Art Basel Miami Beach - Kunstmesse

Geld bringt Geld

Kein Kaufrausch zwar, aber immerhin griffen neue Sammler und solche der konstanten alten Schule auf der zehnten Art Basel Miami Beach beherzt ins Portemonnaie. Recyclingwerke bis zu Objekten der oberen Preisklasse boten die Galerien an, aufwendige Installationen blieben die Ausnahme. Darüberhinaus durfte die Mode nicht fehlen. Wieder einmal war die gesamte Cocktails-schlürfende Szene vertreten und so gaben sich Kunst- und Filmstars die Klinke in die Hand. "If you're happy, and you know it..."
Happiness:Kunstmesse Art Basel Miami

Ein Messebesucher betrachtet interessiert ein Werk der Houstener Sicardi Gallery

Viele Passagiere waren auf dem Weg zur Messe nach Miami, als die Fluggesellschaft American Airlines für bankrott erklärt wurde. Die "New York Times" berichtete darüber, wie sich die Finanzkrise in Europa auf Amerika auswirkt und brachte neben der Meldung zur Räumung von Occupy Wall Street in Los Angeles eine Titelgeschichte über drei amerikanische Investmentmanager, die den Lotterie-Jackpot von 254 Millionen Dollar gewonnen hatten. Eine "feel-good-story für das eine Prozent", das die Finanz-Elite ausmacht, kommentierte die "Times". Für viele Galerien handelte es sich trotz der wirtschaftlichen Turbulenzen bei der zehnten Ausgabe der Art Basel Miami Beach um eine ebenso glückliche Story.

260 Galerien aus Amerika, Europa, Lateinamerika, Afrika und Asien, und vor allem mit 26 Teilnehmern aus Lateinamerika, sind mit Arbeiten von mehr als 2000 Künstlern angereist, um deren Marktwert zu testen. Für die Galerien ist es Jahr für Jahr ein kostspieliges Experiment. Die Gebühren für den kleinsten Messestand auf der Hauptmesse starten bei 33 000 Dollar. Doch es ging schon am Eröffnungstag vielversprechend los. Zwar gehören die Zeiten der Käufer-Attacken auch weiterhin der Ära vor der Wirtschaftskrise an. Das konnten auch die Partys, mit denen am Vorabend der Messestart begossen wurde, nicht ändern. Ferrari hatte das Parkhaus von Herzog & de Meuron in rotes Licht getaucht und verteilte farblich passende Schals an prominente Gäste wie Damian Hirst, Schauspieler Val Kilmer, die russische Multimillionärin und Sammlerin Dasha Zhukova und Sotheby's Chefauktionator Tobias Meyer, um ein neues Auto-Modell vorzuführen.

Die Konkurrenz von BMW übernahm den Park vor Frank Gehrys Konzerthalle, um die nächste Runde ihres Future Labs zu feiern. Und zu vorgerückter Stunde fand sich die versammelte Gemeinde, darunter die Künstler Sterling Ruby und Tracey Emin, zur Party der Londoner White Cube Gallery ein. Trotz der Rennautos und der üblichen Miami-Dekadenz blieb das Tempo auf der Messe am nächsten Tag gedrosselt. Die großen Auftritte der Galerien mit aufwendigen oder gewagten Installationen sind rar bis auf Ausnahmen: Ai Weiweis mit rostigen Schrauben verletzter Baum bei der Galerie Urs Meile, ein Plüschtier-Gigant von Takashi Murakami für 700 000 Dollar bei Emmanuel Perrotin oder Barbara Krugers Wandinstallation mit der weisen Feststellung "Money Makes Money" ("Geld bringt Geld") bei Mary Boone. Bei Helga de Alvear aus Madrid bauten Elmgreen & Dragset ihren sterilen Sauna-Club ”Amigos“ auf, in dem ein göttergleicher, scheinbar aidskranker Jüngling eine Bluttransfusion verpasst bekommt. Die Galerie L&M Arts widmet den kompletten Messestand Andy Warhol. Zeichnungen von Schuhen oder Dollarnoten mit Preisen von 18 000 Dollar bis 420 000 Dollar hängen auf Warhol-Tapeten. Eine perfekte Inszenierung. Die Verkäufe liefen wie zu erwartet gut, aber die Sammler ließen sich Zeit. Experimentierfreudiger geht es in der Sektion ”Art Positions“ zu, wo der brasilianische Künstler Paolo Nazareth aus seinem verrosteten VW-Bus heraus für zehn Dollar Bananen an die Gäste verkauft und für einen Dollar mit einem Schild und der Aufschrift ”My Image of Exotic Man For Sale“ für Fotos posiert. Ansonsten finden sich bei den Miami-Cocktails, die von den Galerien serviert werden, auffällig viele Arbeiten, bei denen die Künstler Recyclingmaterialien einsetzten – wie Gideon Rubins Mini-Porträts von gesichtslosen Prominenten auf Pappkarton-Ausrissen für 1100 Dollar, Tom Burrs auf die Leinwand gepinnte Wolldecken, Lisa Lapinskis Tapeten-Experimente oder eine Lederjackenlandschaft von Jonathan Monk.

Handarbeit verkauft sich gut

Die New Yorker Galeristin Marianne Boesky setzte mit einem Arrangement von Töpferarbeiten auf den jungen Chicagoer Newcomer William J. O'Brien. "In den vergangenen Jahren haben wir elegante, klassische Shows gemacht. Es war an der Zeit, wieder mal ein Risiko einzugehen", meinte Boesky, die einen Großteil der Arbeiten mit Preisen zwischen 6000 und 18 000 Dollar in den ersten Stunden verkauft hatte. "Nach all den großen Produktionen entdecken Künstler einfache Materialien wieder, die sie mit ihren Händen bearbeiten können." Während Hollywood-Star Michael Douglas und Gattin Catherine Zeta-Jones sich auf der Suche nach der Acquavella Gallery dem Blitzlicht-Gewitter ergeben mussten, erkundigte sich Kunst-Star Marina Abramović ungestört bei ihrem Händler Sean Kelly, ob sich ihre Foto-Arbeit "Count On Us" verkauft hatte. Rap-Mogul Diddy erwarb bei Lehmann Maupin eine Wandskulptur von Tracey Emin für 45 000 Dollar. Als der in L.A. lebende Bildhauer Thomas Houseago bei seiner Galerie Hauser & Wirth vorbeischaute, war seine Skulptur, die auf die Messebesucher loszugehen schien, für 350 000 Dollar bereits vergeben. "Es läuft gut", so ein zufriedener Marc Payot von Hauser & Wirth.

Lieber Kunst statt Aktien

Auch die obere Preisklasse, drei Editionen eines pinkfarbenen Zwerges von Paul McCarthy für 950 000 Dollar, hatten in den ersten Stunden einen Käufer gefunden. Judy Lybke, der nach einem Jahr Auszeit wieder mit seiner Galerie Eigen + Art nach Miami kam, hatte eher auf einen wirkungsvollen PR-Auftritt gesetzt und war positiv überrascht, dass diverse neue amerikanische Sammler auf die Arbeiten ansprangen. Darunter Carsten Nicolais in Aluminium gegossene akustische Wellen der Worte "Yes" und "No", die sich für 50 000 Dollar verkauften. "Es ist ein überraschend guter Mix an Kunden", meinte auch Michael Werner. "Der Preislevel ist ebenfalls höher als erwartet." Der New Yorker Kunsthändler hatte am ersten Tag Arbeiten von Sigmar Polke, Peter Doig, Aaron Curry, Per Kirkeby (Preis: 75 000 Dollar), Enrico David (65 000 Dollar) und Francis Picabia (350 000 Dollar) verkauft.
Wie schon bei den Auktionen scheint sich auch in Miami die Theorie zu bestätigen, dass finanzkräftige Sammler ihr Geld gern in Kunst anlegen anstatt auf unsichere Aktien oder Immobilien zu setzen. ”Eine wirtschaftliche Krise ist bei den amerikanischen Sammlern nicht zu spüren, die Messe läuft sehr gut“, erzählte Bruno Brunnet von Contemporary Fine Arts aus Berlin. Die Zahl der Millionäre auf der Welt ist 2010 um mehr als acht Prozent gestiegen und ihnen steht noch mehr Geld als vor der Finanzkrise zur Verfügung, rechnete "Art Newspaper" vor. "Sicher, wir haben den ein oder anderen neuen Sammler, der seine 30 000 Dollar gewinnbringend anlegen will. Der Kunstmarkt wird global befeuert. Die Tage der schnellen Deals sind dennoch vorbei", meint Tim Blum von Blum & Poe in Los Angeles. "Und am Ende des Tages sind es doch die Sammler der alten Schule, die bei uns kaufen und alles am Laufen halten."

No party without fashion

Natürlich gesellte sich auch in diesem Jahr die Mode zur Kunst. Und zwar in Form von Pop-Up-Shops im Design District. Anselm Reyle entwirft Taschen für Dior, Liam Gillick Strickpullover für Pringle of Scotland. In Miami erhebt man Shopping zum Kulturereignis. Der Schweizer Künstler Olaf Breuning kreierte nicht nur ein sympathisches Logo für Bally, sondern stellte Taschen und Schuhe vor, der er mit dem Team des Schweizer Unternehmens designte. "Während ich bei meiner Arbeit als Künstler kompromisslos vorgehe, nehme ich Kollaborationen wie diese ganz einfach aus dem Grund an, dass sie Spaß machen", sagte Breuning. Die Ansicht, dass sich die Kunst von derart kommerziellen Projekten fernzuhalten habe, hält der in New York Lebende für völlig überholt. Die Messe hat in den vergangenen zehn Jahren nicht nur Miami verwandelt, sondern auch neue Maßstäbe für die Verschmelzung von Marketing, Kunst und Entertainment gesetzt. So erntet der Brooklyner Künstler Eric Doeringer, der in seinen Arbeiten unermüdlich den Kunstmarkt karikiert, in diesem Jahr mit seinen T-Shirts mit dem Aufdruck "Fuck Art Fairs" nicht mehr als ein gelangweiltes Schulterzucken. Die Party unter Palmen geht weiter, und niemand hier in Miami interessiert sich so recht für Storys, die nicht happy sind.

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