Fazit zur Art Cologne 2008

Mehr Kölsch als Kunst

150 Galerien nehmen an der 42. Ausgabe der Traditionsmesse "Art Cologne" teil – was fehlt, sind große, internationale Namen – und Überraschungen. Gut verkäufliche Flachware und ein überwiegend rheinländisches Publikum bestimmen das Bild. Ein erstes Fazit
Mehr Kölsch als Kunst:weniger Galerien und verjüngtes Programm

Stephan Balkenhol: "Thron", 2007 – Galerie Löhrl

Am Eröffnungsabend scheint zunächst alles wie gehabt: Ein überwiegend rheinländisches Publikum drängt um die Bierstände, am Stand der Galerie Thomas knallen die Champagner-Korken, im Open-Space vergnügt sich die junge Szene beim Telekunst-Shopping.

Und mitten drin steht Gérard Goodrow mit dem Sektglas in der Hand und lässt sich von seinen Freunden herzen. Doch der Schein trügt. Goodrow ist nicht mehr Chef der Messe, sondern lässiger Besucher (er arbeitet jetzt für das Auktionshaus Philips und wirbt für deren neue Dependance in Köln). Der neue künstlerische Leiter der "Art Cologne", Daniel Hug, tritt sein Amt offiziell erst am 1. Mai an und gehört als Galerist aus Los Angeles diesmal noch zu den Teilnehmern.

Mit 150 Galerien hat sich die Teilnehmerzahl noch einmal verringert. Erstmals erstreckt sich die Messe statt über vier nur über drei Hallen. Diese Konzentration tut ihr gut, auch wenn sich an den Rändern immer noch einige fragwürdige Sonderkojen finden. Was macht man beispielsweise an dem muffigen Sparkassenstand? Ein Konto eröffnen? Der Open Space-Bereich, in dem Galerien jenseits des strengen Kojenrasters größere Installationen und Sonderprojekte ihrer Künstler präsentieren können, ist auf 3000 Quadratmeter vergrößert worden.

Der quirlige Mittelteil der Halle 4.1 erweist sich denn auch als Gravitationszentrum der Messe, auch weil hier mit Galerien wie Maureen Paley, Happy Lion, Hohenlohe oder Anton Kern interessante neue Positionen auftauchen. Die Sektion wird von der Kölner Agentur Neumann-Luz betreut und soll bewusst auch als Lockmittel für ausländische Galerien dienen. Bedauerlich ist allerdings, wenn große Galerien wie Hauser & Wirth mit Schmalspurprogramm auftreten, anstatt sich mit einem regulären Stand auf der Messe groß zu präsentieren – wie sie es in Basel oder Miami tun.

Schwere Lücken reißt auch das Fehlen langjähriger, hoch angesehener Teilnehmer wie Monika Sprüth und Hans Mayer. Überhaupt glänzt die Messe mehr mit nationaler Prominenz als mit großen, internationalen Namen. Und mit gut verkäuflicher Flachware: So sind Heribert C. Ottersbachs stimmungsvolle Architekturlandschaften gleich bei drei Galerien – Beck & Eggeling, Klaus Gerrit Friese und Haas – ausgestellt, Imi Knoebels Farbfeldexperimente haben Clemens Fahnemann, Christian Lethert, Nächst St. Stephan und Hans Strelow im Angebot, und Herbert Brandls halbabstrakte Landschaften gibt es bei Bärbel Grässlin, Heinrich Ehrhart, Nächst, St. Stephan und Klaus Thoman.

Die "Mutter aller Kunstmessen" ist noch nicht tot

Johann Nowak von der Galerie DNA strahlte schon am frühen Nachmittag. Er hatte die große Fotoarbeit des japanischen Künstlers Tatsumi Orimoto "Breadman Son + Alzheimer Mama" für 54 000 Euro an einen Sammler verkauft – und damit die Messekosten schon reingeholt. Um so gelassener konnte er jetzt Nezekat Ekici bei ihrer Kaffee-Vaseline-Performance zusehen. Die türkisch-deutsche Künstlerin stellt sich mit der biografischen Arbeit, die auf Familienrituale und Zwangsheirat anspielt, am DNA-Stand als "New Talent" vor.

In dieser Messesektion fiel auch die Koje der "Filderbahnfreundemöhringen" auf. Die dadaistisch-veranlagte Künstlergruppe huldigt neben der Stuttgarter Galerie Sturm mit Skulpturen, Archivfotos und abenteuerlichem Lebenlauf dem fiktiven Bildhauer Friedrich Fuhrmann – ein hintersinniger Kommentar auf Messerummel und Künstlerkarrieren, der so manchen Besucher in Verwirrung stürzen wird.

Für Irritationen sorgte auch eine Teleshopping-Aktion, die der Künstler Christian Jankowski zusammen mit dem Kunstblog "VernissageTV" im Open-Space-Bereich veranstaltete. Da priesen zwei echte Moderatoren des Shopping-Kanals QVC pötzlich vor laufender Kamera sperrige Kunst an. Die Aktion wurde als Livestream direkt ins Netz gestellt. Die Nachfrage lief trotz regen Publikumsinteresses eher schleppend. Doch die Aktion karikiert aufs Schönste den Warencharakter der Kunst und wird Jankowski als Rohmaterial für seine nächste Videoarbeit dienen.

Die Verkaufsmeldungen hielten sich am Eröffnungsabend generell in Grenzen, besonders im oberen Preissegment der Werke der klassischen Moderne, wo etwa bei der Salzburger Galerie Salis & Vertes Emil Noldes "Wasserrosen" für 2,5 Millionen Euro zu erwerben waren, oder Kirchners "Halbakt mit erhobenen Händen" für 5,5 Millionen Euro bei Henze & Ketterer – das teuerste Bild der Messe. Das Image der "Art Cologne" wird langfristig auch davon abhängen, dass Galeristen ihre Spitzenwerke mitbringen, und ob man noch genug hochkarätige Sammler anlocken kann, die sich durch die Zwangsverjüngung der Messe nicht abgeschreckt fühlen.

Im Vorfeld hatte die "Art Cologne" ja deutlich Federn lassen müssen. Eine Gruppe Kölner Galeristen hatte der Messe herben "Bedeutungsverlust" vorgeworfen und gegen den künstlerischen Leiter Gérard Goodrow geputscht. Der öffentlich ausgetragene Streit hat das Vertrauen in die Kölner Veranstaltung nicht erhöht. So war die rege Stimmung zur Eröffnung eher ein Ausdruck der Erleichterung: die "Mutter aller Kunstmessen" ist noch nicht tot.

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