Kunstmessen - Stockholm

Frischer Wind in Stockholm

Neue Messen, neue Galerien und Eröffnungen – die Szene für zeitgenössische Kunst in Stockholm erlebt seit ein paar Jahren einen neuen Frühling. Das zweite Februarwochenende bot beste Gelegenheit, die Entwicklung zu inspizieren: Donnerstag bis Sonntag stellten zum dritten Mal führende nordeuropäische Galerien auf der Messe "Market" aus, und dazu fand parallel "Supermarket" statt – eine Messe mit so genannten Artist-run spaces. Und als krönender Abschluss fand am Samstagabend dann die Galerienacht statt.
Frischer Wind in Stockholm:Neue Kunstmessen und Galerien – ein Rundgang

Who let the dogs out? Aerea bat Galeristenkollegen um eine Leihgabe und zeigt Werke von Tove Mozard, Felix Gmelin, Ebba Matz und Jonas Nobel

"I Thought I could organize freedom / How Scandinavian of me" – Björks einprägsame Liedzeilen über das Wesen der Nordeuropäer helfen auch am Stockholmer Kunstwochenende einige Male, Dinge besser zu verstehen. Gleich beim Betreten der beeindruckenden königlichen Kunstakademie, wo die Stockholmer Messe "Market" auch dieses Jahr stattfindet, wird den Gästen mit Hinweisschildern erklärt, dass sie nicht etwa die nächstgelegene Treppe nach oben nehmen dürfen, sondern erst mal das Untergeschoss durchqueren sollen, ehe sie in die Etage mit den 30 Ausstellern kommen. So soll wohl der überschaubare Besucherandrang am Eröffnungstag in organisiertem stetem Fluss durch die Messe geführt werden.

Angenehmer Nebeneffekt: Die Wahrscheinlichkeit ist recht groß, gleich als Erstes den Stand der Kopenhagener Galerie Bo Bjerggaard und damit eine großformatige Arbeit von Sigmar Polke zu sehen. Bo Bjerggaard vertritt den deutschen Künstler in Skandinavien, und mit einem Preis von weit über einer Millionen schwedischer Kronen (110 000 Euro) ist das Werk vermutlich das teuerste der Messe. Nicht minder groß, aber dafür erheblich preiswerter war die Fotografie eines Waldstücks des Dänen Per Bak Jensen bei Bjerggaard. Schweden hat, so die einhellige Meinung der ausstellenden Galeristen, eine relativ breite Sammlerschicht, die sich auch Hochpreisiges leisten kann und will. Anders als bei den Messen in Basel, Miami und London bleibt der internationale Jetset in Stockholm üblicherweise aus. Doch dafür lässt sich am Eröffnungsabend mit Marcus Wallenberg ein sonst recht öffentlichkeitsscheuer Spross der wohl einflussreichsten schwedischen Industriellenfamilie blicken.

Das Konzept der Stockholmer Messe ist, nur nordeuropäische Galerien als Aussteller zu zulassen. Das gibt der Messe international ein klares Profil. Nicht minder wichtig dürfte dabei gewesen sein, so die Blamage zu verhindern, verkünden zu müssen, dass sich kaum ein ausländischer Galerist dafür interessiert, in der schwedischen Hauptstadt auszustellen. Anders als auf den internationalen Messen, zu denen Sammler aus der ganzen Welt anreisen, stehen in Stockholm die Kunstliebhaber aus Schweden im Fokus der ausstellenden Galeristen. Die Künstler aber sind längst nicht nur lokale Berühmtheiten. Brändström & Stene und Aerea (beide Stockholm) zeigen beide Arbeiten des seit einiger Zeit in Südschweden lebenden Amerikaners Clay Ketter, Aerea stellte zudem Paul McCarthy aus. Ein Heißluftgebläse sorgt dafür, dass zwei überdimensionierte Buttplugs aus silberfarbenem Stoff in dem kleinen Messestand von Aerea stramm stehen. Gut zwei Meter dürften die beiden Objekte groß sein. Nicht nur die heiße Luft, auch die Tatsache, dass die Buttplugs in Schweden stehen, dem Land, das dem Klischee nach sexuell am freisten ist, nimmt dem Kunstwerk Kraft. Was in Basel, wo angeblich so verstockte Amerikaner den Großteil der Käufer ausmachen mögen, auf der Handoberfläche eines riesigen Weihnachtsmannes funktioniert, ist in Schweden, wo im Jugendfernsehen erklärt wird, wie Dildos benutzt werden, langweilig. Mit Nordenhake und Opdahl nehmen an der Stockholmer Messe auch zwei Galerien teil, die neben ihren Räumen in Stockholm und Stavanger (Norwegen) auch in Berlin präsent sind.

Wie auf einer Geburtstagsparty von Dreizehnjährigen

Bei der Alternativmesse "Supermarket", in einer Fabriketage auf der Insel Kungsholmen gelegen, ist die internationale Präsenz größer, dort nämlich gibt es die Beschränkung auf nordeuropäische Aussteller nicht. Gleich am Eingang präsentiert sich Sculptors Guild aus New York, ein paar Ecken weiter zeigt Lifebomb aus Berlin unter anderem zwei Leinwände mit dem Antlitz des Gründers und Besitzers des schwedischen Warenhauses IKEA – so viel Ehrerweisung an die schwedischen Veranstalter muss sein. Dunk! aus Kopenhagen zeigt eine Vogelstimmenjukebox des aus Deutschland stammenden Künstlers Hartmut Stockter – statt unterschiedliche Platten aufzulegen, werden verschiedene Futtersorten gewählt, um die Singvögel anzulocken, die die passende Musik machen.

In diesem Jahr sind die meisten Aussteller bei "Supermarket" zur Petersburger Hängung übergegangen und versuchen so viele Künstler wie möglich auf den weißen Wänden unterzubringen. Am Eröffnungsabend werden um halb elf die letzten Gäste aus der Ausstellungshalle gescheucht, in der Bar Allmänna Galleriet 925, eine Etage höher, findet anschließend die Eröffnungsparty statt. Ob es Ironie ist oder ein Versehen, ist unklar, jedenfalls spielt der DJ, kaum sind alle eingetroffen, erst einmal Phil Collins. Jenen britischen Musiker, über den der Protagonist und Richard-Prince-Sammler Patrich Bateman von Bret Easton Ellis "American Psycho" so ausführlich, wie inhaltsleer faseln kann. Keine anderthalb Stunden später geht es zu, wie auf einer Geburtstagsparty von Dreizehnjährigen, wenn die Mutter kommt, um das Fest zu beenden, ehe es zu wild wird. Es ist ein Uhr, die übliche Sperrstunde für Bars in Schweden, die Freiheit hat kurz nach Mitternacht ihre Grenzen. Schnell bilden sich mehrere Künstlertrupps, die sich noch beim örtlichen Kiosk mit Leichtbier eindecken, um privat weiter zu feiern – Bier mit gewöhnlichem Alkoholgehalt gibt es in Schweden nur in speziellen staatlichen Monopolgeschäften, die nachts selbstverständlich geschlossen haben. Organizing freedom eben.

Zwei Abende später geht es zur Galerienacht, die schwedische Galerienszene tritt seit vergangenem Herbst geballt in der Straße Hudiksvallsgatan auf. In einem alten, von Ragnar Östberg entworfenen Industriegebäude aus roten Ziegel hat sich mittlerweile mehr als eine Hand voll Galerien angesiedelt. Es ist ein kalter Abend mit Minusgraden, Nordenhake im Erdgeschoss hat sich drauf eingestellt und bewirtet die Gäste schon vor dem Eingang mit Glühwein, neben dem Stand stehen Heizstrahler. Unter dem Titel "Quarry" stellt die amerikanische Künstlerin Helen Mirra Objekte aus. An mehreren Stellen liegen auf dem Galerieboden fein säuberlich zusammengelegte Kleidungsstücke und obendrauf ein moosbewachsener Stein.

Die meisten der Galerien in der Hudiksvallsgatan haben wie Nordenhake zwischen hundert- und zweihundertfünfzig Quadratmeter Ausstellungsfläche. Am größten sind mit über fünfhundert Quadratmetern die Räumlichkeiten von Brändström & Stene, die vor rund drei Jahren als erste in das Gebiet zogen und die Entwicklung dort initiierten. Am heutigen Abend zeigen sie Collagen und Malerei von Anja Finney und Maja Rohwetter. Am beeindruckendsten aber sind die Räume von Andréhn-Schiptjenko. Den beiden ist es bestens gelungen, den Fabrikcharakter der Räume zu erhalten und gleichzeitig einen Ausstellungsort zu schaffen, der erlaubt, sich auf die Kunst zu konzentrieren. Gezeigt werden Arbeiten des Schweden Martin Jacobson. Er stellt Zeichnungen aus, die vor märchenhaften Motiven nur so strotzen und in zwei Glaskästen dazu Fotos, die er auf einem Berliner Flohmarkt gekauft hat und die einen Mann zeigen, der sich in der ostdeutschen Provinz wieder und wieder selbst fotografiert hat.

Bereits im Frühjahr plant mit Andersson Sundström die nächste Galerie in die Hudiksvallsgatan zu ziehen, nach einigen ruhigen Jahren, wird Stockholm also in Veränderung bleiben.