Tefaf Maastricht 2012 - Kunstmesse

Der Triumphzug Chinas

Die Tefaf in Maastricht feiert ihr silbernes Jubiläum. Wie erwartet ist das Messeangebot der rund 260 Händler aus aller Welt von höchster Qualität. Die alljährliche Kunstmarktanalyse der Tefaf hat in diesem Jahr als wichtigstes Ergebnis eine historische Wende festgestellt: China überholt die USA auf dem Kunstmarkt.
Das Beste ist gerade gut genug:25. Jubiläum der Tefaf in Maastricht

Bei der Tefaf gibt es strenge Qualitätskriterien. Ein 180 Mann starkes Expertenteam "verlässt sich nicht auf schriftliche Expertisen, sondern prüft jedes einzelne Werk genaustens auf Authentizität, Herkunft und Qualität", hier wird ein Tisch unter die Lupe genommen.

Gelb, blau, orange und grün. Und dann noch der himbeerfarbene Pinselstrich oben links: "Allein schon farblich lässt es sich mit Richter leicht leben", findet der New Yorker Kunsthändler Christophe van de Weghe und mustert das 200 mal 180 cm große Gemälde von Gerhard Richter, das er mit nach Maastricht gebracht hat, fast schon liebevoll: "Man braucht es nur an die Wand zu hängen und kann glücklich sein."

Wer es soweit kommen lässt, ist zwar um stolze 5,5 Millionen Dollar ärmer. Aber das Geld sei gut angelegt, versichert der Amerikaner: Erstens bekomme man dafür ein Gemälde, wie es für den derzeit wichtigsten zeitgenössischen Künstler typisch sei, "zweitens wird sein Wert mit Sicherheit steigen".

Das abstrakte Ölbild des deutschen Malers gehört zu den Highlights der 25. Tefaf (The European Fine Art Fair), die bis zum 25. März in Maastricht stattfindet. Und egal, ob Richter, Chagall, Picasso oder Miro, Gauguin und Degas, Rembrandt oder Rubens: Zum silbernen Jubiläum ist das Messeangebot wie erwartet qualitätsvoll, und die Tefaf macht ihrem Namen als beste, feinste und teuerste Kunst- und Antiquitätenmesse der Welt alle Ehre. Wie immer sind die Stände elegant und aufwendig eingerichtet und liegen an klangvollen Plätzen und Strassen wie dem Trafalgar Square oder Faubourg Saint Germain. Und wie immer haben sich die rund 260 Händler aus aller Welt das Beste für Maastricht aufgehoben.

"Durstig auf schöne Dinge"

Buchstäbliches Schwergewicht dieses Jahr ist eine gut 600 Kilogramm schwere Skulptur von Henry Moore aus dunklem Marmor, zu haben für 26,8 Millionen Euro bei Robert Landau aus Montreal. Der kanadische Kunsthändler, der einst selbst als Sammler begann, hat auch ein paar außergewöhnliche Gemälde von Le Corbusier mitgebracht, aus der Kollektion von dessen Muse Heidi Weber. Reiche Leute gebe es überall, so Landau, und "die sind durstig auf schöne Dinge."

Sechs Stände weiter, am Place de la Concorde, bietet Dickinson aus New York für 3,8 Millionen Dollar seine "Kartoffelernter" van Vincent van Gogh feil; sie entstanden im selben Jahr wie die berühmten "Kartoffelesser". Und an den Champs Elysées schaut der Londoner Kunsthändler Johnny van Haeften zu, wie einer seiner Mitarbeiter vorsichtig ein Blumenstilleben von Ambrosius Bosschaert zurück an die Wand hängt, das für 2,35 Millionen Euro den Besitzer wechseln soll. Es zeigt eine Blumenvase in einem bogenförmigen Fenster, dahinter eine Landschaft: "Eine einzigartige Gelegenheit", versichert van Haeften. Schließlich gebe es nur sechs solcher Blumenstillleben von Bosschaert, von denen sich vier in Museen befinden.

Bruegel und Bosschaert in Einkaufstaschen

Van Haeften hatte seinen Bosschaert für einen Fototermin gerade an die Kollegen der "Fine Art Society" ausgeliehen. Denn dort kann eine zeitgenössische Interpretation des alten Blumenstillebens bewundert werden, zu haben in einer Auflage von zwölf Exemplaren für jeweils 80 000 Euro. Sie zeigt das Gemälde als Bildschirm, auf dem ein drei Stunden langer Film zu sehen ist: Wer die Geduld aufbringt, länger vor dem digitalen Bosschaert zu verweilen, sieht, wie es Nacht wird und dann wieder der Morgen anbricht, wie eine Brise Wind die Blumen zum Erzittern bringt, eine Libelle durchs Bild fliegt und eine Raupe an einem der Blumenstängel empor klettert.

Da der alte Bosschaert zum Messeauftakt natürlich kurz neben dem digitalen gezeigt werden musste, klemmte sich ein Mitarbeiter von van Haeften das Bild kurzerhand unter den Arm und trabte damit zwei Ecken weiter zu den Kollegen von der "Fine Art Society". "Alte Meister sind zuweilen ja bemerkenswert robust", meint van Haeften. Manchmal, wenn er in London selbst zu einem Fototermin muss, steckt er sie einfach in zwei Einkaufstaschen von Marks & Spencer und läuft damit in aller Seelenruhe durch die Stadt, rechts ein Brueghel, links ein Bosschaert: "Es ahnt ja keiner, was drin steckt!" so van Haeften lachend, worauf sein Mitarbeiter nur trocken kontert, dass es nun vielleicht an der Zeit sei, zur Sicherheit auf Harrod's oder Woolworth umzusteigen.

"Upgraden nein, downgraden ja"

Van Haeften war schon vor 25 Jahren mit dabei. Er erinnert sich noch genau, wie gähnend leer die Messehallen damals waren, die Händler vertrieben sich die Zeit damit, Boules zu spielen oder sogar Bowling. Inzwischen bleibt dafür weder Zeit noch Raum. Auch zur 25. Tefaf werden bis zu 70 000 Besucher aus aller Welt erwartet, allein an den ersten drei Tagen kamen 27 000. Manchmal reißt sich die Kundschaft regelrecht um ein Kunstwerk. So kam es, dass Johnny van Haeften einen alten Meister gleich zweimal verkauft hat: "Meine Frau und ich teilten uns gegenseitig hocherfreut den Verkaufserfolg mit – um dann festzustellen, dass es um ein- und dasselbe Bild ging. Wir haben dann einen Kunden sehr glücklich gemacht - und einen verloren!"

Zum Erfolgsgeheimnis der Tefaf zählt die Bandbreite: Das gesamte Spektrum von der Antike bis zur Gegenwart wird abgedeckt. Zweiter Grund sind die strengen Qualitätskriterien: Für die Tefaf ist das Beste gerade gut genug. Darüber wacht ein 180 Mann starkes Expertenteam: "Es verlässt sich nicht auf schriftliche Expertisen, sondern prüft jedes einzelne Werk genaustens auf Authentizität, Herkunft und Qualität", sagt der Münchner Kunsthändler Konrad Bernheimer. Dass diese Jury auf Fälscher hereinfällt, hält Bernheimer so gut wie ausgeschlossen – auch wenn diese noch so genial seien, so wie derzeit im spektakulären deutschen Kunstfälscherskandal. Auf der Tefaf bekämen die Händler eher das Gefühl, dass sie ungerecht behandelt werden und ein in ihren Augen gutes Bild zurückgewiesen wird: "Upgraden nein, downgraden ja", so Bernheimer.

Davon kann auch sein Londoner Kollege van Haeften ein Lied singen: "Uns zittern ja manchmal regelrecht die Knie, wenn wir vor dem Messestart auf das Ergebnis der Jury warten müssen, um zu erfahren, was vor ihren Augen Gnade gefunden hat und was hängen bleiben durfte und was nicht!"

Lesen Sie auf der nächsten Seite über den Geschäftsstart in diesem Jahr, die Entwicklung der Messe und bahnbrechende Ergebnisse der diesjährigen Tefaf-Kunstmarktanalyse.

Große Erleichterung

Der dritte Grund für den Erfolg der Tefaf ist die geografische Lage: Wer sich die Mühe macht, nach Maastricht in die Provinz zu reisen, tut das ganz bewusst und bleibt mit durchschnittlich sieben Stunden fast viermal länger als auf anderen Messen in Paris oder London, so Bernheimer: "Und je länger sich ein Mensch auf einer Messe aufhält, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er auch wirklich kauft." Was die Tefafbesucher schon gleich in den ersten Stunden taten. Überall waren rote Punkte zu sehen: auf Zeichnungen von Andy Warhol, einer Skulptur von Anish Kapor oder Gemälden von Lucas Cranach d. Ä. und Pieter Bruegel.

Bernheimer verkaufte innerhalb von drei Stunden eine "Kreuzigung" von Rubens (Fragpreis 3,5 Milllionen Euro) an ein niederländisch-amerikanisches Sammler-Ehepaar, bei French & Company aus New York wechselte ein Giuseppe Arcimboldo den Besitzer und bei Noortman aus Maastricht ein Jan van Huysum und ein Adrian Coorte. Die Erleichterung war groß, denn im letzten Jahr war die Stimmung doch etwas gedrückt gewesen: Da hatte die Tefaf nicht nur die Finanzkrise zu fürchten, sondern auch die Auswirkungen des arabischen Frühlings und des Tsunamis in Japan. "Das war alles ein bisschen zuviel des Bösen", erinnert sich Bernheimer.

Zeitgenössische Kunst im Aufwind

Der Kunstmarkt allerdings hat sich von all dem erstaunlicherweise nicht sonderlich beeindrucken lassen – im Gegenteil. 2009 war es wegen der Finanzkrise zwar zu einem starken Einbruch gekommen, doch davon hatte sich der Markt schon im letzten Jahr wieder überraschend stark erholt: "Kunst wird immer mehr als sichere Vermögensanlage betrachtet", sagt Kulturökonomin Clare McAndrew. Im Auftrag der Tefaf hat sie so wie jedes Jahr in Maastricht zum Messeauftakt ihre Kunstmarktanalyse präsentiert. Ergebnis: Der globale Kunstmarkt ist 2011 weiter gewachsen, und zwar um sieben Prozent auf 23,1 Milliarden Euro. Verglichen mit dem Krisenjahr 2009, wo das Volumen drastisch gesunken war auf 13,1 Milliarden Euro, bedeutet dies eine Steigerung von 63 Prozent.

Vor allem der Sektor der zeitgenössischen Kunst befindet sich weiter im Aufwind: Nach seinem Höhenflug 2008 musste er 2009 die dramatischsten Einbrüche hinnehmen, wuchs dann jedoch zwei Jahre hintereinander stark und hat nun mit einem Gesamtvolumen von 955 Millionen Euro sogar sein Rekordjahr 2008 (915 Millionen) überflügelt. Kulturökonomin McAndrew präsentierte in Maastricht auch die wichtigsten Veränderungen des Kunstmarktes seit Bestehen der Tefaf: Erstens ist der Markt extrem global geworden, statt einiger weniger westlichen Zentren wie New York oder London gibt es nun sechs oder sieben Zentren, darunter mehrere in Asien. Zweitens hat das Internet den Kunstmarkt demokratisiert und ist für viele Menschen zu einer ermutigenden Info-Quelle geworden. Drittens hat sich der Geschmack geändert: Zeitgenössische Kunst ist beliebter geworden als Antiquitäten und alte Meister, "was aber nicht heißt", so McAndrew, "dass dies nicht wieder anders werden kann".

Aufstieg Chinas

Vierte Entwicklung: Galerien sind eventabhängiger geworden und machen 30 Prozent ihres Umsatzes über Messen. Deren Bedeutung ist in den letzten zehn Jahren stark gestiegen, so die Kunstmarktexpertin. Fünfter Punkt: Der Kunstmarkt ist flexibler geworden, was neue Typen von Agenten hervorgebracht hat. Dabei treten auch die Künstler selbst zunehmend als ihre eigenen Agenten auf, um sich ohne das Einschalten von Zwischenpersonen selbst zu vermarkten. In China ist genau der umgekehrte Trend zu bemerken: Dort haben Künstler bislang traditionell ihre Kunst selbst an den Mann oder die Frau gebracht: "Jetzt entstehen dort verstärkt Galerien und Agenten."

Womit McAndrew beim wichtigsten Ergebnis ihrer Kunstmarktanalyse angekommen ist: dem Aufstieg Chinas. Während Europa weiter an Bedeutung eingebüßt hat und aufgrund von Steuern und Vorschriften zunehmend als teurer und komplizierter Ort gilt, den man für Geschäfte besser meiden kann, hat China zum Triumphzug angesetzt: Kein Markt wächst so schnell und stark wie der chinesische: Was die Auktionen betrifft, war er 2010 bereits um schwindelerregende 177 Prozent gewachsen, 2011 hat er nochmals 64 Prozent zugelegt.

Der chinesische Anteil am Weltkunstmarkt ist von 23 Prozent (2010) auf 30 Prozent (2011) gestiegen. Damit hat China schneller als erwartet, so McAndrew, die USA, die es nur auf 29 Prozent bringen, vom Thron gestoßen und ist zum wichtigsten Faktor auf dem Kunstmarkt aufgestiegen: "Erstmals nach 50 Jahren steht Amerika nicht mehr auf dem ersten Platz, sondern China – ein historischer Wendepunkt!"

Tefaf 2012

bis 25. März, Maastricht Exhibition & Congress Centre
http://www.tefaf.com/