Art Forum Berlin - Messerundgang

Gemischtwarenladen der gehobenen Klasse

Das Berliner Art Forum zeigt gute Qualität, aber weniger Risikofreude. Aus der Entdeckermesse ist eine schicke Verkaufsschau geworden – und das ist vielleicht auch gut so

Der Messetermin hätte kaum ungünstiger ausfallen können. Während sich das Vernissage-Publikum zum „Art Forum“ unterm Funkturm aufmachte, rüsteten sich Tausende von Profi- und Amateursportlern für den Berlin-Marathon. Die Hotels waren ausgebucht, die Innenstadt weiträumig abgesperrt. Dazu kamen sintflutartige Regenfälle und völlig überforderte Taxifahrer. So geriet jeder Abstecher zu einer Veranstaltung des Rahmenprogramms zur Odyssee. Partygäste blieben stundenlang im Verkehr stecken oder erschienen tropfnass beim Sammlerempfang. Doch das dämpfte die gute Stimmung kaum. Berlin, das wurde an diesem verlängerten Messewochenende deutlich, hat auch in Kunstmarkt-Angelegenheiten die Nase inzwischen vorn.

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Strecken Teaser

Auf dem „Art Forum“ drängten sich am Eröffnungstag internationale Sammler und Kuratoren durch die Stände der 136 Galerien. Wie schon in den Jahren zuvor gab es wesentlich mehr Bewerber als Kojen. Die Auserwählten brachten meist eine bunte Mischung ihres Galerieangebots mit. Das Schwergewicht lag auf Malerei, Zeichnung, Fotografie und Video. Auffallend viele hatten aktuelle Documenta-Teilnehmer im Gepäck. So nahm Mehdi Chouakri neben Markus Sixay und Sylvie Fleury die Darmstädter Minimal-Art-Pionierin Charlotte Posenenske ins Programm. Die Brüsseler Galerie Erna Hecey präsentierte Bilder von Eleonor Antin und Peter Friedls Tiger-Video.

Einzelpräsentationen wie die am Stand von Anselm Dreher waren selten. Der Berliner Galerist, der im November 40-jähriges Jubiläum feiert, hat seine Koje von Folke Köbberling und Martin Kaltwasser gestalten lassen. Für ihre „IFA“-Installation baute das Künstlerduo aus zurückgelassenem Messeschrott der Funkausstellung einen Recycling-Stand inklusive Leuchtwand, Beratungstresen und begehbaren Turm – ein schöner Kommentar zur Wegwerfgesellschaft und zur Ware Kunst, der für 40 000 Euro zu erwerben ist. Auch der Stand der Düsseldorfer Galerie Sies + Höke fiel aus dem Rahmen. Dort hatte der belgische Künstler Chris Martin als Ausstellungsraum ein ausgebranntes Haus mit schwarzen Wänden entworfen, in dessen „Vorgarten“ sich die skurrilen Stofffiguren von Jon Pylypchuk tummelten. Und Thaddaeus Ropac zeigte an seinen Riesenstand eine Installation aus weiß lackierten Ölfässern und Neonkreisen von Lori Hersberger (Ohne Titel, 2007, 70 000 Euro).

Die großen Galerien aus New York und London waren auch diesmal nicht gekommen. Aber kleinere, innovative Händler wie die New Yoerker Galeristin Elizabeth Dee, die auch dem diesjährigen Auswahlgremium angehörte. Und sie sorgte mit einer kuriosen Videoarbeit der Künstlerin Miranda Lichtenstein für Aufmerksamkeit. „Trance Dance“ dokumentiert die rituellen Tanzvergnügen junger Amerikaner, die sich mit verbundenen Augen zu Technobeats in Trance tanzen. Auch am Stand der Berliner Produzentengalerie Amerika, die ab November von Sebastian Klemm unter eigener Regie weitergeführt wird, gab es Außergewöhnliches zu entdecken, etwa die Teerbilder von Peggy Buth (ab 4000 Euro) oder ihre Videoinstallation im Biedermeierschrank, die sich auf subtile Art mit dem Thema Kolonialismus auseinandersetzt.

Die Berliner Platzhirsche Contemporary Fine Arts begnügten sich in diesem Jahr mit einer relativ kleinen Koje, in der sie Gemälde und Bronzen von Jonathan Meese und Collagen ihres neuen Jungstars Dash Snow zeigten. Die Galerie Crone präsentierte stolz ihren Neuzugang Norbert Bisky, dessen Gemälde im letzten Jahr noch am Stand von Michael Schultz zu sehen waren.

Insgesamt machte die Messe diesmal weniger den Eindruck eines Entdecker-Forums, wie es die Macher immer wieder mantraartig beschwören, sondern eines Gemischtwarenladen der gehobenen Klasse. Es geht ums Geschäft – und das ist gut so, würde der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit wahrscheinlich sagen. Erstmals seit 1999 zeigte sich Sotheby's wieder zur Messe in Berlin. In einer stilvollen Villa in Mitte lud das Auktionshaus zur Vorbesichtigung der Auktionsware für London – ein Indiz, dass man dem "Art Forum"-Publikum wieder erhöhte Kaufkraft zutraut. Wowereit eröffnete die Messe und entschwand dann zum Party-Marathon. Den gab es trotz Verkehrschaos und Regen. Viele etablierte und neue Galerien luden an diesem Wochenende zu Eröffnungen in der Kochstraße, Lindenstraße, Charlottenstraße ... In der Heidestraße schwitzten die Massen in der "Beachhölle" mit Topless-Bardamen der Künstlergruppe Artist Anonymous, die ihre AA Gallery eröffneten.

Zudem öffneten Berlins Sammler ihre Türen: Axel Haubrok zeigte in seinem neuen Showroom am Strausberger Platz eine Installation der Koreanerin Haegue Yang, Peter Heimer in der Potsdamer Straße Jeppe Hein. Und den ganz großen Bahnhof veranstaltete Jan Wentrup und Carlos Brandl. Der Jung-Galerist und der Berliner Sammler luden zum Open House in ihre Loftapartments im alten Postgebäude in Charlottenburg. Da lümmelte sich dann bei Champagner und Shrimp-Cocktails Kunstvolk und Sternchen wie Nadja Auermann auf dem Sofa und bestaunten Brandls eklektische Hängung von Dix neben Mapplethorpe, Giacometti neben Majerus und Kuzama neben Tokarski. Da kam tatsächlich ein bisschen Miami-Flair auf im verregneten Berlin.

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