Auktionen - London

Time-out für Richter?

Beobachter spekulieren über erste Risse bei den Preisen von Warhol und Richter. Einige ihrer Bilder blieben bei den Auktionen während der Londoner Kunstmesse Frieze unverkauft. Rekorde gab es für jüngere Künstler. Das absolute Toplos der Woche war überraschend das Werk eines Italieners.

Die Auktionshäuser lieben ihre Auktionen zeitgenössischer Kunst, die während der Londoner Messe Frieze stattfinden. "Da herrscht immer eine ganz besondere Atmosphäre", sagte Auktionator Jussi Pylkkänen, Europa-Chef bei Christie's. Und Cheyenne Westphal, seine Kollegin bei der Konkurrenz Sotheby's, stimmte ihm zu: "Der Raum ist voller als bei anderen Auktionen", sagte sie, "und es kommen Sammler, die wir sonst selten bei uns sehen."

Das schlug sich auch in diesem Jahr in hohen Preisen und Auktionsrekorden für Künstler nieder, die noch am Anfang ihrer Auktionskarriere stehen. Der in Berlin lebende rumänische Maler Adrian Ghenie ist ein gutes Beispiel. Sein Gemälde "Duchamps Funeral I" (2009) erzielte bei Sotheby's mit 1 Million Pfund (1,3 Millionen Euro) mehr als das Doppelte des unteren Schätzwerts. Auch Israel Lund und der Vietnamese Danh Vo schnitten gut ab und erzielten Rekorde. Bei Christie's waren es etwa die Amerikaner Joe Bradley und Louis Eisner, ganze 26 Jahre alt, sowie der in Berlin arbeitende Kanadier Brent Wadden, bei dem sich der Rekord allerdings von selbst verstand: Von ihm war vorher noch nie ein Werk unter den Hammer gekommen.

Die beiden großen Häuser konnten mit den Gesamtergebnissen der Abendauktionen mehr als zufrieden sein. Christie's gewann erneut den Konkurrenzkampf mit 40,3 Millionen Pfund (50,2 Millionen Euro) gegenüber 28,2 Millionen Pfund (35,4 Millionen Euro) bei Sotheby's. Toplos bei Christie's war "The Heart of Old San Juan" (1999) des in Trinidad lebenden Malers Peter Doig, das für 4,5 Millionen Pfund (5,6 Millionen Euro) an einen anonymen Sammler ging. Toplos bei Sotheby's war "Peinture" (1958) des französischen Abstrakten Pierre Soulages. Ein Sammler aus Asien erhielt mit 2,6 Millionen Pfund (3,3 Millionen Euro) den Zuschlag. Martin Kippenbergers "Ohne Titel (Meine Lügen sind ehrlich)" (1992) war auf 2,5 bis 3,5 Millionen Pfund (3,1 bis 4,4 Millionen Euro) geschätzt. Das an Picassos klassizistische Periode erinnernde nackte Selbstporträt voller Selbstironie ging für 2,6 Millionen Pfund (2,9 Millionen Euro) an das Yuz Museum in Shanghai.

Erste Risse

Der kleine Bruder Phillips hielt seine Auktion zum ersten Mal in schicken neuen Räumen am Berkeley Square ab. Der neue Chef Edward Dolman mischte gleich kräftig mit und ersteigerte am Telefon für einen Kunden das Toplos des Abends, ein abstraktes Gemälde von Christopher Wool, für 2,1 Millionen Pfund (2,7 Millionen Euro). Der Gesamterlös blieb etwas hinter den Erwartungen zurück, und drei Werke von Andy Warhol sowie zwei von Gerhard Richter blieben unverkauft. Dolman sprach von "aggressiven", sprich überhöhten Schätzpreisen. Doch auch bei den beiden Großen schnitten die zwei sonst so stabilen Künstler nicht so gut wie erwartet ab. Das Toplos der Versteigerung von Werken der Sammlung Essl bei Christie's, Richters abstrakte Arbeit "Netz", blieb zunächst ohne Zuschlag und konnte erst nach der Auktion verkauft werden. Auf der Abendauktion hielt Richter eher sein Versprechen: Nur eines von fünf eingelieferten Werken blieb unverkauft, die anderen vier kamen unter die zehn teuersten Lose. Bei Sotheby's ging der einzige Richter zurück und auch ein Werk von Warhol blieb unverkauft. Zeigen sich erste Risse bei den Preisen der beiden Künstler, spekulierten einige Beobachter?

Die immer gleichzeitg stattfindenen Auktionen italienischer Kunst, vor allem Werke der Arte Povera, waren in diesem Jahr besonders erfolgreich. Sotheby's hatte mit einem Gesamterlös von 41,4 Millionen Pfund (52 Millionen Euro) für seine 49 Lose die Nase vorn. Das Toplos, "Achrome" (1958/59) von Piero Manzoni, eine in Querfalten gelegte weiße Leinwand, erzielte bei einem Schätzpreis von 5 bis 7 Millionen Pfund erstaunliche 12,6 Millionen Pfund (15,8 Millionen Euro). Das sind über 3 Millionen Pfund mehr als der bisherige Rekord für den Künstler. Es war gleichzeitig auch der höchste Preis der gesamten Auktionswoche. Manzonis seltene Arbeit ging an einen europäischen Sammler.

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