Arco - Madrid

Der Schuldenkrise trotzen

Die Messe ARCO in Madrid setzt ihren Aufwärtstrend fort und überrascht mit passablen Verkäufen

Letztlich führen auf der ARCO in Madrid alle Wege zu Helga de Alvear, heute nicht anders als zu den Urzeiten der immer wieder krisengeschüttelten Messe für Gegenwartskunst. Die in Deutschland geborene sympathische Grande Dame der spanischen Galeristen thront inmitten der rund 200 Aussteller und lächelt weise: "Es gibt für mich Galerien und Supermärkte. Hier in Madrid muss man auch die Kultur verstehen lernen und erleben können, wir brauchen auf der ARCO keine Supermärkte. Und wir versuchen gerade höllisch aufzupassen, dass wir nicht in ähnliches Loch wie Griechenland rutschen."

Man muss nicht Gedanken lesen können, um ihre unterschwellig vermittelte Botschaft zu verstehen. Kunst jenseits einer Preishöhe von 20 000 Euro hat es schwer auf einer Messe, die den großen internationalen Zuspruch vermisst und durch die spanische Schuldenkrise natürlich auch in Mitleidenschaft gezogen ist. Es wäre allerdings schade, wenn die so sarkastisch pointierte Installation des Duos Elmgreen und Dragset an Alvears Stand keinen Käufer mehr finden würde (60 000 Euro). Die skandinavischen Künstler haben hyperrealistisch ein Findelkind in einer Tragetasche vor einer simulierten Hotelzimmertür platziert.

Die ARCO Madrid müht sich in der Tat redlich. Unter der Messeleitung des erst letztes Jahr angetretenen Direktors Carlos Urroz gab es bereits 2011 so etwas wie einen Aufbruch zu vermelden. Ehemals treue ARCO-Aussteller kehrten zurück, und neue, aufstrebende Junggalerien kamen hinzu. Es kann durchaus vergnüglich sein, in den zwei luftig strukturierten Messehallen das Kunstaufgebot vor Augen geführt zu bekommen. Kojen, die sich mit Prägnanz von dem oft arg kunsthändlerisch durchsetzten Mischwarenprogramm absetzen, bleiben dennoch Ausnahmeerscheinungen. Chantal Crousel aus Paris hat ihren ganzen Stand der koreanischen Starkünstlerin Haegue Yang überlassen: es öffnet sich über mehrere mediale Ebenen ein aus collagierten bunten Jalousien durchwirktes Szenarium (15 000 bis 100 000 Euro). Mehdi Chouakri leistet sich mit Arbeiten von Sylvie Fleury, Charlotte Posenenske und Gitte Schäfer eine rein von Frauen bestellte Skulpturenlandschaft. Im Separee dahinter wartet allerdings Hans-Peter Feldmann tückisch mit seiner Sicht auf das Feminine auf. Eine vierteilige quietschgelbe Arbeit von Posenenske war an diesem surreal schönen Stand bereits in den ersten Stunden verkauft – sie ging just in die private Sammlung von de Alvear. Esther Schipper balancierte ihre Konzeptkünstler auf überschaubarer Fläche gut aus und brachte erste Exemplare einer technisch brillanten, neuen Fotoserie von Thomas Demand mit (30 000 Euro).

Unerbittlich schlägt auf der Messe hin und wieder doch die Folklore zu. Ja, man liebe hier satte Farben, und wenn ein bisschen Sand auf die Bilder gestreut sei , könne es auch nicht schaden, beschreibt ein Galerist süffisant das mediterrane Kunstfaible der größtenteils spanischen Klientel. Es darf auch schon mal richtig laut, schrill, drastisch werden. Einer der bedrängtesten Stände war der ADN Galerie aus Barcelona, glotzte einem doch dort unverschämt aus einem gläsernen Kühlschrank die faschistische Ausgeburt eines tiefgekühlten Franco-Klons des Künstlers Eugenio Merino entgegen. Der intersdisziplinäre Madrider Kunstraum Ivorypress wiederum zog durch Holz- und Keramikskulpturen (20 000 bis 150 000 Euro) von Ai Weiwei viel Publikum an und hatte auch schon fast überall rote Punkte kleben. Eine deutsche Galeristin, die seit vielen Jahren keine Ausgabe der ARCO verpasst hat, ist Bärbel Grässlin mit ihrem spanischen Messepartner Heinrich Ehrhardt: "Wir haben hier schon Freud und Leid gemeinsam durchwandert." Doch Grässlin strahlt an diesem ersten Messetag. Neben Imi Knoebel und einer Skulptur aus einer neueren Serie von Tobias Rehberger (18 000 Euro) konnten sie gleich vier Bilder des außerhalb Spaniens wenig bekannten Secundino Hernández veräußern (15 000 bis 30 000 Euro). Das Sammlerehepaar Mera und Don Rubell aus Miami hätten bei der frisch neoinformell daherkommenden Farbfleckmalerei zugeschlagen, hieß es hinter vorgehaltener Hand.

Neben den Rubells und der Berlinerin Erika Hoffmann sind viele Sammler aus Lateinamerika gesichtet worden, darunter das Paar Juan Vergez und Patrizia Pearson aus Argentinien sowie Eugenio López, der Besitzer der mexikanischen Megakollektion Jumex. Schließlich stehen auch die Solo Projects auf der Messe unter dem Motto Lateinamerika. In diesem Sektor sind durchaus Entdeckungen von jüngeren Künstlern zu machen wie etwa Alicia Herrero, Felipe Mujica und Cristóbal Leyht. Messedirektor Carlos Urros bekräftigt die auch künftig zu verfolgende Ausrichtung und sagt: "Ja, wir glauben, dass wir durch diese Verlinkung mit Lateinamerika weiter innerhalb der Messelandschaft an Profil gewinnen können."

Seltsam farblos bleibt allerdings der Auftritt der in diesem Jahr im Messeprogramm eigens fokussierten niederländischen Galerien, sieht man einmal von Paul Andriesse und dessen fabelhaftem Youngster und Installationsküstler Rory Pilgrim (2 500 bis 10 000 Euro) ab. Um so erfreulicher sind zwei kleinere aneinander grenzende Kojen, die von den Berliner Newcomer-Galerien Tanya Leighton (Soloschau Dan Rees) und Arratia Beer mit Wand- und Bodenobjekten konzeptuell kühn akzentuiert werden. Richtig unzufrieden wirkte nach dem atmosphärisch entspannten ersten Messetag niemand. Sicher auch, weil für die nicht allzu hoch angesetzten Erwartungen doch unproportional viel verkauft wurde.

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