde ausgewählt, um neue Sammler zu motivieren. ”Nichts reicht daran, in eine Galerie zu gehen“, meint Lindemann in seinem Beitrag für die Online-Messe. Womit er Recht behalten soll. ”VIP 2.0” läuft technisch glatt, ohne großartige Pannen. Mit wechselnden Großaufnahmen werden ausgewählte Arbeiten und Galerien angepriesen. Eine Uhr zählt die Tage, Stunden und Minuten, in denen man sich durch den Kunstmarkt klicken kann. Damit sich das Ganze persönlicher anfühlt, kann man zwischen unterschiedlichen Avatar-Modellen wählen. Die Figur hilft, ein Gefühl für die Größe der Arbeiten zu bekommen. Man kann sich in die Werke hineinzoomen, viele Galerien liefern Texte zu Arbeiten und Künstlern. Und vor allem sieht man die Preisklassen. Was das ganze Kunstgeschäft ein wenig transparenter macht.

Ich entscheide mich für eine langhaarige Dame mit Pumps als Avartar und klicke los. Die Kunst, die Welt scheint von meinem Bett aus zum Greifen nah. Ich surfe mich durch die unterschiedlichen Sektionen. Wie auf einer klassischen Messe gibt es auf der ”VIP 2.0” eine Rangordnung, die mit den ”Premiere Large”-Galerien beginnt und bei ”Emerging“ und ”Focus“ mit Einzelausstellungen endet. Wie 2011 sind viele renommierte internationale Galerien dabei sowie exotischere Standorte wie São Paulo, Mumbai, Mexiko City oder Seoul. Schließlich sollen mit dieser Messe neue Märkte erschlossen werden. ”White Cube“ zeigt wunderschöne Kohle- und Kreide-Zeichnungen des britischen Künstlers Gary Hume (mit Preisen ab 25 000 Dollar und 25 000 britische Pfund). Gagosian bleibt bei Damien Hirst und seinen Dot-Paintings, die online noch weniger Strahlkraft als in den Galerieräumen haben. Die Drucke in Hunderter-Auflagen sind mit Preisen von 3 000 bis 7 000 Dollar im Angebot. Zwei meiner Favoriten, ein Porträt der Fotografin Katy Grannan und die ”Rooftops“ von Ed Ruscha bei der Fraenkel Gallery aus San Francisco, die ich bereits bei der Preview ausgewählt hatte, sind nicht mehr zu haben. Bei David Zwirner finde ich eine wunderbar respektlose Regal-Installation mit Cowboyhut und einer Sammlung von Keramik-Eseln von Jason Rhoades (Preisklasse: 400 000 bis 500 000 Dollar), die vorführt, dass man Werke trotz Zoom-Funktion, Ansichtsfotos und hochhackigem Avatar mit eigenen Augen sehen, umkreisen und erfahren möchte.

Es mag an grippebedingter Benebelung oder an technischem Unverständnis liegen. Aber als ich zum ersten Mal mit einer Galerie chatten will, ist mir nicht klar, ob meine Nachricht überhaupt übermittelt wird. Ein unerklärlicher Knopf zeigt mal Rot (”Disconnected”) und dann wieder Grün (”Available“) an. Also entschließe ich mich dazu, mich im Privat-Raum von James Cohan mit Videos von Bill Viola abzulenken. Gerade Violas Arbeiten leben von den räumlichen Installationen, von ihrer Größe, vom Sound, der einen umgibt. Dennoch verweile ich überraschend lange bei den Arbeiten und lasse Violas ”Isolde's Ascension (The Shape of Light in the Space After Death“) leise auf meinem Computerbildschirm vor sich dahinsprudeln und gurgeln.

Bei meiner Rückkehr zum Messebetrieb finde ich tatsächlich ein paar Antworten auf meine Anfragen. „Es läuft gut...wir haben einige gute neue Kontakte und direktes Interesse an den Arbeiten. Die Internetseite läuft seit Beginn stabil, und die Präsentation kommt sehr gut an“, schreibt Anne Schwanz von Eigen+Art aus Berlin und Leipzig. Die Galerie ist mit ”Metrum“ des Malers David Schnell (Preisklasse 75 000 bis 100 000 Euro) auf Platz eins und später zwei der von den Besuchern am häufigsten in bei ihren privaten Touren gesicherten Arbeiten vertreten. Neben so schönen Werken wie Lucia Kochs Innenaufnahme einer Kaffee-Tüte (”Café Extra-Forte” in der Galeria Nara Roesler aus São Paulo). Auch die Galerie Arndt aus Berlin spricht von einer zufrieden stellenden Messe. ”Neben diversen neuen Kontakten konnten wir bereits am ersten Messetag eine Arbeit von Sophie Calle verkaufen“, so Tobias Sirtl. Ein ähnliches Echo kommt von VIP-Gründerin Jane Cohan, die eine Skulptur von Yinka Shonibare verkaufte. Leider verschwindet unsere Chat-Korrespondenz nach einer Weile aus dem System, was schon bei der ersten Messe ein großes Ärgernis war. Weshalb ich wieder auf altmodische Emails umsteige. Augusto Arbizo von der Lower-East-Side-Gallery ”Eleven Rivington“ in New York liegt mit drei Verkäufen, darunter Michael DeLucias ”Tune Planes“ für 10 000 Dollar gut im Rennen. Die Galerie ”Carbon 12“ aus Dubai sieht in ”VIP 2.0” eine Gelegenheit, neue Sammler zu treffen. Die Rechnung scheint aufzugehen. Neben einem Verkauf (eine Arbeit des Portugiesen Gil Heitor Cortesao) hätte man exzellente Kontakte gemacht. ”Es würde mich nicht wundern, wenn es uns gegen Ende neue Sammler bringt“, schreibt Kourosh Nouri.

40.000 Besucher soll die erste VIP-Ausgabe gezählt haben. Was dazu führte, dass die Server zusammenbrachen und die Geschäfte zum Erliegen kamen, bevor es überhaupt losgegangen war. Um sich nicht die Kontakte zu ihren Kollegen zu verderben und die Galerien auch für dieses Jahr wieder an Bord zu bekommen, erstattete die Messe damals die Hälfte der digitalen Standgebühren von bis zu 20 000 Dollar zurück. Im April startet außerdem die ”VIP Paper“ mit Papierarbeiten, im Juli folgt die ”VIP Photo” und im September eine ”VIP Vernissage“. Dabei ist bereits der Gedanke ermüdend, noch mehr Zeit als sowieso schon vor dem Computer verbringen zu müssen. Die weltweit immer noch wichtigste Messe, die ”Art Basel”, zählte 2011 einen Rekord von 65 000 Gästen – eine Zahl, die die VIP-Mannschaft übertreffen will.

Ein neues Technikerteam wurde engagiert. Und eine neue Chefin, die mit Kunst bis dahin wenig zu tun hatte. Dafür aber mit E-Commerce und dem Verkauf von Windeln und Drogerie-Markt-Produkten. Lisa Kennedy leitete Quidsi Inc., eine der am schnellsten wachsenden Internet-Ladenketten in den USA, zu denen Soap.com und Diapers.com gehören. Dabei beteuert VIP-Gründer James Cohan in einem der Filme auf der Site, dass es gar nicht um das Geschäft geht. ”99 Prozent unserer Besucher werden niemals etwas von uns kaufen“, sagt Galerist Cohan. ”Wir sind im Grunde Pädagogen. Ein Teil der Idee hinter der VIP-Messe ist die Gelegenheit, den Leuten zeitgenössische Kunst, näher zu bringen.“ Nach Mitternacht sind bei Jane und James Cohan noch die grünen Lichter an. Sie stehen für Chats zur Verfügung. Schließlich wollen sie das Kunstgeschäft revolutionieren.