Tefaf Maastricht 2011 - Kunstmesse

Rembrandt, Cranach und die Büchse der Pandora

Die Tefaf in Maastricht ist wie jedes Jahr ein wichtiges Ereignis in der Kunstwelt. Ein Muss für jeden Sammler und Kurator. Das teuerste Werk in diesem Jahr ist ein Rembrandt-Gemälde von 1658, was für 47 Millionen Dollar den Besitzer wechseln soll. Die Veranstalter sind gespannt.
Teure Kunst:Kunstmesse Tefaf

Mit 47 Millionen Dollar das teuerste Gemälde auf der Kunstmesse. Rembrandt Harmensz van Rijn: "Porträt eines Mannes, der die Hände in die Seiten stemmt", 1658, Öl auf Leinwand, am Stand der Galerie Otto Naumann

Jedes Jahr ist er nach den zehn Messetagen im März fix und fertig und will mit der Tefaf nichts mehr zu tun haben - auch wenn es die feinste und beste und teuerste Kunst- und Antiquitätenmesse der Welt ist.

Was Otto Naumann allerdings nicht davon abhält, dennoch jedes Jahr wieder mit von der Partie zu sein: "Es ist wie mit dem Kinderkriegen", findet der New Yorker Kunsthändler. "Wenn eine Frau das zweite bekommt, hat sie auch längst vergessen, dass sie sich nach der Geburt des ersten geschworen hat, es nie mehr so weit kommen zu lassen!"

Und so ist der kleingewachsene grauhaarige Amerikaner auch zur 24. Tefaf wieder in bester Gesellschaft angereist: mit einem Frans Hals im Reisegepäck, einem Bernardo Bellotto – und einem stattlichen Rembrandt-Gemälde von 1658, dem "Porträt eines Mannes, der die Hände in die Seiten stemmt".

Es stammt aus dem Besitz von Steve Wynn, Spross einer britischen Adelsfamilie und Casino-Magnat aus Las Vegas, und ist eines der wenigen Gemälde aus Rembrandts letzter Lebensphase. Der Künstler malte es 1658, zwei Jahre, nachdem er Bankrott hatte anmelden müssen und auch sein Haus an der Jodenbreestraat verlor, das heutige Rembrandthaus. "Wer abgebildet ist, wissen wir nicht", so Naumann. "Es könnte ein Admiral sein oder ein Pirat, es ist in jedem Falle ein mediterraner Typ!" Der Amsterdamer Professor Ernst van de Wetering, als Leiter des Rembrandt Research Projects DER Rembrandt-Kenner schlechthin, hat dem Porträt bereits das Prädikat "Meisterwerk" bescheinigt. Dementsprechend stolz ist der Preis: 47 Millionen Dollar will Naumann dafür haben, umgerechnet 66 Millionen Euro.

Damit ist der Rembrandt das teuerste Werk der diesjährigen Tefaf. Insgesamt 260 Händler aus 16 Ländern breiten dieses Mal in geschmackvoll dekorierten Stands ihre Schätze aus – anno 2011 in einem Blumenmeer aus tiefroten Nelken, zartrose Tulpen und Magnolien. Alles in allem geht es um 30 000 Kunstobjekte, darunter neben Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen auch Möbel, Porzellan und Schmuck. Ein 170 Mann starkes Expertenteam hat alle Exponate zuvor wie immer auf ihre Echtheit hin überprüft und strengsten Qualitätskriterien unterworfen. Denn noch immer gilt: Das Beste ist für die Tefaf gerade gut genug.

Zum Besten der 24. Ausgabe zählen neben dem Rembrandt-Porträt die Olivenholzskulptur "Oiseau Lunaire" von Miro, der größte gelbe Diamant der Welt "Delaire Sunrise", Flusslandschaften von Salomon van Ruysdael, eine Madonna von Lucas Cranach d. Ä., gleich vier Gemälde von Frans Hals, mehrere Renoirs und ein von Salvador Dali entworfenes Juwel, die mit Diamanten und Lapislazuli bedeckte goldene "Pandora’s Box".

Aber hat die aktuelle politische und wirtschaftliche Weltlage – angefangen bei der Wirtschaftskrise über Libyen bis hin zu den katastrophalen Ereignissen in Japan – vielen Sammlern nicht die Kauflaune verdorben? Reisen sie überhaupt an?

"Ich bin gerade meine Kundenliste durchgegangen – also, die kommen alle!" weiß Heike Grossmann, Direktorin der auf deutschen Expressionismus spezialisierten Galerie Thomas in München. Sie hat als wichtigstes Stück dieses Jahr ein doppelseitig bemaltes Gemälde von Erich Heckel mitgebracht. Die Tefaf sei ein wichtiger Punkt in Kalendar eines jeden Sammlers und Kurators und das "erste museale Schwergewicht des Jahres, mit dem der Markt nach der Armory in New York nun wieder so richtig angekurbelt" werde.

Ihr Kollege Eddy Schavemaker von der Maastrichter Galerie Noortman übt sich ebenfalls in Optimismus: Die Sammler und Museumsdirektoren werden kommen, so prophezeit er: "Auch aus den USA - Krise oder keine Krise!" Noortman gehört zu den Mitbegründern der Tefaf und kann mit zwei der vier Hals-Werke aufwarten, die auf der diesjährigen Messe angeboten werden: dem 1637 entstandenen Doppelporträt eines Ehepaares, nur zusammen zu haben für 12,5 Millionen Dollar: "Wir sind gespannt auf die Reaktionen, wir haben das bislang nicht bekanntgemacht, wir wollten für eine Überraschung sorgen."

Auch der Londoner Kunsthandel Dickinson hat sich das Beste für die Tefaf aufgehoben: Renoirs "Jeune Femme Cueillant des Fleurs" von 1874, ein impressionistisches Frühwerk, das nun für 15 Millionen Dollar den Besitzer wechseln soll. Es stammt aus dem "Sterling and Francine Clark Institute", einem Privatmuseum in Massachusetts, und zeigt Camille Donciaux, die erste Frau von Monet, auf einer Wiese in St. Cloud ausserhalb von Paris beim Blumenpflücken, ihren Sonnenschirm hat sie ins Gras geworfen. Monet und Renoir waren lebenslange Freunde und malten oft zusammen, Camille begleitete sie manchmal und taucht deshalb auch auf vielen Werken ihres Mannes auf, so etwa auch auf den berühmten "Coquelicots". Da sie an TBC litt und immer eine schwache Gesundheit hatte, starb sie mit nur 32 Jahren nach der Geburt ihres zweiten Kindes. Monets zweite Ehefrau war krankhaft eifersüchtig auf ihre Vorgängerin und hat nahezu alle Fotos, auf denen Camille abgebildet war, zerstört. "Dieses Gemälde kommt nun zum ersten Mal auf den Markt", betont Dickinson-Mitarbeiter Hugo Nathan. Er hofft, dass sich die Sammler diese Gelegenheit nicht entgehen lassen: "Es gibt schließlich keinen sichereren Ort, um sein Geld zu investieren, als die Kunst!"

Walter Senger von der gleichnamigen Bamberger Galerie kann ihm da nur beipflichten. Japan hin, Weltwirtschaftskrise her: "Wer leidenschaftlich sammelt und Geld hat, lässt sich davon nicht abhalten!" Senger hat eines der zweifellos zauberhaftesten Werke der diesjährigen Tefaf in petto, die "Maria mit Jesus und dem Johannesknaben" von Lucas Cranach d. Ä. Sie stammt aus dem Besitz der Großherzöge von Sachsen-Weimar-Eisenach und hing im späten 19. Jahrhundert auf der Wartburg neben der Lutherstube. Nach 1945 galt das Bild als verbrannt, aber vor kurzem stellte sich heraus, dass es durch die Erben verkauft worden war und sich seitdem in Privatbesitz befand. "Wir haben es jetzt ein Jahr – aber wir haben gewartet, um es in Maastricht der Öffentlichkeit zu zeigen", erzählt Senger, für den die Tefaf bereits zum 16. Mal ein Muss ist, schließlich gehe es um die "größte Leistungsschau der Welt für Kunst und Antiquitäten". Neben dem Cranach zeigt er vor allem mittelalterliches Skulpturen, das sei ein echter Trend: "Das Interesse ist groß, eine gute Skulptur bekommt man schon für 60 000 bis 100 000 Euro, für ein Gemälde muss man ein Mehrfaches zahlen."Zum Beispiel 2,9 Millionen Euro für seinen Cranach. Aber auch für den, so schmunzelt Senger, sei ein potenzieller Käufer schon im Anflug. Erstens, das dürfe man nicht vergessen, sei Cranach nach den Ausstellungen in Brüssel und Paris populär: "Seitdem ist die deutsche Renaissance international sehr gefragt, auch bei den Museen." Zweitens habe sich der Markt schon im Vorfeld der Tefaf beruhigt, die Geschäfte seien in den letzten Monaten besser gelaufen als im Vorjahr. An Kunst bestehe wieder Interesse, speziell an alter Kunst.

Diese Entwicklungen bestätigt auch der "Tefaf Art Market Report" über den Kunstmarkt 2010: Nach dem schweren Einbruch 2009 hat sich der globale Kunstmarkt im vergangenen Jahr spektakulär erholt und um 52 Prozent auf 43 Milliarden Euro zugelegt.

Das gilt auch für die zeitgenössische Kunst, die sich im freien Fall zu befinden schien: Ihr Umsatz ging 2009 um 66 Prozent zurück, ist 2010 aber wieder um 86 Prozent gestiegen.

Zu verdanken allerdings ist das alles lediglich den Amerikanern – und den Chinesen, betont Clare McAndrew, die Erstellerin der Studie: "Das Wachstum auf dem chinesischen Kunstmarkt hat sich fast verdoppelt!"

Ein Blick auf das Messepublikum bestätigt das: Vor dem Rembrandt von Otto Naumann drängt sich eine Gruppe chinesischer Besucher und macht Fotos. Naumanns Münchner Kollege Konrad Bernheimer hat gleich am ersten Tag dem chinesischen Fernsehen ein halbstündiges Interview gegeben: „Das Interesse der Chinesen an westlicher Kunst wird weiter wachsen“, prophezeit er. „Bald werden Madonnenbilder an chinesischen Wänden hängen, warum auch nicht – wir interessieren uns schließlich auch schon seit Grossvaters Zeiten für chinesische Kunst!“

Der Anteil der Chinesen am globalen Kunstmarkt beträgt nun 23 Prozent, damit mussten sich die Briten erstmals vom zweiten auf den dritten Platz verdrängen lassen. China steht nun weltweit gleich hinter den Amerikanern, die mit 34 Prozent nach wie vor an der Spitze stehen. Europa bringt es zwar insgesamt auf 37 Prozent, aber das sind 16 Prozent weniger als zu den besten Zeiten 2003. Schuld daran ist vor allem die europäische Steuergesetzgebung, allen voran das Folgerecht, das nichteuropäische Käufer und Händler abschreckt. "Europa muss aufpassen,dass es sich selbst nicht ins Abseits drängt", warnt Clare Mc Andrew auch dieses Jahr wieder. Was die neue niederländische Regierung allerdings nicht davon abgehalten hat, die Mehrwertsteuer für den Kunsthandel am 1. Januar von sechs auf satte 19 Prozent zu erhöhen. "Eine Schande!" wettert der New Yorker Otto Naumann. "Das ist nichts anderes als eine Strafsteuer für die Reichen! Damit zerstören die Holländer ihre eigene Kultur!" Sollte sich tatsächlich ein Käufer für seinen Rembrandt finden, dann werde er erstmal "nein" sagen und dafür sorgen, dass der Verkauf nicht in den Niederlanden stattfindet: "Es geht doch nicht an, dass der niederländische Staat an diesem Werk mehr verdient als ich!" Aber mitgebracht nach Maastricht hat er den Rembrandt dennoch. Es gehe schließlich um ein holländisches Bild von einem holländischen Meister: "Da verdienen es die Holländer zumindest, gucken zu dürfen."

Tefaf Maastricht

Vom 18. bis 27. März kann man täglich von 11 bis 19 Uhr die Kunstmesse besuchen
http://www.tefaf.com/