FIAC - Paris

Marktplatz Paris: Charme-Offensive aufs grosse Geld

Im Gefolge von Top-Sammlern wie Bernard Arnault und François Pinault festigt Paris seinen Rang als wichtiger Handelsplatz für zeitgenössische Kunst auf Augenhöhe mit London und New York

Pünktlich zur Eröffnung der diesjährigen FIAC kippte der sozialistische Premierminister Jean-Marc Ayrault höchstpersönlich das klassenkämpferische Vorhaben seiner Fraktion, künftig den Besitz von Kunstwerken, deren Wert 50 000 Euro übersteigt, mit Vermögenssteuer zu belegen.

Der in Frankreich seit der Wahl von François Hollande zum Staatschef grassierende Reichenhass hätte um ein Haar auch den Kunstbetrieb erreicht. Das wäre der Anfang vom Ende des Marktplatzes Paris gewesen – und das just in einem Moment, in dem die Seine-Metropole eine seit dem Ausbau des Schlosses von Versailles durch Ludwig XIV. einmalige Offensive startet, um mit London und New York gleichzuziehen.

Die Sonnenkönige von heute heißen etwa Bernard Arnault und François Pinault, geschäftstüchtige Milliardäre, die in relativ kurzer Zeit nicht nur gigantische Sammlungen von Gegenwartskunst aufgebaut haben, sondern auch Auktionshäuser, Privatmuseen, Kunstmagazine und Galerien, zumindest als Schattenherrscher, ihr eigen nennen. Und selbst in renommierten Ausstellungstempeln wie dem Centre Pompidou ganze Präsentationen finanzieren, wie zur Zeit die Schau von Adel Abdemessed im Centre Pompidou, bei der Pinault sogar den Katalog bezahlt. Wie wichtig der Standort vom globalen Kunsthandel eingeschätzt wird, zeigen die beiden am vergangenen Wochenende von Thaddäus Ropac und Larry Gagosian in der nordöstlichen Vorstadt eröffneten Räume mit Kunsthallendimensionen – und die diesjährige Ausgabe der Traditionsmesse FIAC, die eindeutig auf sichere Werte und renommierte Namen setzt. Ihr Fazit: Paris ist keine Stadt fürs Risiko, hier herrschen Mainstream und guter Geschmack, und der hat seinen Preis. Kein Wunder, dass die Zahl der hier lebenden jungen, experimentierfreudigen Künstler im Vergleich zu London oder Berlin immer noch gering ist.

Das hat die Seine-Metropole im übrigen mit Basel gemein, wo sich die internationale Kunstszene nur einmal im Jahr, im Juni zur Art Basel, trifft. Aber auf der Art Basel, obschon weniger idyllisch als die FIAC in kargen Messegebäuden platziert, gibt es Großvolumiges und Experimentelles, in Paris dagegen kann man Einzelschauen trotz über 180 teilnehmenden Galerien an einer Hand abzählen. Rauminstallationen fehlten in diesem Jahr völlig, bis auf Ugo Rondinone bei Presenhuber, Medienkunst ebenfalls. Und wo die Frieze sich nicht nur mit ihrer "Masters"-Abteilung erneuert, sondern auch nach New York expandiert, wie die Art Basel nach Miami und auf den asiatischen Markt nach Hongkong, verfolgt die FIAC eine andere Strategie: Lasst die Millionäre aus Asien an die Seine kommen. Statt auf Export in ferne Lande setzt Messe-Chefin Jennifer Flay bodenständig auf Ausbreitung in der Heimat: Immer mehr Internationalisierung, zusätzliche Pracht-Räume im monumentalen Grand Palais sowie ganz Paris, für viele immer noch die schönste Stadt der Welt, als Skulpturenpark. Nebenschauplätze der FIAC reichen dieses Jahr von der fernen westlichen Vorstadt – eine Gruppenschau findet im Provisorium der künftigen Kunsthalle R4 auf der ehemaligen Renault-Insel Séguin statt – bis in den bereits erwähnten Osten, wo die neue Galerie Ropac Pantin per Metro leicht zu erreichen ist.

Dazwischen Skulpturen von Kawamata oder Mircea Cantor im Tuilerien-Park, eine aufblasbarer Stonehenge-Variante, Tummelplatz für große und kleine Kinder, von Jeremy Deller auf der Esplanade des Invalidendoms, oder Jaume Plensa mitten auf dem Vendôme-Platz, im Mekka des Luxus und der Moden. Denn das ist das Besondere an Paris – hier ist selbst die Kunst chic, und der Chic Kunst. Die Luxusindustrie setzt voll auf Gegenwartskunst, kaum ein Modedefilee kommt ohne die Kreativität von Kunststars aus (dieses Jahr gestaltete zum Beispiel der Altlinke Daniel Buren die Bühne für Marc Jacobs und Louis Vuitton). Das entspricht dem Status von Paris als neben London einzigem europäischen Zentrum des Kunst-Shopping. Hier gibt es betuchte Anrainer und jene Laufkundschaft, die den Berliner Galerien fehlt – immer mehr reiche Amerikaner, arabische Scheichs, russische Milliardäre und neureiche Chinesen unterhalten hier teure Zweitwohnsitze.

Die FIAC bleibt Vitrine dieser kommerziellen Euphorie, die es inzwischen Großgalerien wie Perrotin erlaubt, nach Miami oder Hongkong auch eine Dependance an Manhattans Madison Avenue zu beziehen. Gagosian, Gladstone, White Cube, Hauser & Wirth, Michael Werner, Greve – alle haben sie unter dem Glasdach des Grand Palais ihre Zelte aufgeschlagen, aber niemand geht in Standarchitektur und Künstlerwahl auf Risiko. Hauser&Wirth zeigt Paul McCarthy, Gagosian Warhol, Gladstone Fotos von Shirin Neshat – alles schon dagewesen. Frisch aus den Berliner Räumen hat Contemporary Fine Arts die schön dekorativen Bilder der Tobias-Zwillinge mitgebracht, Eigen+Art, zum ersten Mal dabei in Paris, schmeißt sich den heimischen Sammlern an die Brust mit zwei großen Formaten des figurativen Franzosen Marc Degrandchamps. Auch im Osten nichts Neues.

Der clevere Hans Mayer hat aus Düsseldorf pünktlich zu den beiden Beuys-Ausstellungen bei Ropac ein ‘Granitkreuz’ von Joseph Beuys mitgebracht. Greve zeigt mal wieder viel Louise Bourgeois und ein wenig Twombly, aber auch ein Beispiel der zarten Skulpturen von Clare Morgan aus Irland. Der Düsseldorfer Wiedergänger Reinhard Mucha ist mit Wandskulpturen gleich bei mehreren Galerien präsent, etwa bei Grässlin, Christian Nagel präsentiert, zu Preisen unter dem von den französischen Sozialisten geforderten Limit für Vermögenssteuer von 50 000 Euro, Heimo Zobernig. Bei Ropac fällt ein frühes Kuhbild von Baselitz auf, noch nicht gekippt, für 1,8 Millionen, bei Annely Juda ein untypischer Hockney von 1962 für 1,25 Millionen. Es gibt mehr klassische Moderne als früher: Etwa Miros "Zirkuspferd" auf blauem Grund bei Helly Nahmad, Preis unbekannt, dazu viel Kirchner und Expressionismus bei Henze und Ketterer, Surrealismus bei Le Minotaure, frühe Fotografie bei Kicken. Ein Doppelstand mit Gemälden von Alfred Manessier bei der Pariser Galerie Applicat Prazan war schon am Eröffnungsabend ausverkauft.

Jüngere Galerien sind wie im Vorjahr wieder auf die undankbar engen Räume der ersten Etage verdammt. Novum ist der sogenannte Ehrensalon, 1200 prachtvoll renovierte Quadrameter mit 17 Meter Deckenhöhe. Franco Noero zeigt eine – völlig aus dem Rahmen der restlichen FIAC fallende – witzige Installation mit Waschstraßenbürsten von Laura Favaretto. Als "Wegbereiter und Meinungsmacher" charakterisiert Jennifer Flay Galerien wie Bortolami aus New York, Klosterfelde aus Berlin oder Jan Mot aus Brüssel, die "schon früh heute renommierte Künstler gezeigt " hätten. Von aufregenden und frischen Angeboten zu neuen Wegen außerhalb abgelatschter Marktpfade ist auf der diesjährigen FIAC allerdings nichts zu spüren. Dafür sieht sie gut aus – Eleganz und Abenteuerlust sind nur schwer, unter ein Dach zu bringen.