Frieze Art Fair 2009 - London

Es bewegt sich wieder was

Kleinere und preiswertere Formate, weniger Galerien und fast keine Nebenmessen mehr – man spürt die Folgen der Rezession in London. Trotzdem machten die Galeristen der diesjährigen Frieze Art Fair glückliche Gesichter und gute Geschäfte.

Claudia Djabbari und Jim Ricks – er aus New York, sie eine im Iran geborene Münchnerin – gehören zu dem von Frieze bei der Kalifornierin Stephanie Syjuco in Auftrag gegebenen Projekt "Copystand". Sie fertigen billige Kopien von Kunstwerken an, die sie auf den Messeständen gesehen haben, und verkaufen sie für wenig Geld.

Mark Wallingers Gemälde "Selfportrait (Elephant)", der schwarze Großbuchstabe I auf weißem Grund, wurde als Papiercollage von Ricks für 400 Pfund losgeschlagen, das Original kostet bei Anthony Reynolds aus London 75 000 Pfund, ein zwei Meter langes Hündchen des Koreaners Gimhongsok, selbst einer Arbeit von Jeff Koons entlehnt, ist bei Kukje aus Seoul für 40 000 Dollar zu haben, Claudia Djibbari wurde ihre kleine Tonnachbildung für 120 Pfund los. Bei Stephanie Syjucos "parasitischem Workshop" also reger Absatz, was man nicht von allen insgesamt 165 Ständen der 7. Frieze Art Fair in dem riesigen Zelt in Londons Regents Park sagen kann. Einige klagten über ein langsames Anlaufen der geladenen Gästen am ersten Nachmittag, sprich Sammlern und Kuratoren, vorbehalten ist. Denn auch hier macht sich die Rezession bemerkbar. Die Sammler sind vorsichtig geworden. Musste man sich noch vor zwei Jahren blitzschnell entscheiden, um eine Arbeit zu bekommen, hat man heute Zeit, kann überlegen, abwägen, vielleicht sogar handeln.

28 Galerien, die noch im letzten Jahr dabei waren, vor allem aus den USA, blieben fern. Sie scheuten wohl die hohen Kosten, hatten vielleicht Angst, auf ihrer Ware sitzenzubleiben. Dafür kamen neue. Wie die Berlinerin Joanna Kamm, die London der Supermesse Miami vorzog. Sie glaubt, "regionaler" arbeiten zu müssen, da viele ihrer amerikanischen Kunden abgesprungen sind. Die Deutschen stellen auch in diesem Jahr mit 15 Galerien das drittgrößte Kontingent nach dem Gastland und den USA.

Vitrine von Damien Hirst fünf Millionen Dollar

Zwar waren die Schlangen nicht so lang wie noch vor zwei Jahren, doch das neugierige Publikum und die Sammler kamen zuhauf. Auch die Superreichen wie der russische Oligarch Roman Abramowitsch, der erst vor kurzem Kunst zu kaufen begann. Er interessierte sich vor allem für den Stand der Londoner Lisson Gallery und verweilte lange vor einer Neonarbeit von Jonathan Monk mit der Aufforderung "Do Not Pay More Than $20.000", deren Preis jeden Tag um 10 000 Dollar steigt, ein Klacks für den Milliardär. Galerist Nicholas Logsdail zeigte sich zufrieden mit dem Verkauf von Anish Kapoors spiegelnder Plastik "Turning The World Upside Down" für 475 000 Pfund.

Die meisten Galerien machten schließlich gutes Geschäft. Bei Contemporary Fine Arts aus Berlin vermehrten sich die roten "Verkauft"-Aufkleber rapide, Gemälde von Thomas Hauseago und Uwe Henneken wechselten den Besitzer. Thaddäus Ropac aus Wien wurde eine abstrakte Arbeit von Georg Baselitz für 400 000 Euro los, Jay Joplings White Cube verkaufte ein Foto von Andreas Gursky für 750 000 Dollar, gleich drei Sammler waren bereit, für eine mit chirurgischen Instrumenten gefüllte Vitrine von Damien Hirst fünf Millionen Dollar zu bezahlen, und die Londonerin Sadie Coles verkaufte gleich drei Wandreliefs aus farbigem Aluminium von Jim Lambie. "Ich will nicht zu optimistisch klingen", sagte sie, "aber es bewegt sich wieder was."

Diesmal mit eigener jungen Messe: "Frame"

Den beiden Off-Messen Scope und Pulse, die sich im Umfeld von Frieze etabliert hatten, hat die Rezession den Garaus gemacht. Übriggeblieben ist Zoo, die Messe für die jungen Galerien, die im Londoner Zoo begann, und jetzt ein eigenes Gebäude bezogen hat, einen aufgelassenen Industriekomplex im Stadtteil Shoreditch. Einige Galerien wie Londons Rachmaninoff’s schafften den Sprung von Zoo zu Frieze, andere rückten nach. Hier ist zu sehen, was bald hohe Preise erzielen wird.

Mit "Frame" hat sich Frieze in diesem Jahr aber selbst eine junge Messe beschert. Im hinteren Teil des Zelts stellen 29 Galerien jeweils einen ihrer Künstler vor, und hier darf es auch antikapitalistisch zugehen. In vier kurzen Videos klärt das dänische Kollektiv Superflex mit hypnotisierender Stimme, wie man mit der Finanzkrise fertigwerden kann, nicht weit davon entfernt flattert ein Banner mit der Aufschrift "Long Live and Thrive Capitalism". Nach anfänglicher Scheu drangen die Sammler auch hierhin vor und begannen zu kaufen. Unverkäuflich war allerdings Alan Kanes "Collection of Mr. & Mrs. L.M.Kane" bei Ancient & Modern aus London – der Künstler zeigte liebevoll die Kunstsammlung seiner Eltern, von Nippes und getrockneten Blumen bis zu einem Foto, auf dem sie zusammen mit dem Papst zu sehen sind.

Dazu verschwitzte, schwarze Socken von Christoph Büchel

Nicht, dass es auf der eigentlichen Messe etwa nur bierernst zuging. Der Schweizer Christoph Büchel hatte bei Hauser und Wirth ein Paar verschwitzte, schwarze Socken auf dem Boden platziert. Trotz der 20 000 Euro, die sie kosten sollten, meldeten zwei Sammler schon bald ihr Interesse an. Für New Yorks Gavin Brown’s Enterprise schrieb Rirkrit Tiravanija auf Zeitungspapier den Satz "The Days of This Society Is Numbered". Was der grammatikalische Fehler zu bedeuten hat, blieb unklar. Bei Greene Naftali zeichnete Sophie von Hellermann das Porträt eines jeden Sammlers, der ihr Buch mit Zeichnungen für zehn Pfund erstand. Allerdings musste ihr sein Gesicht gefallen. Und die Mailänder Galerie Zero stellte nur eine einzige Arbeit aus, "Aspen" von Victor Man. Als das winzige Gemälde für 25 000 Euro wegging, konnte Galerist Paolo Zani stolz verkünden: "Ausverkauft!"

Ist "Untitled" (2008) von Elmgreen und Dragset, bei Galería Helga de Alvear aus Madrid für 55 000 Euro zu haben, ein Symbol für die gegenwärtige Misere des Kunstmarkts? Der nach vorne schreitende Mann des skandinavischen Konzept-Duos, das seit kurzem in London lebt, ist einer Skulptur von Alberto Giacometti nachempfunden, aber mit einer Kette an einem riesigen weißen Ball festgemacht. "Die Kunstwelt nach dem Credit Crunch", sagte Michael Elmgreen schmunzelnd der Abendzeitung Evening Standard, "es gibt kein Voranschreiten mehr." Vielleicht ist der Markt aber schon einen Schritt weiter.

"Frieze Art Fair"

Termin: bis 18. Oktober, Regents Park, London
http://www.friezeartfair.com/