Amy Cappellazzo - Interview

Eine stille Revolution

Sie war einer der Motoren hinter Christie's Aufstieg zum Marktführer: Als Amy Cappellazzo erst ihren Posten als Chefin der Abteilung für Nachkriegs- und zeitgenössische Kunst verlassen hat und schließlich nach 13 Jahren bei Christie's kündigte, war es das nächste Anzeichen dafür, dass sich der Kunstmarkt weiter verändert.

Die als radikale Vordenkerin bekannte Amy Cappellazzo steckte hinter rekordbrechenden Auktionen und Christie's groß angelegter Andy Warhol Online-Versteigerung. Die New Yorkerin tat sich mit dem in der Branche angesehenen Art Advisor Allan Schwartzman zusammen, um ihre eigene Kunstberatungsagentur zu gründen:

Sie wollen mit Ihrer Agentur nicht nur Sammler und Stiftungen beraten, sondern auch etablierte Künstler. Das ist ein Novum in der Kunstbranche und gewöhnlich der Job des Galeristen.

Es ist nicht unser Haupt-Fokus und macht nur einen kleinen Anteil unseres Geschäfts aus. Wir kennen viele Künstler, die sich an einem Punkt in ihrem Leben befinden, wo sie ihren Markt, den Wert ihrer Arbeiten und ihre Zukunft näher betrachten und überlegen, ob es eine Strategie gibt, die ihr Geschäft beeinflussen könnte. Wir hatten einige sehr interessante Anfragen von führenden Künstlern, mit denen uns Freundschaften verbinden. Ich bin mir sicher, dass wir auf dieser Basis mit ihnen arbeiten werden. Ehrlich gesagt, wollen zu viele Künstler mit uns arbeiten. Aber wir können nicht allen helfen, auch wenn wir das gern würden.

Ein Künstler braucht heutzutage also eine Businessstrategie?

Es gibt viele wunderbare Künstler mit einer wunderbaren Karriere, aber sie könnten noch besser dastehen. Nicht nur am Markt, sondern auch bei den Kritikern. Also lautet die Frage: Wie hilft man ihnen, damit es besser läuft? Sollten Sie Ausstellungen im Ausland haben? Brauchen sie einen weiteren Galeristen, der sie in anderen Teilen der Welt repräsentiert? Sollten sie ihre Werke besser aufbereiten?

Werden die klassischen Grenzen und Aufgabenbereiche von Galeristen, Kunstberatern und Auktionshäusern, die auch private Deals einfädeln, immer fließender?

Alles befindet sich im Wandel. Und dabei gibt es nicht ein einziges Business, das den Sammler in den Mittelpunkt stellt. Das ist nicht bei den Auktionshäusern der Fall und nicht bei den Galeristen, deren Zentrum der Künstler darstellt. Diese Lücke werden wir mit unserer Agentur füllen. Wir beraten Sammler, sei es bei Transaktionen auf höchstem Niveau oder indem wir die Kunst als Vermögensposten betrachten. Die Kunst ist ein großes Geschäft geworden, der Markt ist explodiert. Es handelt sich nicht mehr um saloppe Verkäufe. Die Einsätze sind hoch, alles ist so viel mehr wert.

Was war für Sie der entscheidende Moment, in dem sich der Markt veränderte?

Das war 2004, 2005. Es handelte sich um eine stille Revolution, als die Banken Kunstwerke als Sicherheit akzeptierten, um Geld für erstklassige Immobilien zu verleihen. Auf einmal konnte man Werke zu Geld machen. In dem Moment, in dem man sich Geld gegen Kunst leihen kann, wird es eine komplett andere Anlage. Das hat nichts mehr mit Sammeln als lukratives Hobby zu tun, das man mit seiner Familie betreibt.

War dies der Moment, als neue und vor allem Sammler aus aller Welt im Kunstmarkt einstiegen?

Das was eine zunehmende Entwicklung. Aber ich werde niemals die Auktion in 2003, 2004 vergessen, als auf einmal Aktivitäten aus Korea starteten. Sie waren die ersten ernsthaften Sammler aus Asien. Es handelt sich nach wie vor um großartige Sammler mit einer Vorliebe für Minimalismus und westliche zeitgenössische Kunst. Dann sahen wir mehr Aktivität aus Lateinamerika, aus anderen asiatischen Ländern, aus Russland und dem Mittleren Osten. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass wir in den vergangenen 30 Jahren die bislang größte Anhäufung von Reichtum erlebt haben. Es gibt mehr reiche Menschen als je zuvor auf der Welt.

Was in spektakulären Verkäufen und Auktionen resultiert.

Die Leute lieben ganz einfach das Marktspektakel genauso, wie sie sich darüber auslassen, was Beyoncé am Wochenende angestellt hat. All das trübt und verschmutzt die anderen Aspekte in der Kunst. Der Markt ist ein Weg, Kunst zu verstehen. Mich interessiert darüber hinaus die kulturelle Bedeutung von Werken im Laufe unserer Zeit, der kulturelle und mehr oder weniger spirituelle Inhalt.

War das der Grund, warum Sie nach so langer Zeit Christie's verlassen haben? Sie genossen dort doch alle möglichen Freiheiten.

Ich konnte unternehmerisch in einer großen Firma agieren, was nicht immer einfach ist, und wusste das sehr zu schätzen. Ich denke, Christie's würde mit mir übereinstimmen und sagen, dass ich für das Unternehmen viel wert war: Ich habe gute Deals gemacht, gutes Geld verdient, versucht, die Spielregeln ein wenig zu verändern, um das Unternehmen nach vorn zu bewegen. Jetzt werde ich das für mich selbst und meine eigene Firma mit meinem Partner machen. Ich habe das Gefühl, dass sich die Dinge verändern. Eine große, bekannte Marke zu sein hat nicht mehr den gleichen Wert. Denn es macht es so viel schwieriger, schnell und beweglich zu bleiben, um gute Entscheidungen zu treffen.

Die großen Galerien sind inzwischen große Unternehmen.

Und sie haben einen enormen Kostenapparat. Aber sie scheinen das Geschäftsmodell zu sein, dass im Moment funktioniert. Sie besitzen Markenpower, können globales Marketing machen. Galerien wie Gagosian und Zwirner leisteten ganze Arbeit, ihre Marke zu entwickeln. Für mich persönlich gibt es nach 13 Jahren mehr Möglichkeiten außerhalb eines großen Unternehmens als innerhalb. Die heutige Zeit erinnert mich an die Finanz-Industrie vor 15 Jahren, als die Banken ihre Talente an die Hedgefonds verloren und jeder, der wirklich gut war, die Banken verließ, um etwas eigenes auf die Beine zu stellen.

Bei der Kunstbranche handelt es sich ja um ein sehr traditionelles Geschäft.

Es überrascht mich immer wieder, wie konservativ das Geschäft wirklich ist. Man möchte glauben, dass es sich um bewegliche Firmen handelt, die auf dem neuesten Stand sind, die Strategien für die Zukunft entwickeln. Aber das ist absolut nicht der Fall.

Die Galerien funktionieren nach wie vor nach den alten Regeln.

Als wir jünger waren, warteten wir zwei Jahre auf das nächste Album unserer Lieblingsstars. Wenn es endlich herauskam, hörten wir uns die zwölf Songs wieder und wieder an. Um dann wiederum zwei Jahre auf das nächste Album zu warten. So hört heute keiner mehr Musik. Man lädt sich Song für Song auf iTunes runter. Ähnlich wird es in der Kunstwelt laufen, wo man zwei, drei Jahre darauf wartet, dass der Künstler eine Ausstellung mit vielleicht zwölf neuen Arbeiten hat. Ich glaube nicht, dass es sich um ein zeitgemäßes Modell handelt.

Wie wird es stattdessen ablaufen?

Künstler werden sich die Freiheit nehmen, zu arbeiten wie sie wollen. Wenn sie eine einzelne Arbeit zu einer Messe schicken wollen, dann machen sie das auch – ohne eine komplette neue Serie präsentieren zu müssen oder ein zusammenhängendes Oeuvre zu planen. Das war der einzige Weg, zu arbeiten. Heute ist es nur einer der Wege.

Die traditionelle Beziehung zwischen Galerist und Künstler verändert sich ebenfalls?

Die Künstler fühlen sich so emanzipiert, dass sie sich selbst präsentieren. Einige von ihnen denken unternehmerischer. Wer sich heute in New York Arbeiten von jungen, aufstrebenden Künstlern ansehen will, besucht sie direkt in ihren Ateliers. Für einige Künstler fühlt sich die Partnerschaft mit einem Galeristen wie eine Ehe an – aber sie wollen gar nicht heiraten.

Also handelt es sich bei dem Galeriensystem um ein auslaufendes Modell?

Es ist ein ineffizientes Distributionssystem. Ich will es nicht generell sagen, aber wenn man sich junge Künstler ansieht und wie sie arbeiten, zeichnet sich ab, dass sich das System und das Spiel verändert. Gewöhnlich setzen Veränderungen mit einer neuen Generation ein.

Wenn Künstler unabhängig von Galeristen arbeiten, werden Berater wie Sie wichtiger.

Ich wünsche mir, dass alle stark bleiben: die Auktionshäuser, die Kunsthändler, der komplette Markt. Nur die stärksten werden den Wechsel überstehen. Je mehr sich auf dem Markt befindet, desto mehr verlangt der Markt auch. Der Grund, warum die Sammler so an Nachkriegs- und zeitgenössischer Kunst interessiert sind, liegt darin, dass viele ihr Geld in der heutigen Zeit gemacht haben. Was heißt, dass sie die gegenwärtige Kultur mehr interessiert als etwas, was sich vor 200 Jahren ereignet hat. Ein anderer Grund ist, dass man tatsächlich eine Sammlung zusammenstellen kann. In anderen Bereichen muss man Jahre warten, um geeignete Exempel zu finden, um seine Sammlung zu ergänzen. Damit ist sie weniger lebendig, weniger dynamisch.

Haben wir bei all den Rekordpreisen nicht langsam den Höhepunkt des Marktes überschritten?

Es ist schwierig zu sagen, wo wir uns in diesem Zyklus befinden. Aber ich würde sagen, der Markt ist kräftig, und er wird es bleiben.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de