Art Rotterdam / Object Rotterdam - Niederlande

Es bleibt eine Wundertüte

Nach wirklich Neuem hält man auf der Art Rotterdam und Object Rotterdam vergeblich Ausschau. Trotzdem bleiben die niederländische Kunst- und Designmesse rotzfrech und spannend.

Der Blick über das Wasser auf die Skyline von Rotterdam mit der kühn geschwungenen Erasmusbrücke von Star-Architekt Ben van Berkel ist wie immer atemberaubend. "Das macht schon auch etwas aus", weiss Rupert Pfab von der gleichnamigen Düsseldorfer Galerie. Er hat in den ehemaligen Terminals der Holland-Amerika-Linie dieses Jahr einen der besten Plätze mit der schönsten Aussicht erwischt: "Es ist hier halt nicht so ein Messegelände, wo eine Schuhmesse, eine Möbelmesse und dann mal eine Kunstmesse stattfindet, sondern ein historischer Ort, wo früher die Schiffe nach Amerika abfuhren", schwärmt der Galerist.

Und das alles auch noch tageslichtdurchflutet, unter großen Gewölben und Bögen, direkt an der Maas: "So einen breiten Fluss gibt es in Deutschland ja gar nicht mehr, selbst die Elbe in Hamburg ist nicht in dieser Breite. Das hat schon etwas sehr Großzügiges, man hat das Gefühl, es geht hier raus in die Welt!"

Seine Begeisterung teilt Pfab mit Kollegen und Besuchern: Nicht umsonst gilt die Art Rotterdam als Messe mit dem schönsten Standort der Welt. Bösen Zungen zufolge war das in manchen Jahren auch das Spektakulärste, was sie zu bieten hatte. Dennoch ist es ihr seit ihrer Gründung 2000 gelungen, sich einen Namen aufzubauen als junge und frische Messe, die neben den neuesten Trends auch mit erschwinglichen Preisen aufwarten kann. Klein, aber frech, denn mit nur 73 Teilnehmern wird die Art Rotterdam bewusst übersichtlich gehalten. Der Nachdruck liegt zwar nach wie vor auf niederländischer Kunst, aber gut ein Fünftel der Besucher und auch der gezeigten Kunst kommen inzwischen aus dem Ausland: "Viele Künstler, die hier präsentiert werden, sind gerade erst dabei sich zu etablieren", erklärt Messedirektor Michel Huyse. Das mache die Art Rotterdam nicht nur für geübte Jäger unter den Sammlern interessant, sondern auch für Anfänger und Durchschnittsverdiener: "Bei uns kann man auf Entdeckungsreise gehen."

Rotzfrech, quietschbunt und bedrohlich

Dabei stößt der Besucher allerdings wie schon im letzten Jahr vor allem auf Zweidimensionales wie Gemälde und Fotoarbeiten. Nach wirklich Neuem hält man vergeblich Ausschau. Daran wagt sich niemand in den Zeiten der Wirtschaftskrise.

Doch auch wenn der experimentelle Charakter zu wünschen übrig lässt: Eine ganze Reihe beeindruckender Arbeiten gibt es dennoch. Zum Beispiel die riesigen, knallbunten Gemälde von zerstörten Häusern und Hütten des in Paris lebenden afrikanischen Künstlers Duncan Wylie, mit denen Virgil de Voldere aus New York aufwartet. Oder die Bilder des Amerikaners Dennis Hollingsworth, den die Haarlemer Galerie Tanya Rumpff zeigt: Er trägt die Farbe so dick wie einen zäh fließenden Kuchenteig auf, so dass faszinierende Reliefs entstehen. Auf manchen Arbeiten prangen Farbkleckse so dick wie Seeigel, giftgrün und stachelig.

Rotzfrech sind die Reliefarbeiten von zerbeulten Fahrzeugen, die der Rotterdamer Künstler Ron van der Ende im Stand der Rotterdamer Galerie Delta an die Wand hängen konnte. Und düster-bedrohlich die Installationen seines Landmannes Pim Palsgraaf bei MKgalerie, ebenfalls Rotterdam: Rostige Fabrikteile, Wurzeln und Erdbrocken türmen sich zu einer dunklen Masse auf, die direkt aus Tolkins "Herr der Ringe" zu stammen scheint.

Die Art Rotterdam als Sprungbrett

Auch die eindringlichen Kinderporträts der Engländerin Nicky Hoberman haben trotz ihrer schrillen, quietschbunten Farben etwas Bedrohliches und Unheimliches. Hoberman ist in London bereits der Durchbruch gelungen, was sich sofort im Preis bemerkbar macht: 27 i000 Euro kostet das fliegende, gelb-grüne Mädchen auf ihrem Bild "Nightflight", mit dem Messedirektor Huyse selbst auf der Art Rotterdam vertreten ist.

"Natürlich wird die Wirtschaftskrise auch an uns nicht vorbeigehen", räumt er ein. Aber, so seine Prophezeiung: "Immer mehr große Sammler werden dadurch wieder auf zeitgenössische Kunst umsteigen – durch die Krise entstehen also auch neue Perspektiven!" Ob er Recht behält, bleibt abzuwarten. Tatsache ist, dass die Wartelisten trotz Krise nach wie vor lang sind. Für viele Galeristen ist die Art Rotterdam ein Sprungbrett: "Später sind sie dann auf der Art Basel, aber angefangen haben sie hier bei uns, auf der Art Rotterdam".

Auch Randi Thommessen aus Oslo hat es deshalb nach Rotterdam gezogen. Es ist ihre erste Messe überhaupt, mit ihrer vor knapp zwei Jahren gegründeten Galerie Lautom. "Ich will mein Geschäft aufbauen, und ein paar Kollegen haben mir geraten, damit in Rotterdam zu beginnen!" erzählt die junge Norwegerin.

Unter den Neuzugängen dieses Jahr befinden sich auch einige deutsche Galerien, darunter Kunstagenten aus Berlin mit einer prachtvollen neuen Foto-Stilllebenserie von Thorsten Brinkmann. Die Preise: zwischen 2400 und 8800 Euro. Der gebürtige Stuttgarter hat dafür wie so oft Alltagsgegenstände wie Kaffeebecher oder Garderobenhaken kunstvoll angeordnet und verfremdet. "Wir sind hierher gekommen, weil wir viele Sammler für Thorsten Brinkmann in den Niederlanden haben", erzählt Galerist Andreas Wiesner. "Die haben uns immer gesagt: Kommt doch nach Rotterdam, dort gehen wir auch hin. Wir kommen unseren Kunden eigentlich entgegen." Ob es sich lohnt, werde man sehen: "Es bleibt eine Wundertüte aber mehrere Sammler haben ihren Besuch bereits angekündigt."

"Die Krise macht allen einen Strich durch die Rechnung"

Auch seine Düsseldorfer Kollegin Anna Klinkhammer ein paar Meter weiter ist das erste Mal mit dabei. "Ich war im letzten Jahr als Besucherin hier und total begeistert, dass das hier so eine kleine, ganz schön ausgesuchte junge Messe ist, und das auch noch an einem wahnsinnig schönen Ort." Sie hat sich sofort angemeldet und zeigt nun kleine Altmeisterstilleben von Stefan Höller, Aquarelle von Manuela Wossowski und Porträts von Andrea Lehmann. "Natürlich macht die Krise uns allen einen Strich durch die Rechnung", erkennt auch Klinkhammer. Deshalb fährt sie auch nicht mehr in die USA. "Viel zu kostspielig dafür, dass da nichts los ist." Aber von Düsseldorf nach Rotterdam sei es ja nur ein Katzensprung, "deshalb ist das für mich hier eine freundliche Angelegenheit".

Verglichen mit dem amerikanischen Markt, der total eingestürzt ist, lässt sich der europäische ja fast noch als stabil bezeichnen. Nicht umsonst haben mehrere amerikanische Galeristen den Weg nach Rotterdam nicht gescheut. Auch aus London und Zürich sind Händler angereist – und aus Mailand. Denn aus Italien erwartet Rotterdam dieses Jahr mehr Sammler als je zuvor: Zeitgleich zur Art Rotterdam findet gleich gegenüber, im ehemaligen Hafenlagergebäude Las Palmas, die Object Rotterdam statt, eine neue Designmesse: "Und die Italiener sind ja bekanntlich verrückt nach Design!", sagt Manuela Klerx von der gleichnamigen Mailänder Galerie, die deshalb ihre Kollegen von "Pianissimo", ebenfalls Mailand, überreden konnte, auch nach Rotterdam zu kommen. Denn die weitaus meisten Besucher werden, wenn sie schon mal da sind, beide Messen besuchen.

"Dutch Design" auf der Object Rotterdam

Die Object Rotterdam konzentriert sich ganz auf aktuelles niederländiches Design, denn für "Dutch Design" sind die Niederländer inzwischen so berühmt wie für ihre Maler aus dem Goldenen 17. Jahrhundert. "Die meisten Designmessen werden kombiniert mit Messen für Möbel oder Industriedesign", erklärt Michel Huyse, der auch Direktor von Object Rotterdam ist. "Wir hingegen zeigen autonomes Design, alles in kleiner Auflage und handgemacht, das macht uns einzigartig." Ebenfalls neu: Vintage, das auf der Art Basel Design doch fast 50 Prozent ausmacht, fehlt hier vollkommen: "Bei uns gibt es nichts Altes – wir zeigen nur Neues".

Egal, ob Hella Jongerius, Maarten Baas oder Tejo Remy – alle großen Namen sind vertreten, Designfans kommen voll auf ihre Kosten. Zwar ist es auch der Object Rotterdam nicht gelungen, ganz frei von Kitsch und Nippes zu sein. Doch erstens lässt sich über Geschmack bekanntlich streiten. Zweitens wird das wieder wettgemacht durch wirklich wunderschöne Entwürfe wie etwa die kunstvoll geflochtenen Körbe von Scholten & Baijings, die der alten Weideflechttechnik neues Leben einblasen und dieses uralte Material frech und elegant zugleich mit poppig-buntem Plastik kombinieren.

"Rotterdam ist jung und frisch und offen"

David Huycke aus Antwerpen zeigt faszierend runde Vasen aus Zehntausenden von winzigen Perlen, mal sahnig weiss, mal golden. Und die Stehlampen aus grünen oder roten Gartenschläuchen des Rotterdamers Sander Bokkinga sind ebenso ein echter Hingucker wie der Kabinettsschrank, den sein Haager Kollege Onno Schelling über und über mit schwarzweißen Dominosteinen bekleidet hat – inspiriert von den Kunstkabinetten aus dem 17. Jahrhundert, in denen Sammler ihre Kostbarkeiten aufbewahrten wie Schmuck, Kunstgegenstände oder Muscheln.

Auch Altmeister Richard Hutten ist mit dabei und überrascht mit der modernen Version eines Perserteppichs, auf dem die altbekannten Muster auf einmal zu parallel verlaufenden bunten Streifen werden, gerade so, als habe man sie wie ein Gummi extrem in die Länge gezogen. Zu haben für 7000 Euro bei I & I aus Mailand. Auch für sie war die Reise nach Rotterdam ein Muss: "Wir sind hier, um neue Türen zu öffnen", erklärt Firmengründer Paolo Giordano. "Rotterdam ist jung und frisch und offen – und damit trotz Wirtschaftskrise immer noch der ideale Ort, um Neues auszuprobieren."

"Art Rotterdam" / "Object Rotterdam"

Termin: beide Messen bis 8. Februar, Cruise Terminal Rotterdam (Art Rotterdam) und Las Palmas, LP II, Wilhelminakade 326, Rotterdam (Object Rotterdam)
http://www.artrotterdam.nl/

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