Art Karlsruhe 2009 - Kunstmesse

Wir bleiben auf dem Teppich

Viel junge Kunst für ein breites Publikum: Die Kunstmesse Art Karlsruhe präsentiert sich bodenständig und setzt dabei auf solide Basisarbeit und möglichst viele Kooperationen. Wenn die Messe einen Titel verdient hat, dann in jedem Fall den, die sympathischste Messe Deutschlands zu sein.
"Wir bleiben auf dem Teppich!":Das Fazit zur Art Karlsruhe 2009

Wenig Knaller, aber dafür solide Basisarbeit: Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass sich mit der Karlsruher Bodenständigkeit durchaus Geld verdienen lässt – Blick in das Messegelände der diesjährigen Art Karlsruhe

Kunstmessen können an die Substanz gehen. Michael Sturm bringen sie zum Schwitzen. Wenn auch in diesem Jahr wieder 38 000 Besucher zur Art Karlsruhe kommen sollten und davon nur ein Bruchteil die Installation des Künstlerkollektivs Filderbahnfreundemöhringen besichtigt, wird er ordentlich Muskelkater bekommen. Solange Kunstvermittler, Galeristen, Kuratoren oder Sammler ein Rad bewegen, solange brennt für die Kunst eine Lampe – so lautet die Botschaft der Künstler. Konkret heißt das: Wenn ein Betrachter sich in die finstere Koje der Künstler tastet, geht ihm ein Licht auf – sofern sich Michael Sturm auf den Heimtrainer setzt und Strom erzeugt.

Die Installation "Wenn die Nacht..." ist eine der originellsten Arbeiten bei der Art Karlsruhe. Die Kunstmesse findet nun zum sechsten Mal statt, und man könnte meinen, dass Künstler nichts anderes mehr tun als malen, malen, malen. Die Messe ist noch einmal gewachsen und füllt nun vier Hallen, und die Stellwände sind mit junger Kunst übersät, mit gegenständlicher Malerei in allen Formaten und Variationen. Karoline Kroiß hat ein Mädchen gemalt, doch die Blüten auf ihrem Rock purzeln auf die Wiese – 3500 Euro kostet das "Blumenkleid" bei der Galerie Raab aus Berlin. Michael Bach hat dagegen die Stadtsilhouette von "Rio" abgemalt und dabei die Häuser mit malerischer Struktur versehen, Längs- und Querstreifen, Rastern und Schraffuren.

Stärker als in den Vorjahren zeigt sich die Art Karlsruhe als Messe für junge Kunst. Für Kunst, die nicht immer ausgereift ist und der manchmal die Themen fehlen. So werden immer wieder Fotografien abgemalt, Michael Oliver Flüß hängt der guten alten Zeit mit Details historischer Nähmaschinen und altmodischer Spitzer nach, Bilder, die es für 1980 Euro bei Epikur aus Wuppertal gibt. Joanna Jesse kopiert Fotos von einer Klassenfahrt, Monika Taffet klatscht ein traditionelles Waldstück mit schmatzend-teigiger Farbe auf die Leinwand.

Das Ziel: Neue Käuferschichten zu gewinnen

Die Mainzer Galeristin Dorothea van der Koelen hat die riesige Videoarbeit "Mare Verticale" von Fabrizio Plessi mitgebracht – ein stehendes Boot, in dessen Boden das Wasser digital plätschert. Kostenpunkt: 580 000 Euro. Aber solche Preise sind auf der Art Karlsruhe die absolute Ausnahme. Auch Drucke von Andy Warhol für 20 000 Euro oder Roy Lichtenstein für 30 000 Euro liegen schon im oberen Segment. Das Gros der Werke kostet unter 10 000 Euro, und für 320 Euro bekommt man bereits eine große, geschnitzte Karotte von Ralf Klement.

Der Leiter Ewald Karl Schrade hat von Anfang auf ein breites Publikum gesetzt. Er wollte nie anderen Messen das Wasser abgraben, sondern sein Ziel war es, neue Käuferschichten für die Kunst zu gewinnen. Deshalb hat er nicht auf den elitären Hype gesetzt, sondern auf solide Basisarbeit und möglichst viele Kooperationen. In diesem Jahr ist – unterstützt vom Berliner Senat – die Sektion "Art from Berlin" eingerichtet worden. Arthur de Ganay stellt seine private Sammlung mit zeitgenössischer Fotografie aus. Museen und Künstlerverbände präsentieren sich, Galeristen, die sich zu einer One-Artist-Show entschließen, bekommen zudem vergünstigte Konditionen – und Schrade betont oft und gern: "Wie bleiben auf dem Teppich".

Die Art Karlsruhe tickt eben anders

Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass sich mit dieser Bodenständigkeit durchaus Geld verdienen lässt – nicht das große Geld, aber reelle Gewinne werden sehr wohl gemacht. Deshalb war das Interesse in diesem Jahr enorm, und deshalb sind 64 neue Aussteller hinzugekommen. Die Galerie Mario Mauroner aus Wien "wollte in Deutschland vertreten sein, aber wir waren diesmal nicht mehr in Köln, weil es dort so schlecht läuft". Mit dabei hat die Galerie unter anderem eine Arbeit, die nicht besser zu Karlsruhe passen könnte: Eine Fotografie von Lois Renner, die das hoffnungslos überfüllte Büro von Peter Weibel zeigt. Der Direktor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe feiert dieser Tage seinen 65. Geburtstag – und vielleicht schenkt ihm ja jemand den C-Print für 48 000 Euro.

Vielleicht ist es nur Zufall, dass ausgerechnet in der Koje von Karlheinz Meyer aus Karlsruhe wenig los ist. Er hat Bilder von Jonathan Meese im Angebot, auf die sich doch eigentlich alle stürzen müssten – zumal man zwar 42 000 Euro investieren kann, aber auch schon für zehn Euro ein signiertes Plakat bekommt. Aber die Art Karlsruhe tickt eben anders, hier scheint man sich nicht um Trends und die elitären Rituale der Szene zu scheren. In der Kindermalwerkstatt pinselt der Nachwuchs, im Foyer wird diskutiert, im "Stuttgart Corner" – einem Zusammenschluss der Stuttgarter Galerien Harthan, Sturm und Mueller-Roth – trifft man sich beim Sekt zum Plausch. Wenn die Art Karlsruhe einen Titel verdient hat, dann in jedem Fall den, die sympathischste Messe zu sein. Schrade legt Wert darauf, dass sich Besucher wie Aussteller wohlfühlen. Manche brauchen offenbar die Krise, um zu bemerken, dass das nicht das Schlechteste ist.

"Art Karlsruhe 2009"

Internationale Messe für Klassische Moderne und Gegenwartskunst. Termin: bis 8. März, Messeallee 1, 76287 Rheinstetten
http://www.art-karlsruhe.de/