Tobias Meyer - Sotheby's

Herber Verlust

Der Abschied von Tobias Meyer ist eine große Überraschung für die Kunstwelt, und trifft Sotheby's zu einem ungünstigen Zeitpunkt.
Wie aus dem Nichts:Tobias Meyer verlässt Sotheby's

Tobias Meyer bei der Auktion von Andy Warhols "Silver Car Crash (Double Disaster)", Mitte November in New York

Es gab keine Gerüchte vorab, nichts sickerte durch: Als am Freitagnachmittag die Meldung bekannt gemacht wurde, dass der langjährige Direktor für zeitgenössische Kunst bei Sotheby's Tobias Meyer das Auktionshaus verlässt, war die Kunstwelt mehr als überrascht. "Ich werde meine Zeit bei Sotheby's immer schätzen und freue mich auf das nächste Kapitel in meiner Karriere", ließ Meyer verlauten. Der gebürtige Deutsche, der als Sotheby's Gesicht und für viele als der wichtigste Auktionator der Welt gilt, will die Fronten wechseln und als Kunsthändler arbeiten.

Mehr als 20 Jahre war der 1963 in Frankfurt geborene Meyer bei Sotheby's. Nachdem er Kunstgeschichte in Wien studiert hatte, startete er seine Karriere 1989 im Keller von Christie's in London, wo er Bilder katalogisierte. 1992 befreite ihn die Konkurrenz von seinem Kellerdasein und warb Meyer ab. Die damalige Chefin der zeitgenössischen Abteilung Lucy Mitchell-Innes erkannte Meyers Talent und Charisma und ermunterte ihn, sich als Auktionator zu versuchen. Mit 29 Jahren stand er das erste Mal hinter dem Auktionspult. Seine Versteigerung im Juni 1994 gilt als Sternstunde: Meyer hatte die Veranstaltung für Nachkriegskunst erstmalig am Abend angesetzt, um dem Event mehr Glamour einzuhauchen. Mit Erfolg: Die Preise für Baselitz, Bacon, Richter oder Beuys schossen nach oben. 7,5 Millionen Euro brachte der Abend damals ein. Es war damals das beste Ergebnis seit Zusammenbruch des Marktes 1990. Und natürlich ein Witz im Vergleich zu den Preisen, die heute für zeitgenössische Kunst erzielt werden.

1997 ernannte Sotheby's Meyer zum Chefauktionator und Worldwide Head of Contemporary Art. Meyer und sein langjähriger Lebensgefährte, der amerikanische Kunstberater Mark Fletcher, den er vor zwei Jahren geheiratet hat, sind das Glamour-Paar der Kunstschickeria. Die beiden fehlen auf keiner wichtigen Veranstaltung. Ihr Domizil im Herzen von Manhattan am Columbus Circle ist mit Kunst gefüllt. Vor den großen Auktionen lud Meyer als Botschafter des Hauses große Sammler zu Partys bei Sotheby's ein. Der Starauktionator ist in der Welt des Geldadels zu Hause und bewegt sich mit routinierter Geschmeidigkeit in der betuchten Gesellschaft. Er kann ebenso charmant wie eisig wirken.

Seinen Ruf als Sotheby's 007 und erfolgreichster Auktionator der Welt hängt ihm schon deshalb an, weil er einige der teuersten Werke der Kunstgeschichte, darunter Edvard Munchs "Schrei", bis vor den New Yorker Herbstauktionen das teuerste Bild der Welt, versteigerte und in anderen Fällen den Verkauf vermittelte. Der 50-Jährige verlässt seinen Arbeitgeber in schwierigen Zeiten: Bei den New Yorker Herbstauktionen im November führte Christie's die Konkurrenz vor und erzielte nicht nur mit Francis Bacons Triptychon "Three Studies of Lucian Freud" für 142,2 Millionen Dollar den neuen Weltrekord – sondern auch das unfassbar hohe Ergebnis von 691,5 Millionen Dollar an nur einem Abend. Sotheby's brachte es auf 380 Millionen Dollar. Dass es sich um das beste Ergebnis in der Geschichte des Hauses handelt, zeigt wie weit vorn der Rivale Christie's liegt. Allerdings scheint es auch bei der Konkurrenz schlechte Nachrichten zu geben: Gerüchten zufolge überlegt Amy Cappellazzo, die energiegeladene, sympathische Chefin der Abteilung für zeitgenössische und Nachkriegskunst, Christie's zu verlassen.

Ein schwieriger Zeitpunkt

Sotheby's-Aufsichtsratvorsitzender William F. Ruprecht versuchte, den Verlust von Meyer herunterzuspielen. Dabei findet der Karrierewechsel zu einem ungünstigen Zeitpunkt statt. Der Investoren-Aktivist Dan Loeb, der mit seinem Hedgefonds Third Point mit einem Anteil von 9,3 Prozent der größte Anteilseigener von Sotheby's ist, hatte in einem offenen Brief den Rücktritt des 13 Jahren amtierenden Ruprecht gefordert. Loeb will ein neues Management installieren. Denn das als Privatunternehmen des Franzosen François Pinault geführte Auktionshaus Christie's habe Sotheby's abgehängt, so Loeb. Sotheby's habe keinerlei Konzept für Geschäfte im Internet, das Unternehmen hinke auf neuen Märkten wie China und dem Nahen Osten hinterher. Ruprecht würde die Bedeutung von zeitgenössischer und moderner Kunst als Wachstumsmarkt nicht begreifen.

Niemand weiß, ob Loeb mit seiner lautstarken Protestaktion nicht nur die Kurse des am Aktienmarkt gehandelten Auktionshauses nach oben treiben will. Wird ein Firmenchef vor die Tür gesetzt, gehen die Kurse im Laufe eines Jahres im Schnitt um sieben Prozent nach oben. Tatsache ist allerdings, dass die Jagd nach Meisterwerken, den von den neuen Sammlern begehrten Trophäen, wesentlich härter geworden ist. Das Rennen macht schließlich, wer den höchsten Preis bietet. Heute muss Meyer mit seinem Team nicht nur Kunstwerke auftreiben und die Sammler persönlich davon überzeugen, dass sie seinem Haus den Verkauf überlassen, sondern meist auch eine dritte Partei dafür gewinnen, mit einer Garantie das Verkaufsrisiko zu übernehmen.

Reichte es 2007 noch mit einem schick produzierten Katalog zu Kunden nach Hongkong und Russland zu reisen, um einen Rothko vorzuführen (der dann den damaligen Rekord von 72,8 Millionen Dollar einbrachte), schicken die Auktionshäuser ihre Toplose heute auf eine PR-Tour durch die Welt und lassen potentielle Käufer die Werke sogar in ihrem Wohnzimmer zur Probe aufhängen. "Das Problem des Marktes, in dem ich agiere, ist, dass der Wettbewerb so stark ist, dass die Margen alle gedrückt werden", sagte Tobias Meyer 2012 in einem Interview. Sein Geschäft werde immer schwieriger. Wie lassen sich teure Werke verkaufen und wie damit Geld verdienen, wenn der Rivale versucht, die Margen zu unterbieten?

Ein Argument für Sotheby's im Rennen um die kostbare Ware war stets die Person Meyer: Viele Kunden ließen sich den Deutschen als Auktionator in die Verträge schreiben – denn er steht nicht nur für seine Leidenschaft für die Kunst, sondern für hohe Preise. Seinen Job beschrieb Meyer noch vor einigen Jahren so: "Ich komme mir wie ein Kind in einem Süßwarenladen vor." Vielleicht hat der Chefauktionator, der als einer der ersten begriff, welches Potential in zeitgenössischer Kunst steckt und wie viel sich die neue globale Sammlerschaft die Trophäen kosten lässt, wieder die Nase vorn und steigt aus, bevor die große Party vorbei ist.