Auktionen: Zeitgenössische Kunst - New York

Mit Leidenschaft in den sicheren Hafen

Draußen Protest und aggressives Wachpersonal, drinnen Rekordergebnisse – bei den Auktionen für zeitgenössische Kunst ging es in New York hoch her.

Wenn Spiderman zur Hilfe geholt wird, um bei dem Verkauf eines Meisterwerkes zu helfen, kann es eigentlich nicht gut aussehen mit den Kunstgeschäften. Das Auktionshaus Christie's, das bei den Versteigerungen der vergangenen Woche nicht besonders erfolgreich abschnitt, heuerte den Star des Broadway-Musical-Flops “Spiderman” an, um eine von Louise Bourgeois' Spinnen-Skulpturen zu bewerben, die vor dem Auktionshaus am Rockefeller Plaza mit ihren drei Meter langen Beinen in Position gegangen war.

Es handelt sich um eine von drei großen Spinnen-Skulpturen der 2010 verstorbenen Künstlerin, die sich noch in privater Hand befinden. Der Schätzpreis war auf vier bis sechs Millionen Dollar angelegt – und Christie's hoffte auf einen Rekord.

Doch los ging es mit der zweiten Runde der Herbst-Auktionen erst einmal mit Phillips de Pury. Das Auktionshaus trat mit einer von Richard Prince' Krankenschwestern ("Runaway Nurse” von 2006) zum hoch angesetzten Schätzwert von 6 bis 8 Millionen Dollar an, um den Markt für Prince zu testen – die Arbeit erzielte 6,8 Millionen Dollar. Larry Gagosian schnappte sich Richard Serras Stahlskulptur “Palms” von 1985 für einen Rekord von 2,3 Millionen Dollar. Und natürlich waren im Zuge der Retrospektive im Guggenheim Museum Arbeiten von Maurizio Cattelan im Angebot: Das auf dem Kopf stehende Polizisten-Duo “Frank and Jamie”, das nach dem 11. September entstanden war und damals für Kontroversen sorgte, ging für 2,3 Millionen Dollar an einen Telefonbieter. Da es nur drei Editionen und die Ausgabe des Künstlers gibt, spekulierte man, dass es sich um die Edition handelt, die erst im Vorjahr bei Phillips de Pury für 1,6 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt hatte. Insgesamt fuhr das Auktionshaus 71,2 Millionen Dollar ein. Eine deutliche Steigerung im Vergleich zum letzten Jahr, wo die Auktion kümmerliche 19,9 Millionen Dollar brachte. Das passable Ergebnis hat Phillips de Pury allerdings in erster Linie anonymen Dritt-Garantien zu verdanken – eine dritte Partei steht für einen Garantiepreis ein, falls während der Auktion keine attraktiven Gebote gemacht werden.

Christie's bekam am nächsten Abend für Louise Bourgeois' "Spider" mit 10,7 Millionen Dollar den erhofften Rekord. Mit weiteren Rekorden für die Künstlerinnen Sophie Calle, Mona Hatoum, Vija Celmins und Barbara Kruger war es alles in allem ein erfreulicher Abend für die Frauen. Auch wenn die Preise nach wie vor nichts mit den astronomischen Beträgen gemein haben, die für die Arbeiten ihrer männlichen Kollegen gezahlt werden. Zu den Rekordhaltern gehörte Andreas Gursky mit der Arbeit “Rhein II” für 4,3 Millionen Dollar. Paul McCarthy mit 4,5 Millionen Dollar für seine “Tomato Head (Green)”-Skulptur, die McCarthys Kunsthändler Iwan Wirth erstand, und das Toplos des Abends: Roy Lichtensteins Schlüsselloch-Bild “I Can See the Whole Room!...and There's Nobody in it!” von 1961 für 43,2 Millionen Dollar.

Die Versteigerung von 26 Arbeiten von Künstlern wie Matthew Barney, Maurizio Cattelan, Felix Gonzalez-Torres oder Kara Walker aus der Sammlung des amerikanischen Software-Entwicklers Peter Norton lag mit 26,8 Millionen Dollar über dem angepeilten Ergebnis. Norton will mit den Einnahmen eine neue Stiftung finanzieren. Sammler Peter Brant verkaufte “Silver Liz” von Andy Warhol für 16,3 Millionen Dollar. Jeff Koons frühes Meisterstück “Two Ball Total Equilibrium Tank (Spalding Dr. J Silver Series, Wilson Aggressor)”, zwei in einem Wassertank schwebende Basketbälle, ging für 4,2 Millionen Dollar an den New Yorker Kunsthändler David Zwirner. Auch wenn einige Werke, darunter eines der Toplose, Francis Bacons "Study of a Man Talking", sowie Arbeiten von Gehard Richter, Lichtenstein und Willem de Kooning, als unverkauft zurückgingen, brachte es Christie's mit der 91 Lose umfassenden Mammut-Auktion auf das stattliche Ergebnis von 247,5 Millionen Dollar.

Der in Tokio geborene Takashi Murakami trommelte Sammler und Kunsthändler wie Larry Gagosian und Emmanuel Perrotin bereits am nächsten Morgen für eine Charity-Versteigerung zu Gunsten der Erdbebenoper in Japan zusammen. 8,7 Millionen Dollar brachte die Auktion, zu der Murakami persönlich erschien und vier Arbeiten beisteuerte. Toplos des Morgens war Jeff Koons' rosafarbener Luftballon-Affe "Balloon Monkey Wall Relief" von 2011 für 1,2 Millionen Dollar, gefolgt von Murakamis "And Then and Then and Then and Then and Then. Yellow Universe" mit einem grinsenden Mr. DOB für 842 000 Dollar.

Zwar hatte Christie's Abendversteigerung mit Leonardo DiCaprio unter den Gästen Starpower geboten. Doch wie schon in der vorigen Auktionswoche hielt Sotheby's wieder den Trumpf in der Hand: Vier Werke von Clyfford Still, die genau genommen gegen den Willen des 1980 verstorbenen, als notorisch schwierig geltenden Künstlers von der Stadt Denver versteigert werden, um das neue Clyfford Still Museum in Denver zu finanzieren. Der Meister des Abstrakten Expressionismus hatte sich 1950 dagegen entschieden, seine Arbeiten an Sammler zu verkaufen. Sie gingen ab diesem Zeitpunkt nur noch an Museen und sind deshalb eine absolute Rarität. Fünf Bieter stritten sich um "1949-A-No. 1", was den Preis auf sensationelle 61,6 Millionen Dollar und einen Rekord hochschnellen ließ. Den zweiten Platz belegte "1947-Y-No. 2" mit 31,4 Millionen Dollar. Insgesamt nahm die City and County of Denver 114,1 Millionen Dollar ein, mehr als das Doppelte des unteren Schätzwertes.

Der Rest des Abends gehörte Gerhard Richter, der gerade mit einer Retrospektive in der Tate Modern geehrt wird. Acht Arbeiten aus der Zeit von 1985 bis 1997 aus einer deutschen Sammlung waren die zweite Erfolgsmeldung des Abends: "Abstraktes Bild (849-3)" von 1997, das hinter den Telefonbietern aus dem Sotheby's-Team die Wand einnahm, wurde für 20,8 Millionen Dollar versteigert, ein neuer Rekord für den Künstler. “Gudrun” von 1987 ging für 18 Millionen Dollar unter den Hammer und “Abstraktes Bild” von 1992 für 14 Millionen. 27 Millionen Dollar machte Sotheby's allein mit Gerhard Richter. Weitere spektakuläre Ergebnisse lieferten Cady Nolands “Oozewald”, das Kennedy-Attentäter Harvey Oswald in dem Moment zeigt, in dem er erschossen wird, mit einem Rekord von 6,5 Millionen Dollar und Francis Bacons “Three Studies for a Self-Portrait” mit 19,6 Millionen Dollar. Das Gesamtergebnis lag mit 315,8 Millionen Dollar auf Rang drei der erfolgreichsten Versteigerungen in der Geschichte des Hauses, gar nicht so weit entfernt von dem absoluten Top-Ergebnis von 2008 mit 362 Millionen Dollar.

Was beeindruckend vorführte, dass lärmende Occupy-Wall-Street-Demonstranten vor der Tür, Sotheby's unfassbar aggressives Wachpersonal, die wirtschaftliche Unsicherheit und Unruhen an den Finanzmärkten den Geschäften mit der Kunst nicht schaden – sondern anscheinend mehr Sammler dazu bewegt, ihr Geld in Kunst anzulegen. Um, wie ein Experte von Sotheby's anmerkte, einen sicheren Hafen für ihr Geld zu finden. “Die Leute haben lieber Kunst als Gold oder Papier”, meinte der LA-Sammler Eli Broad gegenüber der New York Times. Die New Yorker Kunstberaterin Thea Westreich bezweifelt die Investment-Theorie. “Die Leute, die an diesem Abend Kunst gekauft haben, machen es aus Leidenschaft. Niemand gibt mehr als 60 Millionen Dollar für eine Arbeit aus, um damit Geschäfte machen zu wollen”, meinte Westreich. “Ich hatte keine Ahnung, dass es dermaßen viele Sammler mit dermaßen viel Geld gibt – und ich bin seit 30 Jahren im Geschäft.”