Gallery Weekend – Highlights 2008

Berliner Buletten

Die große Leistungsschau der Berliner Galerien ist zu Ende – wir haben noch einige Impressionen und zufällig aufgeschnappte Wortwechsel von der ersten "Art Berlin Contemporary" und dem Berliner Galeriewochenende für Sie gesammelt.
Berliner Buletten:Impressionen von der "Art Berlin Contemporary"

Kunst-Kimonos, Bratwürste und subversiver Berlin-Schick: Weitere Impressionen von der "Art Berlin Contemporary" und dem Berliner Galeriewochenende

Zufällig mitgehörte Wortwechsel I

Vernissage der "ABC", der Ausstellung, für die Galeristen keinen Kurator mehr brauchten. Dialog in den Dunstschwaden des Catering vom Grill Royal: Max Hollein, Chef von Schirn und Städel in Frankfurt: "Was riecht hier denn so gut?" Antwort von Maler Eberhard Havekost: "Ach, die grillen nur Kuratoren."

Scheiß auf Donatella

Wer sagt denn, dass alle Fashionleute total hohl sind? Bei Bourouina, einer neuen Galerie in der Charlottenstraße, gab es eine richtig subversive Ausstellung zu entdecken. Drei Modedesign-Studenten der UdK, Mads Dinesen, Janosch Mallwitz und Lisa Runde, haben die Galerieräume in eine schicke Boutique verwandelt. Im Angebot: Overalls im obligatorischen Kuratoren-Schwarz, Duftwasser im Apothekenlook, bedrohlich große Shoppingtüten und bizarrer Wandschmuck aus Pferdeschweifen. Der Tresen ist aus dicken Altkleiderballen gestylt, und hinter einem Papiervorhang befindet sich der ultimative Schrein für den Modegott mit modischen Opfergaben. Dazu haben die drei ein flammendes Manifest verfasst: "Volk – Ihr fehlgeleiteten, verirrten Fashionisten. / Sie, die Feilscher, jauchzen als falsche Propheten hinter schimmernden Tresen. / Ihr lasst Euch blind durch die Plexiglaslabyrinthe führen. / Durchsucht getrieben von Fashionsoundtracks die Kleiderstangen. / Vernebelt von Parfümkreationen. / Betäubte Sinne (...) / Steht auf, entmachtet die Prozession der Gelaberten, wiedersetzt Euch der Gewaltherrschaft der VIP-Jünger. / Öffent die Augen, lasst Euch nicht blenden von ihrem Gefolge der Abstumpfung, das ein Strohfeuer der Ergebenheit auslöst. / Scheiß auf Donatella. / Scheiß auf Donatella. / Scheiß auf Donatella (...) / Seid pervers. / Befreit euch von Fashion, lebt Mode. / Seid subversiv. / Entsagt der Gefälligkeit (...)

Hipster ja, Sammler nein

Keine deutsche Stadt kann aus dem Stand eine solche Menge aus jungen, hippen Besuchern mobilisieren wie Berlin. Das Gefühl, man nehme an einer ganz heißen Sache teil, ist auf jeden immer garantiert – auch auf der "ABC". Ob auch halbwegs potente Käufer kommen, ist eine andere Frage. Internationale Sammler wurden jedenfalls kaum gesichtet.

Holzklötze und Pappkartons

Eine Ecke in der "ABC". Aufgereihte Holzklötze von Carl André vor gestapelten Zellstofftaschentüchern von Thomas Rentmeister unter einem Bogen von ineinandergesteckten Pappkartons von Tobias Putrih: Kunst ist, wenn man viel vom Gleichen nimmt.

Der Pionier

Cai Wagner ist ein unerschütterlicher Optimist. Acht Jahre lang präsentierte der auf zeitgenössische Fotografie und Malerei spezalisierte Galerist sein Programm in einem kleinen Showroom am Koppenplatz, Mitten im Kunst-Bermudadreieck August-, Linien- und Gipsstraße, und in direkter Nachbarschaft zu den Kunst-Werken. Jetzt ist die Galerie umgezogen in die Karl-Marx-Allee 87, Ecke Straße der Pariser Kommune. In dieser Gegend dominieren triste Ost-Wohnblocks, Küchenstudios und Änderungsschneidereien das Staßenbild. Der einstige Prachtboulevard zu Ehren Stalins ist jenseits von Strausberger Platz, Café Moskau und Kino International immer noch kulturelles Notstandgebiet. Das hat Wagner aber nicht abgehalten, einen riesigen Laden – zu DDR-Zeiten residierte dort ein Exquisit-Shop – zur neuen Dependance zu machen. Die alten Schichten der Geschichte, vom Linoliumboden, über Sperrholzeinbauten bis zu den abgehängten Decken wurden rausgerissen. Im ruppig-rohen Betonambiente präsentiert Cai Wagner und seine Geschäftspartnerin Margret Uhrmeister unter neuem Namen (Wagner + Partner) nun ihre Künstlerriege. Zur Eröffnung gab es Totenkopfbilder von Peter Dreher, morbide Fotoarbeiten und Objekte von Natascha Stellmach, darunter auch ein Joint aus Haschisch und Asche von Kurt Curbain, und anonyme Künstlervideos mit gesungenen Spam-Texten. Im Vernissage-Rummel ging die Kunst fast ein wenig unter, so begeistert waren alle nur von der Location. Kurz nach Mitternacht kam sogar eine Gruppe südkoreanischer Künstler vorbei, die mit ihren teuren Kameras fasziniert die monumentalen Betonpfeiler ablichteten. Wagner hofft natürlich, dass sich noch andere Kollegen in der Gegend ansiedeln. Genügend leere Läden gäbe es jedenfalls – und jede Menge Platz davor für Grillpartys vor der Haustür.

Und Lybke rockt bei Ruin

Richard Ruin und Band, am Donnerstag kurz vor Mitternacht live in den Kunstwerken: Ein Stück altes West-Berlin lebt auf. Man denkt unweigerlich an die achtziger Jahre, als australische Undergroundbands wie Nick Cave & The Bad Seeds, Crime And the City Solution oder Hugo Race And The True Spirit in der Mauerstadt lebten und spielten. Der Maler Martin Eder gibt seine Kunstfigur Richard Ruin als zu spät gekommenen Gruftrocker: weißes Hemd und Samtweste, tiefe wabernde Stimme, Hallregler voll aufgedreht, ganz viel "Darkness" und "Desperation" in den Texten. Seine Galerist Gerd Harry Lybke kommentierte das Konzert am nächsten Morgen: "Ich habe gemerkt, dass die Frauen im Publikum voll mitgegangen sind, und so habe ich mich beim Tanzen dann auch richtig ins Zeug gelegt".

Berlin, Berlin, wir kaufen in Berlin

In Berlin wird nicht nur alles mehr – mehr Galerien, mehr Publikum, mehr Künstler – sondern es wird auch alles größer. In der neuen "Halle am Wasser" verkauft die Galerie Arndt und Partner Großformate von Jonas Burgert – gefühlte dreißig Quadratmeter messen die Gemälde, und gemalt wurden sie direkt in den Galerieräumen, um das Problem des Transports zu umgehen. Hauptsächlich amerikanische Sammler interessierten sich für die Werke, nach dem urmamerikanischen Motto "Think Big".

Zufällig mitgehörte Wortwechsel II

Auf der "ABC" steht eine Galeristin neben der Videoinstallation ihrer Künstlerin. "Man weiß nicht so richtig, wo man sich hier aufhalten soll", sagt sie. "Als Galerist fühlt man sich fehl am Platz." Nötig ist ihre Präsenz aber schon: Den Galeristen wurde verboten, auf den Beipackzetteln zu den Werken irgendwelche anderen Informationen außer den Werktiteln unterzubringen.

Made in Japan

In der Galerie Gebr. Lehmann wird man von einem wasserköpfigem Buddhawesen begrüßt, schrill-bunt bemalt, die Beinchen im Lotusstitz, und mit bedrohlicher Kindercomic-Fratze. An den Wänden wird das Motiv in psychedelischen Ölbildern wieder aufgegriffen. Man denkt automatisch an Takashi Murakami und seine süßlich-grelle Manga-Kunst. Dazwischen tippelt eine junge Asiatin auf High-Heels und im grell bedruckten Seidenkimono herum und posiert mit ausgebreiteten Armen für die Besucher. Die Künstlerin? Nein, sie ist ein Model, das der japanische Künstler Keiichi Tanaami angeheuert hat, damit seine Werke auch die nötige Beachtung finden. Der Meister selbst, ein 72-jähriger Herr mit lichtem Haar und großer Brille, steht etwas scheu in der hinteren Ecke. In Japan sei er sehr bekannt, erklären die Galeristen, der künstlerische Vater von Murakami sozusagen. Die coole Nummer mit dem Kimono-Model macht ihm jedenfalls so schnell kein Künstler nach.

Auch die Temporäre Kunsthalle lud zum Empfang

Am Rande des Galeriewochenendes: Ein erster Empfang für Neugierige auf der Terrasse der Temporären Kunsthalle auf dem Schlossplatz. Das Gebäude ist von außen fertig, der Künstler Gerhard Rockenschaub hat für die Fassade das schöne, beiläufige Bild einer verpixelten Wolke entworfen. Der Innenausbau ist noch nicht abgeschlossen, aber einen ersten Blick kann man hineinwerfen: Die Kunsthalle wird beherrscht von einem 600 Quadratmeter großen Ausstellungsraum, in dem problemlos gigantische Jeff-Koons-Skulpturen untergebracht werden könnten. Hinzu kommen ein Buchladen und ein Café. Die Eröffnungsausstellung ab dem 30. Oktober bestreitet die Videokünstlerin Candice Breitz.

Walther König, Starbuck des Geistes?

Den Buchladen in der Kunsthalle wird selbstverständlich der Kölner Kunstbuchladen-Veteran Walther König betreiben. Gerade erst hat er in der Nähe der Museumsinsel eine weitere – extrem weitläufige und gut sortierte – Filiale seines Buchimperiums eröffnet. Damit wird es bald fünf Läden in Berlin geben – Walther König, der Starbuck des Geistes in der Kunstmetropole Berlin?

Bratwürste für alle

Das Künstlerlokal "Grill Royal" tritt bei der "ABC" als Caterer auf: Bratwürste und Beck’s Bier für alle! So hat der eigentlich ironisch gemeinte Name doch noch eine Bedeutung bekommen.

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