Herbstauktionen - New York

Lebhafte Zeiten

Sotheby's hat den besten Abend in der Geschichte des Hauses seit der Gründung 1744, Christie's verkauft mit 412,3 Millionen Dollar an einem Abend so viel wie nie zuvor bei einer Auktion in der Kategorie Post-War und Zeitgenossen weltweit.
In einer anderen Liga:Herbstauktionen übertreffen Erwartungen

Auktion bei Sotheby's mit Mark Rothkos "No. 1 (Royal Red and Blue)", 1954, Öl auf Leinwand

Nach einem schwachen Auftakt bei den Impressionisten und der klassischen Moderne schienen die New Yorker Auktionen für zeitgenössische Kunst eine Woche später in einem anderen Kunst-Universum stattzufinden: Mit 375 Millionen Dollar fuhr Sotheby's in einem bis auf den letzten Platz gefüllten Auktionssaal das beste Ergebnis in der Geschichte des Hauses ein.

Der bisherige Haus-Rekord stammt aus Boomzeiten von 2008 und lag bei 362 Millionen Dollar. "Der Rekord-Verkauf bringt uns auf Kunst im Wert von einer Milliarde Dollar, die wir 2012 global verkauft haben", erklärte Tobias Meyer. Sein Kollege Alexander Cotter betonte, dass Sammler aus aller Welt mitgeboten hatten. "Die Auktion hat uns gezeigt, wie lebhaft der Markt ist."

Angeführt wurde der Abend von Mark Rothko’s "No.1 (Royal Red and Blue)", das nach langem Gefecht zwischen fünf Bietern und schließlich zwei Telefonbietern bei 75,1 Millionen Dollar unter den Hammer kam. Damit ist es nach "Orange, Red, Yellow" (für 86,9 Millionen Dollar) der zweitteuerste Rothko, der auf einer Auktion versteigert wurde. Zum weiteren Erfolg des Abends trugen acht Werkte aus der Sammlung vom aus Milwaukee stammenden Geschäftsmann Sidney Kohl und seiner Frau Dorothy bei. Darunter Pollocks kleinformatiges Drip Painting "Number 4, 1951", das der Psychiaterin des Künstlers, Ruth Fox, gehört hatte und 40,4 Millionen Dollar erzielte, oder Willem de Koonings "Abstraction" von 1949 für 19,6 Millionen Dollar. Mit Arbeiten von Franz Kline, Hans Hofmann und Arshile Gorky aus dem Kohl-Fundus wurden neue Rekorde erzielt. Insgesamt brachte die Sammlung 101,3 Millionen Dollar ein.

Francis Bacon's teuflische Papst-Studie "Untitled (Pope)" verkaufte sich für 29,7 Millionen Dollar. Von Gerhard Richter waren vier Arbeiten im Angebot, angeführt von "Abstraktes Bild (712)" von 1990 für 17,4 Millionen Dollar. Andreas Gurskys Skipiste "Engadin II" fand ebenso wie Arbeiten von Ed Ruscha, Jeff Koons und Richard Prince keinen Käufer. Andy Warhol war mit Werken aus der Disaster-Serie vertreten – sie brachten insgesamt 54 Millionen Dollar ein. Darunter eines von Warhols ersten Car-Crash-Bildern, "Green Disaster (Green Disaster Twice)", das für 15,2 Millionen Dollar an Sammler Peter Brant ging, und "Suicide", dem das Foto eines Mannes, der von einem Hochhaus springt, als Vorlage diente, für 16,3 Millionen Dollar.

Dass man bei Warhol auch mit Kleinkram Geld machen kann, hatte am Vortag Christie's mit der Versteigerung von 345 Fotos, Drucken, Malereien und Arbeiten auf Papier aus dem Bestand der Warhol Foundation vorgeführt. Die Bieter in New York traten gegen Online-Gebote aus Ländern wie Italien, Israel oder Puerto Rico an. Die Versteigerung von Polaroids und Schnappschüssen aus Factory-Zeiten erinnerte ein wenig an Auktionen, bei denen der Nachlass alter Hollywoodstars verscherbelt wird, und man wartete auf den Moment, in dem Warhols Perücken unter den Hammer kommen würden. Bei der Polaroid-Serie zeigte sich, dass ein Bild von Arnold Schwarzenegger (mit 32 000 Dollar) mehr einbringt als Dennis Hopper (30 000 Dollar) und dass Jean-Michel Basquiat und der Meister selbst ("Self Portrait with Fright Wig" für 50 000 Dollar) über allem stehen. Alberto Mugrabi saß mit unbeweglicher Mine im Auktionsraum, um die Geschäfte zu verfolgen. Seine Familie besitzt die größte Warhol-Sammlung weltweit und hatte der Foundation vergeblich das Angebot gemacht, die komplette Sammlung zu kaufen. Angeführt wurde der Großverkauf von dem Print "Endangered Species: San Francisco Silverspot" für 1,2 Millionen Dollar und einer Papier-Collage mit Jacqueline Kennedy für 620 000 Dollar.

Der Abend bei Christie's spielte mit 412,3 Millionen Dollar nicht nur das beste Ergebnis des Hauses für den Verkauf von Nachkriegs- und zeitgenössischer Kunst ein, sondern in der weltweiten Auktionsgeschichte. 74 Lose wurden verkauft. Angeführt wurde der Abend von Warhols symbolträchtiger Freiheitsstatue für 43,7 Millionen Dollar. Es folgte Franz Kline, dessen Rekord vom Vorabend bei Sotheby’s (9,3 Millionen Dollar) nicht nur gebrochen, sondern mit einem großformatigen dramatischen Schwarz-Weiß-Gemälde von 1957 und einem Hammerpreis von 40,4 Millionen Dollar mehr als vervierfacht wurde. Jeff Koons glänzender Tulpenstrauß aus poliertem Stahl ("Tulips" von 1995/2004), der vor der Tür von Christie's als Touristenattraktion diente und von der Nord/LB aus Hannover verkauft wurde, brachte 33,6 Millionen Dollar. Mit 20 Millionen hatte man gerechnet, das Geld soll in ein neue Kulturstiftung für Norddeutschland fließen. 2,5 Millionen Dollar hatte die Nord/LB 2002 für die Skulptur, mit der Koons "Lebensenergie" feiern will, gezahlt.

Ein Fischer von Jean-Michel Basquiat von 1981 erzielte den Rekord von 26,4 Millionen Dollar, Andy Warhols "Marlon" Brando als Gangleader in "The Wild One" 23,7 Millionen Dollar – den Zuschlag erhielt ein Mitglied der Nahmad-Familie. Auch Gerhard Richter gehörte mit "Abstraktes Bild (779-2)" für 15,3 Millionen Dollar zu den zehn Toplosen. Nur wenige Werke sollten an diesem Rekordabend als unverkauft zurückgehen, darunter der von Hedgefund-Milliardär und Sammler Steven Cohen eingelieferte Richter "Prag 1883" und Richters "Große Teyde-Landschaft".

Acht Künstler-Rekorde wurden erzielt, darunter 2,8 Millionen Dollar für Richard Serras "Schulhof´s Curve" von 1984. Zu den Überraschungen zählte der Rekord für den jungen LA-Künstler Mark Grotjahn: 4,1 Millionen Dollar für einen seiner Schmetterlinge "Untitled (Red Butterfly II Yellow Mark Grotjahn P-08 752)" in leuchtendem Rot. "Die Energie des globalen Marktes war enorm", versuchte Christie's Europa-Chef und Auktionator Jussi Pylkkanen, den Erfolg des Abends zu erklären. "Erstaunlich", lautete der Kommentar des LA-Galeristen Tim Blum zum Erfolg seines Künstlers Grotjahn. Zu den Rekordverkäufen des Abends meinte er nur: "Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich dazu sagen soll."