Auktionen der Zeitgenossen - New York

Das ist Rock 'n' Roll

Es ist die neue Zeit der Superlative und der Spekulanten. Dass einmal so viel internationales Geld in den Kunstmarkt fließen würde, hat sich selbst das Christie's-Team nicht erträumen lassen. Christie's legte bei den Versteigerungen in New York das beste Ergebnis in der Auktions-Geschichte hin und auch Sotheby's hatte einen wichtigen Rekord zu vermelden.

Bei 40 Millionen kommentierte einer der stehenden Gäste im bis auf den letzten Platz gefüllten Auktionssaal bei Christie’s die Veranstaltung mit: "Das ist Rock 'n' Roll". Als Jackson Pollocks "Number 19" von 1948 schließlich bei 58,3 Millionen Dollar unter den Hammer kam, stieß er nur noch ein anerkennendes Pfeifen aus.

Der Auktionsrekord für Pollock, der erst vor sechs Monaten bei der Konkurrenz Sotheby’s mit 40 Millionen Dollar erzielt worden war, wurde damit gebrochen. Grundsätzlich handelte es sich um eine Nacht der Superlative: Mit 495 Millionen Dollar war es das höchste Ergebnis einer Versteigerung von Kunst, das in der Auktionsgeschichte erzielt wurde.

"Wir befinden uns in einer neuen Ära des Kunstmarktes mit einer globalen Konkurrenz, die auf dem höchsten Level um Arbeiten wetteifert”, sagte Auktionator und Christie's Chef für Europa, den Nahen Osten, Russland und Indien, Jussi Pylkkänen nach der Versteigerung. "Vor 20 Jahren hätten wir uns so etwas nicht träumen lassen." 50 Bieter hätten beispielsweise Interesse an dem Pollock-Werk angemeldet. Die Zahl der Kunden, die um Bereich von mehr als 20 Millionen Dollar mitbieten, sei enorm.

Was dazu führte, dass zwölf Rekorde erzielt wurden. Dazu zählte die zweitteuerste Arbeit des Abends, Roy Lichtensteins "Woman with Flowered Hat" von 1963 für 56,1 Millionen Dollar. Der britische Schmuckdesigner Laurence Graff spendierte sich das Bild, auf dem Lichtenstein mit eine Motiv von Picasso spielte, selbst als Geburtstagsgeschenk. Der nächste Rekord galt Jean-Michel Basquiats Drogen-Fratzen "Dustheads" für 48,8 Millionen Dollar. Weitere Rekordmeldungen: 25,8 Millionen Dollar für Philip Gustons Ölgemälde "To Fellini" von 1958 und Piero Manzonis horizontale Farblinien "Achrome" für 14,1 Millionen Dollar. Auch Künstler der heutigen Zeit wie Luc Tuymans (für "Rumour" von 2001) mit 2,6 Millionen Dollar, Richard Serra (für die rostige Stahlwand "L.A. Cone" von 1986) für 4,2 Millionen Dollar und Julie Mehretu ("Retopistics: A Renegade Excavation" von 2001) mit 4,6 Millionen Dollar waren vertreten.

Zwei große Sammlung, besonders die des 2012 verstorbenen Sängers Andy Williams und die von Celeste and Armand Bartos, die viele bedeutende Werke an das MoMA gespendet hatten, führten zum Erfolg. Das ursprünglich höchste Auktionsergebnis bei den Zeitgenossen war im November 2006 auf der Höhe des Kunstbooms ebenfalls bei Christie’s mit 491,5 Millionen Dollar erzielt worden.

Bei der Konkurrenz am Vorabend hatte sich wieder einmal Gerhard Richter auf dem Kunstmarkt bewiesen: Sein beinahe drei Meter hohes Bild "Domplatz, Mailand" von 1968, das den Vorplatz der Kathedrale von Mailand wie durch einen verschwommenen Nebel wahrgenommen zeigt, erzielte 37,1 Millionen Dollar. Der Zuschlag ging an den New Yorker Sammler und das MoMA-Vorstandsmitglied Donald Bryant, der mit seinem Investment-Service ein Vermögen von vier Milliarden Dollar angehäuft hat. Mit "Domplatz, Mailand", das bis vor kurzem im Hyatt Hotel in Chicago hing, handelt es sich um das teuerste Werk eines lebenden Künstlers, das bei einer Auktion versteigert wurde. Richter brach damit seinen eigenen Rekord von Oktober 2012, als Eric Clapton "Abstraktes Bild (804-9)" für 34 Millionen Dollar verkaufte.

Doch es sollte nicht die teuerste Arbeit des Abends sein: Die stammt von Barnett Newman. Um seine blaue abstrakte Komposition "Onement VI", die von Microsoft-Mitgründer Paul Allen verkauft wurde, stritten sich sechs Bieter, bis bei 43,8 Millionen Dollar der Hammer fiel. Das Werk hat eine reiche Geschichte, zu der ein Coca-Cola-Fleck zählt und die Tatsache, dass sie zum Kunstschatz einer Firma gehörte, die unter anderem von den großen Spielern Larry Gagosian und Peter Brant gegründet wurde – beide wurden 2003 auf Grund zwielichtiger Transaktionen mit dem überwiegenden Teil der Werke wegen Steuerhinterziehung angeklagt.

Der Markt für Trophäen ist so überhitzt wie in Zeiten vor der Rezession. Der Rekord für Newman war mit 22,4 Millionen Dollar erst vor einem Jahr erzielt worden. Weitere Rekorde wurden übertroffen, darunter Arbeiten von den New Yorker Jungstars Nate Lowman (665 000 Dollar für "Black Escalade" von 2005) und Dan Colen (eine Million Dollar für eines seiner Kaugummi-Bilder). "Lydian" von John Currin, das Porträt eines nackten jungen Mädchen, das erst kurz vor der Auktion fertig gestellt wurde, übertraf den Schätzpreis um ein Sechsfaches und ging für 2,9 Millionen Dollar weg. Die spekulative Komponente sei in den Markt zurükgekehrt, kommentierte ein Kunstberater für Citi Private Bank gegenüber dem Wirtschaftsnachrichten-Dienst Bloomberg. "Es ist mehr Geld vorhanden, das für riskantere Gelegenheiten ausgegeben wird, die noch vor wenigen Jahre als unattraktiv galten."

Eine Skulptur aus blauen Naturschwämmen von 1959 von Yves Klein ging für 22 Millionen Dollar unter den Hammer, Jackson Pollocks "The Blue Unconscious" für 20,8 Millionen Dollar, ein Werk von Clyfford Still für 20,8 Millionen Dollar. Maurizio Cattelan musste sich für seinen überlangen Kickertisch "Stadium" mit einem Preis von 2,6 Millionen Dollar begnügen. Ein Foto von Jeff Koons als vor einem Kasten Malstifte in einem Leuchtkasten, die ultimative Trophäe, ging für 9,4 Millionen Dollar an Philippe Ségalot.

Bis auf die Tatsache, dass Chefauktionator Tobias Meyer ein weißes Smoking Jacket trug, verlief die Sotheby’s-Auktion sonst wenig aufsehenerregend. 283,9 Millionen Dollar wurden eingefahren. Bei Sotheby’s nahm die Auktion immerhin Platz fünf unter den erfolgreichsten Abend-Versteigerungen von zeitgenössischer Kunst ein. Elf der 64 Lose fanden keinen Abnehmer, darunter ein Francis Bacon (das Porträt seines Liebhabers Peter Lacy), ein Blumen-Relief von Jeff Koons und eine Staubsauger-Installation von Koons aus den achtziger Jahren, die Sammler Peter Brant für mindestens zehn Millionen Dollar verkaufen wollte.

Mehr zum Thema auf art-magazin.de