Art Basel Hongkong 2014 - Messe-Check

...und Dita Von Teese tanzt im Sektkelch

Annähernd 60 000 Besucher zählte die Art Basel Hong Kong in diesem Jahr. Unser Autor machte den Messe-Check, ließ sich erdiger Malerei und einem Weihnachtsbaum beeindrucken und vergaß erst bei einer Videoarbeit den Trubel um sich herum.

V.I.P.-Faktor (von 1 "Vorsicht Ballack!" bis 5 "Brangelinaaah!"):

Eine fünf mit Sternchen. Wer denkt, Hongkong ist vor allem Umbrella-Protest und Geschäftstrickserei, war bei der Art Basel überrascht. Zwar liefen die Geschäfte wie gewohnt weiter, aber nach 17 Uhr gönnte man sich Kunstspaziergang.

Abdullah Al Turki, Sammler aus Saudi-Arabien, war ebenso da wie sein Kollege Budi Tek, ein chinesisch-indonesischer Unternehmer, der ein Museum nach dem anderen baut, nachdem er in China ein Vermögen mit Geflügel und Nahrungsmitteln gemacht hat. Museumsdirektoren wie Richard Armstrong vom Guggenheim in New York oder Nic Serota von der Tate in London lassen sich den Event als Treffpunkt für neue Ausstellungsdeals ohnehin nicht nehmen. Außerdem waren dank eines gleichzeitig stattfindenden internationalen Filmfestivals Susan Sarandon, Kate Moss, Naomi Campbell und Viktoria Beckham in der Stadt. Auf der Messe schoss allerdings Dita Von Teese den Vogel ab. Die Burklesktänzerin planschte sichtlich vergnügt auf der After-Preview-Party von Davidoff in einem Sektkelch. Der Zigarrenhersteller hatte den Pool des Grand Hyatt in Tabakwolken gehüllt und beim Millionärs- und Millardärs-Völkchen, das vorher zur VIP-Preview in Bentley und Rolls Royce angerauscht war, die Urinstinkte geweckt: Am üppigen Büffet wurden noch die dezentesten Gentlemen zu Food-Fightern, Damen wimmerten nach Gabeln oder griffen einfach mit den Fingern zu.

Das euphorische Galeristenzitat:

Justine Birbil, Direktorin der Galerie Michael Werner: "Am Abend der VIP-Preview kamen gleich ein paar Sammler und reservierten Bilder. Da dachte ich, das ist jetzt wie in Basel! Bisher hatte das immer ein paar Tage gedauert."

Mein Eindruck:

Das Geschäft lief wirklich gut. Viele Händler meldeten gleich für die ersten drei Stunden der VIP-Preview Verkäufe. David Zwirner verkaufte ein Bild von Chris Ofili mit Elefantendung in den ersten sechzig Minuten für zwei Millionen US-Dollar und legte kurz vor Türschluss noch eine Million aus einem Verkauf eines der neuen Gemälde von Neo Rauch dazu, die er vor Kurzem in der Galerie in New York gezeigt hatte. Aber von einem Insider war auch zu hören: "Viele Galeristen investieren noch und hoffen auf langfristige Kontakte." Die Großen machten schnelles Cash, viele kleine und mittlere Händler brauchten auch am Tag zwei der VIP-Preview Geduld. Das ist keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass Hotel- und Transportkosten in der Metropole am Perl-River-Delta hoch sind.

Der protzigste Preis:

Aquavella aus New York brachte drei Picasso-Porträts aus den vierziger und fünfziger Jahren mit. Eine "Feme au petit chapeau, assis" von 1942 sollte 25 Millionen US-Dollar kosten. Das hätte dem asiatischen Markt noch im vergangenen Jahr kein Händler zugetraut. "Die Sammler lernen extrem schnell und haben inzwischen auch im Bereich der klassischen westlichen Moderne gute Kenntnisse", sagt Michael Rastorfer von der Galerie Gmurzynska in Zürich. Er selbst war mit einem großen Bacon für 15,5 Millionen US-Dollar ganz gut mit dabei.

Für Einsteiger:

Der Verleger Poligrafia aus Barcelona bot schöne Drucke der Pariser Künstlerin Katia Santibanez für 800 Euro und vom spanischen Altmeister Antoni Tapies für 2000 Euro das Stück an.

Das Glas Sekt gab's für:

200 Hongkong-Dollar. Eine Cola kostete ein Zehntel davon, war aber nicht gut für die Figur und verursachte peinliche Bäuerchen unter den schicken VIPs.

Größter Hype:

Die verkleinerten, aber lebensechten Figuren des Australiers Sam Jinks. Eine nackte Frau kauert auf einem Sockel. Ein bekleideter weißhaariger Mann hält einen fast nackten jüngeren unter den Schultern fest, eine männliche Variante der berühmten Pieta, bei der die Männer natürlich – wie beim Pinkeln – stehen. Die Besucher standen am Stand von Sullivan+Stumpf Schlange, die beiden Arbeiten waren regelmäßig von ausgestreckten Armen mit Handys umrundet. Wer Pech hatte, übersah die zwei Skulpturen, weil außer einer Menschentraube nichts zu erkennen war.

Bester Stand:

Esther Schipper hat sich zwei Jahre Zeit gelassen, bevor sie sich zur Art Basel nach Hongkong aufmachte. Der Mai-Termin lag wegen des Galery Weekends in Berlin ungünstig. Die Verschiebung auf den März lockten sie und 19 weitere Galeristen zum ersten mal überhaupt oder nach längerer Pause wieder in die Möchtegern-Kulturmetropole Asiens. Was würde die Queen der Sprödigkeit dort zeigen? Schließlich will man die potenziellen Sammler nicht verprellen. Wie sich die Berliner Galeristin aus der Affäre zog, verdient alle Achtung: Da lehnten an der Wand sogenannte "Mailed Paintings", vom Postweg verdreckte weiße Leinwände, von Karin Sander, die härter kaum sein könnten. Diese Kunst der Exerzitien konnte man aber ganz locker über sich ergehen lassen. Denn sie wurde versüßt durch den Weihnachtsbaum, den der Franzose Philippe Parreno samt bunten Kugeln und Schnee auf den Zweigen 2009 entworfen hat: "Fraught times, for eleven months of the year it's an artwork and in December it's Christmas (March)" machte soviel gute Laune, dass man sich gar nicht anders als willkommen fühlen konnte. Da verstand es eine Galeristin zu jubilieren, ohne sich zu verbiegen.

Ging gar nicht:

Almine Rech Gallery zeigte den in Los Angeles lebenden Texaner Aaron Curry. Der Maler und Bildhauer ist mit seinen Referenzen auf alles, was zwischen Comic und Picasso Platz hat, zwar ziemlich angesagt, der Stand war dennoch einer der schrillsten und schwächsten Auftritte dieser Messe. Wie üblich hat Curry die Wände mit einer Art Grunddekoration überzogen, um einen Hintergrund für seine neusten Gemälde mit Neonfarben zu haben. Und trotz der Leere des weiten Standes musste man aufpassen, dass man nicht eine seiner bekannteren Skulpturen aus übermalten Holz- und Pappflächen rammte. Die Galeristen schauten dennoch so überzeugt jedem Besucher in die Augen, als könnte man bei ihnen einen Sechser im Lotto gewinnen.

Was sonst noch geschah:

In ihrem dritten Jahr hat die Art Basel Hongkong ihre erste Nebenmesse erhalten. Die früheren Betreiber der Vorgängermesse Art Hongkong, die bis letztes Jahr auch noch Anteile an ihrer Nachfolgerin hielten, ließen aus Malaysia (!) ein Zelt importieren und richteten darin ein paar hundert Meter vom Hongkong Convention and Exhibition Center direkt am Wasser eine veritable Alternative zum globalen Kunstereignis ein. Sauber gemacht, übersichtlich und hell, bot sie 75 Galerien aus 21 Ländern Gelegenheit, ihre Künstler vorzustellen und dem Publikum die Chance, Kunst ohne die große Ehrfurcht vor dem großen Geld wahrzunehmen. Natürlich glänzte nicht jeder Aussteller, aber die "Art Central" hat das Zeug, zur "Liste" der Art Basel Hongkong zu werden. Selbst Marc Spiegler, Direktor der Art Basel, zeigte sich begeistert. Je mehr Kunst, desto heller kann er glänzen.

Ich hätte selbst gerne gekauft:

Ein kleinformatiges Bild des Schweizer Malers Patrick Rohner, das der Zürcher Galerist Mark Müller für sagenhaft günstige 5500 US-Dollar anbot. Farbe so dick und intensiv wie Erde, Malerei als Landschaft, archaisch, kraftvoll, so roh wie der Tod und so zart wie ein Wind, der über Mohnblumen streicht.

Es reichte aber nur für:

Da das Weihnachtsgeld längst ausgegeben und der Sommerurlaub noch zu bezahlen ist, habe ich mich für eine traumhafte Viertelstunde vor dem neuen Video des belgischen Cineasten David Claerbout entschieden, das er in Hongkong gedreht hat. Die Langsamkeit und Präzision, mit der er sich einer Künstlerwohnung in einer der zahllosen Hongkonger Mietkasernen annähert, mit Klischeevorstellungen von asiatischen Gartenidyllen spielt und uns die Zeit vergessen lässt, hatte mit der Umtriebigkeit der Messe wenig, mit Meditation und genauem Schauen dagegen viel zu tun. So gelassen und konzentriert hat mich kaum ein anderes Kunstwerk auf dieser Messe gemacht.

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